"Rassismus" in der öffentlichen Debatte Die Abwehr steht

"Rassismus gibt es nicht im deutschen Fußball" - die Reaktion vieler Spieler auf Mesut Özils Rücktritt zeigt, wie gestört der deutsche Umgang mit manchen Begriffen ist. Nicht Diskriminierung gilt als Tabu, sondern Kritik daran.

Toni Kroos
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"Vom Rassismus im Sport und in der Nationalmannschaft kann absolut keine Rede sein", hatte Thomas Müller als Reaktion auf den Rücktritt von Mesut Özil gesagt. Jetzt hat Toni Kroos diese Sichtweise als zweiter prominenter Weltmeister von 2014 bekräftigt: "Ich denke, dass er selbst weiß, dass es Rassismus innerhalb der Nationalmannschaft und des DFB nicht gibt."

Damit unterstellte Kroos seinem ehemaligen Teamkollegen nicht nur, bewusst die Unwahrheit zu behaupten. Er offenbarte auch einmal mehr den erstaunlichen Umgang mit dem Wort Rassismus in der deutschen Debatte. Abstrakte Bekenntnisse gegen Rassismus, wie sie in Fußballstadien bei Imagekampagnen vorgetragen werden, gelten als unproblematisch und wünschenswert. Sobald man sich aber mit konkreten Aussagen einer einzelnen Person auseinandersetzen muss, hört bei vielen jedes Verständnis schnell auf.

Am deutlichsten äußert sich dieser Umgang in der Verwendung des Worts "Rassismus-Keule". Es unterstellt, dass die Verwendung des Begriffs Rassismus eine zu grobe Waffe sei, mit der der Kritisierte erschlagen werde. Nach dieser Logik darf man von Rassismus eigentlich gar nicht mehr sprechen - es sei denn, es geht um Vorkommnisse in fernen Ländern oder Leute, die explizit Dinge sagen wie "Ich finde, alle Menschen mit dunkler Hautfarbe sind minderwertig."

Das große Tabu

So gesehen ähnelt die Rolle des Begriffs Rassismus im öffentlichen Diskurs inzwischen der von Worten wie Nazi oder Antisemitismus. Was sie konkret bedeuten, ob ihre Verwendung jeweils zutreffend ist oder nicht, darüber kann gar nicht geredet werden, denn es kommt einem Tabubruch gleich, sie überhaupt auszusprechen oder aufzuschreiben. Das allerdings ist eine tragische Umkehrung. Die vermeintlichen Lehren aus der deutschen Geschichte, also der Zeit des Nationalsozialismus, des Angriffskriegs und des Holocaust, sollten ja ursprünglich darin bestehen, dass es nie wieder Faschismus, nie wieder Antisemitismus geben dürfe.

Übrig geblieben scheint jedoch oft nicht das Bewusstsein für die inhaltliche Basis dieser Imperative, sondern lediglich ihre Rolle als Tabu. Und dieses Tabu wird gewissermaßen vorgelagert. So ist es dann nicht mehr geächtet, rassistische oder antisemitische Dinge auszusprechen, sondern es gilt als indiskutabel, die Begriffe Rassismus oder Antisemitismus zu verwenden. Das allerdings kommt dann dem Gegenteil des ursprünglich Beabsichtigten gleich. So wirken Tabus auf viele Menschen: Sie verbieten und unterdrücken etwas so sehr, dass sich die Abwehr einer Praxis in die Abwehr ihrer Benennung verkehrt.

Ein Grund dafür scheint in der simplen, unerbittlichen Logik zu liegen: Wenn etwas (wie Rassismus) absolut geächtet ist, dann ist jemand, der des Rassismus bezichtigt wird, entweder sofort nicht mehr tragbar in seiner Rolle - oder der Vorwurf muss falsch sein und in Gänze zurückgewiesen werden.

Entweder man ist Rassist oder man hat sich nichts vorzuwerfen

Das mag erklären, warum fast niemand in der deutschen Fußballöffentlichkeit die Vorwürfe Özils gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel auch nur für bedenkenswert hält: Wenn an der Kritik etwas dran wäre, dann wäre Grindel in dieser Logik ein "Rassist". Und da das etwas Indiskutables ist, muss man sich auf eine Seite schlagen: Entweder Özil hat Recht, oder er hat Unrecht.

Noch rigider wird es, wenn diese Logik nicht nur auf einzelne Personen, sondern auf 80 Millionen Personen zugleich angewendet wird: "Nein, wir Deutschen sind nicht rassistisch", twitterte Christian Lindner, der stellvertretende Chefredakteur der "Bild am Sonntag" als Reaktion auf Özils Rücktritt. Das macht es natürlich einfach: Entweder alle Deutschen sind Rassisten (was weder Özil noch sonst jemand behauptet hatte), oder jeder Rassismus-Vorwurf führt in die Irre.

