St.-Pauli-Sieg über Leipzig Immer einen Fuß dazwischen

Der FC St. Pauli zeigte beim Sieg gegen Tabellenführer Leipzig, was die Mannschaft in dieser Saison stark macht: Disziplin und Leidenschaft. Von der Bundesliga wollen die Hamburger dennoch nichts wissen.

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Die Pressekonferenz war vorbei, die Stimmung gelöst. Ewald Lienen, der Trainer des FC St. Pauli, saß noch immer vor der Sponsorenwand im Mediensaal, vor ihm in einer Art Stuhlkreis vor allem die Journalisten, die regelmäßig mit dem Hamburger Zweitligisten zu tun haben. Lienen streute ein paar Späße ein in seine Analyse der Partie gegen RB Leipzig, es wurde gelacht. Eine gute Situation also für eine heikle Frage. Der Frage danach, ob der FC St. Pauli denn jetzt eine Spitzenmannschaft sei.

1:0 hatte der Klub den Spitzenreiter besiegt, zum zweiten Mal schon in dieser Saison. Das Hinspiel war mit dem gleichen Ergebnis zu Ende gegangen. Die Aufstiegsplätze sind in Reichweite. Zumindest bis Montag ist St. Pauli punktgleich mit dem Tabellendritten Nürnberg. Auch in entspannter Atmosphäre ließ sich Lienen allerdings nicht locken. "Wir sind zu Spitzenleistungen in der Lage. Zu einer Spitzenmannschaft gehört aber noch mehr. Diese Etikettierung bringt uns nicht weiter." Wer auf Schlagzeilen oder eine Kampfansage gehofft hatte, wurde enttäuscht.

Schon seit Wochen geht das so: Wer Lienen fragt, was denn noch möglich sei in dieser Saison, ob St. Pauli vielleicht sogar als Kandidat für den Aufstieg infrage komme, handelt sich eine Abfuhr ein. Nach dem Fast-Abstieg in die dritte Liga in der Vorsaison ist das offizielle Ziel in dieser Spielzeit der Klassenerhalt.

Mittendrin im Aufstiegsrennen

Daran ändert sich nichts, auch wenn es besser läuft als erwartet. "Wir wollen so schnell wie möglich die 40 Punkte vollmachen", sagte Offensivspieler Marc Rzatkowski, dem gegen Leipzig in der achten Minute der entscheidende Treffer gelungen war. Tatsache ist allerdings, dass der FC St. Pauli mittendrin ist im Rennen um den Aufstieg. Ob das nun geplant war oder nicht.

Gegen die spielerisch drückend überlegenen Leipziger war in besonderer Ausprägung zu sehen, was Lienens Mannschaft stark macht in dieser Saison. Sie spielt Außenseiterfußball, versucht also gar nicht erst, das Spiel zu machen. Stattdessen verteidigt sie mit Disziplin und Leidenschaft. Viele Angriffe bleiben im Dickicht aus Abwehrbeinen hängen, und wenn doch einmal ein Ball durchkommt, gibt es ja immer noch Torwart Robin Himmelmann.

Er machte gegen Leipzig ein herausragendes Spiel, verhinderte gleich mehrmals einen Treffer per Blitzreflex. Das Torschussverhältnis von 29:16 für die finanzstarken Gäste zeigt, dass St. Paulis Sieg nicht durch eigene Überlegenheit zustande gekommen war. Sondern dadurch, dass der Abwehrwall hielt.

"Die Energieleistung war entscheidend"

"Wir haben immer noch einen Fuß dazwischen bekommen und alles dafür gegeben, dass der Ball nicht über die Linie geht", sagte Sportchef Thomas Meggle. "Die Energieleistung, das Teamgefüge und der letzte Wille, alles reinzudonnern - das war entscheidend."

Auch Trainer Lienen erklärte Kampfbereitschaft und günstiges Schicksal zu den wichtigsten Faktoren des Sieges gegen Leipzig. "Das fällt in die Kategorie: viel Glück, unglaublich schwer erarbeitet, aber dadurch verdient." Denn dass der FC St. Pauli die mit Nationalspielern wie dem Schweden Emil Forsberg und dem Dänen Yussuf Poulsen angetretenen Leipziger spielerisch zerlegen würde, war nicht zu erwarten gewesen. Jeder bedient sich seiner Mittel, um zum Erfolg zu kommen.

St. Paulis Spiele sind kein Feuerwerk der Angriffskunst. Die Mannschaft hat von allen Teams in der oberen Tabellenhälfte die wenigsten Tore geschossen. Dafür kassiert sie aber auch kaum welche. "Wir haben alle zusammen ein Ziel: hinten die Null zu halten", sagte Torwart Himmelmann. "Für die Offensivspieler ist es leichter, wenn sie wissen, dass dann auch mal ein Tor reicht. Sie müssen nicht immer zwei oder drei schießen."

Nach dem Spiel wurde es ergreifend im Millerntorstadion. Die Zuschauer hatten sich von ihren Sitzen erhoben und sangen mit einer solchen Hingabe den Klassiker aller Fußball-Romantiker, das aus Liverpool importierte "You'll Never Walk Alone", dass Sportchef Meggle kaum zu verstehen war. "Ich habe in den vergangenen zwei Jahren keine so starke Mannschaft gesehen. Das war erste Liga", rief er - und meinte damit den Tabellenführer aus Leipzig. Der FC St. Pauli will von der Bundesliga nichts wissen. Bis er plötzlich drin ist.



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insgesamt 5 Beiträge
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sylkeheimlich 13.02.2016
1.
Super Pauli! Wenigstens ein Verein in HH, der was taugt! Weiter so! Und dass die RotenBullen geschlagen wurden, macht den Sieg noch schöner!
Seifert 13.02.2016
2. Lachen
Also,wenn Ewald Lienen nach dem Spiel das Lachen anfaengt -dann wird das nie was mit dem Aufstieg.Geht er doch sonst a geblich immer zum Lachen in den Keller.Es ist aber schon ueberzeugend,was er -und die Mannschaft -in dieser Saison geleistet haben,Hut ab davor!
carterutm 13.02.2016
3. Geile Sache,
aber man hat eben auch gesehen, was St. Pauli in der ersten Liga erwarten würde. Und bekanntlich hat man nicht immer das Glück auf seiner Seite. Trotzdem: chapeau!
eimsbusher 13.02.2016
4. Besser nicht aufsteigen
So "geil" und aufregend das wäre, wenn Pauli aufstiege, sollte man für die langfristige Entwicklung eher hoffen, dass sie in der 2. Liga bleiben. Zwar sind Darmstadt und Ingolstadt gute Beispiele, dass man nicht sofort wieder unten drinhängen muss, aber befürchten würde ich es.
stefan.mahrdt 13.02.2016
5. Forza St. Pauli
Naja, den FC Sankt Pauli zeichnet noch vieles mehr aus: unbändiger Kampfgeist, kompromissloser Teamspirit, gemeinsamer politischer Wille, erstklassige Führung, Demut und Bescheidenheit, lange Tradition in seiner wunderschönen Heimatstadt, eine engagierte Fan Gemeinde, die auch bei Niederlagen und in schwierigen Zeiten zu ihrem Verein steht, gute Jugendarbeit und ... Ewald Lienen. Forza Sankt Pauli.
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