Rassismus im Fußball "Von Gegenspielern, Zuschauern und Schiedsrichtern beschimpft"

Wenn Martino Gatti mit seinem Berliner Club Yesilyurt im Osten kickt, brüllen gegnerische Fans: "Die blöden Kanaken kommen." Im Interview mit SPIEGEL ONLINE berichtet er von pöbelnden Linienrichtern - und einem Stadionsprecher, der jubelt, wenn "endlich ein Deutscher" eingewechselt wird.


SPIEGEL ONLINE: Herr Gatti, am Wochenende wurde in Brandenburg ein Schiedsrichter niedergeschlagen, türkische Jugendspieler verprügelten ihre Gegenspieler. Überraschen Sie solche Vorfälle?

Martino Gatti: Nein. Schon in den letzten Jahren ging es auf und am Rande der Fußballplätze immer aggressiver zu. Besonders intensiv erlebe ich das, seit ich in der Oberliga Nordost für den Berliner Club SV Yesilyurt spiele. Bei den Auswärtsbegegnungen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg herrscht uns gegenüber häufig eine äußerst feindselige Stimmung.

Polizeieinsatz: Extrem aggressive Atmosphäre
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Polizeieinsatz: Extrem aggressive Atmosphäre

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind italienischer Herkunft, Ihr Verein hat türkische Wurzeln. Was erwartet ein ausländisches Team im Osten?

Gatti: Anfeindungen und Beleidigungen jeglicher Art. Wir werden von Gegenspielern, Schiedsrichtern und Zuschauern beschimpft. Vor, während und nach dem Spiel. Egal, ob wir gewonnen oder verloren haben.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert genau?

Gatti: Es fängt an, wenn wir mit dem Bus ankommen. Dann brüllen zuweilen schon einige: "Die blöden Kanaken kommen." Während des Spiels nehmen die Beschimpfungen zu. Besonders schlimm ist es, wenn wir gewinnen. Dann herrscht eine extrem aggressive Atmosphäre. In Neustrelitz wollten uns die gegnerischen Spieler verweigern, zu duschen. Einmal mussten wir nach Spielschluss eine halbe Stunde im Bus warten, bis die Polizei den Mob beruhigt hatte und wir nach Hause fahren konnten.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhalten sich die Vereinsverantwortlichen?

Gatti: Sie ignorieren oft solche Vorfälle. In Neustrelitz wurde sogar von offizieller Seite Stimmung gegen uns gemacht. Der Stadionsprecher kommentierte die Einwechslung eines Spielers von uns mit dem Satz: "Endlich wird mal ein Deutscher gebracht."

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie von den Schiedsrichtern geschützt?

Gatti: Die Schiedsrichter greifen viel zu wenig ein. Sie hören reihenweise weg. Beschwert man sich deshalb, riskiert man eine Gelbe Karte. Selbst ein Linienrichter hat einmal zu unseren Leuten auf der Bank gesagt: "Geht doch dahin zurück, wo ihr herkommt."

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in der Oberliga schon Handgreiflichkeiten erlebt?

Gatti: Nein. Das liegt aber auch daran, dass wir Konflikten aus dem Weg gehen. In Torgelow zum Beispiel erwarteten uns zum Auslaufen nach Spielende einheimische Zuschauer auf dem Platz. Die Aggressionen waren förmlich zu spüren. Unser Trainer hat uns deshalb wieder in die Kabine zurückgeschickt. Ich bin überzeugt: Würden wir uns öfter verbal gegen die Anfeindungen zur Wehr setzen, käme es schnell zu Handgreiflichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele werden ausfallend?

Gatti: Das ist schwierig zu beziffern. Natürlich ist es eine Minderheit. Aber bei 200 Zuschauern kann sie sich lautstark bemerkbar machen. Wenn die Mehrheit nicht darauf reagiert, bekommt man das Gefühl, dass alle ähnlich denken.

SPIEGEL ONLINE: Wie zeigt sich die zunehmende Ausländerfeindlichkeit?

Gatti: Früher gab es vereinzelte Bemerkungen hinter vorgehaltener Hand. Heute entlädt sich das alles ganz offen. Die Hemmschwelle ist niedriger geworden und die Zustimmung steigt. Ich spiele seit vier Jahren in der Oberliga. Anfangs versuchte ich mir einzureden: So schlimm ist das doch nicht. Das hört vielleicht irgendwann auf. Aber im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Es ist sehr hart, wenn man dem jede Woche, Jahr für Jahr ausgesetzt ist.

SPIEGEL ONLINE: Holger Fuchs, der Geschäftsführer des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), widerspricht der Behauptung, die Situation habe sich verschlimmert. Trotz der Aufforderung, solche Vorkommnisse zu melden, seien nicht mehr Beschwerden festzustellen.

Gatti: Ich verstehe Herrn Fuchs. Leider tun wir und die anderen ausländischen Vereine wirklich zu wenig. Es fehlt hier an Zivilcourage. Vor zwei Jahren, als wir mit Yesilyurt beim BFC Dynamo gespielt haben, wurden wir mit Fladenbrot beworfen. In der Presse wurde darüber berichtet, doch wir unternahmen nichts. Der BFC Dynamo blieb straffrei. Die Vereine scheuen den Arbeitsaufwand. Es heißt dann, das bringt sowieso nichts. Oder: Uns glaubt keiner. Außerdem befürchtet man, von den Schiedsrichtern noch mehr benachteiligt zu werden, wenn man als Nörgler auffällt. Ich würde jedes Mal etwas schreiben. Wir müssen uns wehren, ansonsten passiert nichts. Es handelt sich ja nicht um Ausnahmen. Fast alle zwei Wochen geschieht etwas.

SPIEGEL ONLINE: Der BFC Dynamo ist berüchtigt für rechtsextreme gewaltbereite Fans. Was kann ein solcher Verein gegen Ausländerfeindlichkeit seines Publikums tun?

Gatti: Das ist wirklich ein besonders schwieriges Beispiel. Im Unterschied zu anderen Clubs handelt es sich hier nicht um eine Minderheit, die auffällig geworden ist. Ich war dort selbst für zwei Jahre unter Vertrag. Über die BFC-Fankultur wusste ich zuvor nichts. Hier müssen Aktionen mit Signalwirkung gestartet werden. Nur fürchtet sich dieser Verein davor, seine Fans zu verprellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten solche Aktionen aussehen?

Gatti: Ich habe Anfang der neunziger Jahre beim FC St. Pauli gespielt. Dort gab es auch rechtsradikal Gesinnte. Doch Verein und Fans haben sich dagegen gewehrt. Es wurden Initiativen gegründet wie "St.-Pauli-Fans gegen Rechts". Man veranstaltete Fanturniere mit ausländischen Fangruppen. In der Stadionzeitung wurde klar Stellung bezogen. Schritt für Schritt wurde den Extremen die Plattform entzogen. Doch den Vereinen muss auch vom Staat, den Kommunen und den Fußballverbänden geholfen werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Fußballbund hat nach der schweren Randale in Berlin und in Augsburg auf dem "Gewaltgipfel" Rassismus und Fremdenfeindlichkeit den Kampf angesagt.

Gatti: Ich hoffe schon, dass da etwas ins Rollen kommt. Schade nur, dass erst solche Randale wie in Berlin und Augsburg passieren muss, bevor gehandelt wird. Dabei gab es schon genug alarmierende Vorfälle.

Das Interview führte Johannes Kopp



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