Ein jeder mag selbst beurteilen, auf welcher Seite der Debatte hier argumentative Keulen zur Anwendung kommen. Warum ist es so schwierig, Kritik wie die von Özil nicht als Ende, sondern als Anfang einer Debatte zu begreifen? Fußballstars wie Kroos müssten keine soziologische Analyse erstellen, und sie müssten sich auch nicht die Position der Menschen zu eigen machen, die sich rassistisch behandelt fühlen. Aber es wäre schon ein Anfang, mit ihnen zu reden. Statt sie zu belehren.

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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 16.08.2018
1. Wenn in Deutschland Integration statt findet, dann ....
im Fußball. Aber im Umkehrschluß: Gibt es Rassismus in Deutschland? Klar. Und im Fußball? Sicher auch, aber vermutlich weniger, weil im Fußball die Integration am besten funktioniert. Insgesamt ist aber dieser mediale Alarm fehl am Platz. Meine Frage: Liebe SPON-Redakteure, habt erst gerade den Rassismus in Deutschland entdeckt? Den gibt es schon immer, wird es immer geben, er ist aber als Zeiterscheinung momentan sicher relevanter, richtig! Aber: Jetzt so überrascht zu tun überrascht mich!
oschn 16.08.2018
2. Kill the messenger
Das ist doch schon lange so, und zwar auch in Unternehmen. Und auch nicht nur in Deutschland. Keiner mag Unruhestifter. Nicht die Tat ist das Schlechte, sondern der Überbringer der Nachricht, der Missstände ankreidet. Der Nestbeschmutzer, der es wagt, die Wahrheit über Unzulänglichkeiten zu sagen. Und das wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben. Chapeau an die Leute, die trotzdem dem Mut aufbringen, dem Paroli zu bieten.
mankannnurstaunen 16.08.2018
3. Es erschüttert mich wirklich,
dass über die Worte, die Mesut Özil gesagt hat, offenbar kein bisschen nachgedacht wird. Man will es wohl auch gar nicht. Sicher ist ein Toni Kroos oder ein Manuel Neuer noch nie rassistisch beleidigt worden, aber Mesut Özil wurde es. Genauso wie schon früher Jerome Boateng. Beide, und das hat auch keiner von beiden je behauptet, wurden je von ihren Mannschaftskollegen derartig beleidigt. Aber sie wurden es von Fans, von gewissen Politikern und zumindest Özil wurde von Führungspersönlichkeiten des DFB unter Druck gesetzt. Das und nichts anderes hat Mesut Özil angeprangert. Zu Recht! Und genau darüber sollte gesprochen werden. Warum vermeiden Leute wie Kroos, Neuer, Müller diese Diskussion? Stehen sie etwa auch unter Druck? Ich ziehe den Hut vor Mesut Özil. Einer, der einfach nur die Wahrheit gesagt hat, einer, der sich das Recht herausnimmt, sich nicht länger beleidigen zu lassen, einer, der dieses "spiel" nicht mehr mitspielt. Seine Mannschaftskollegen sollten mit ihm, statt über ihn reden! Einige wie der Julian Draxler tun es. Und das ist das einzige, das angebracht ist. Das einzige, das Wunden heilen kann.
buzi 16.08.2018
4. Danke
für diesen wahren Artikel. Leute wie Kroos, Müller oder Neuer haben kein Bewusstsein für die tatsächliche Stimmung im Land und vermutlich Angst um ihre Posten. Kroos kann den Rassismus in Deutschland eh kaum einschätzen, lebt ja nicht hier. Die beiden Bayern haben Hoeneß vor der Nase, das sagt ja alles. Ich bewundere Özil für seine Offenheit und seinen Mut und hoffe, dass die Rassismus-/Integrations-Debatte in Deutschland weiter offen auf dem Tisch bleibt, denn nur so kann man rechte Tendenzen wahrhaft bekämpfen.
geronimotr 16.08.2018
5. Diskurs
Ich finde in dem Zusammenhang mit Özils Rücktritt werden zwei Dinge vermischt: einerseits ist das Foto Özils mit Erdogan - ein politisches Statement seitens des Fußballers, das zu Recht kritisiert wird: warum unterstützt ein deutscher Nationalspieler einen Despoten kurz vor der Wahl? Und niemand kann behaupten, das diese Unterstützung Özil nicht bewusst war! Und andererseits die rassistischen Übergriffe deutscher Fans gegen seine Person oder andere Fußballspieler mit Migrationshintergrund, die keinesfalls hinzunehmen sind. Sich auf die sicher rassistisch motivierte Kritik zu beschränken , wird den Konflikt nicht klären. Und das Statement, er sei sich der Auswirkungen dieser Aktion nicht bewusst gewesen, sorry das ist für einen Erwachsenen doch ziemlich billig.
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