Leipzigs Matchwinner Lookman Kleiner Kerl mit falschen Schuhen

Gerade erst aus Everton ausgeliehen, schon Matchwinner in der Bundesliga: Dabei war Ademola Lookmans Verpflichtung untypisch für Leipzig - eher eine Notlösung.

Ralph Hasenhuettl (l.), Ademola Lookman
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Ralph Hasenhuettl (l.), Ademola Lookman

Aus Mönchengladbach berichtet


Es brodelte in Ralph Hasenhüttl. Gerade erst hatte er seinen einzigen Winterzugang in der Schlussphase gegen Borussia Mönchengladbach eingewechselt. Und dann musste der Trainer von RB Leipzig mehrere Minuten mit ansehen, wie Ademola Lookman auf dem rutschigen Rasen sichtlich nach Halt suchte. "Ich wollte ihn eigentlich sofort wieder rausnehmen", sagte Hasenhüttl nach dem Spiel.

Obwohl Hasenhüttl den 20-Jährigen schon im Training auf das Problem hingewiesen habe, weigerte sich der Angreifer einfach, andere Schuhe anzuziehen. "Er hat nur dieses eine Paar aus England mitgebracht", sagte der RB-Trainer. Und die haben keine langen Stollen, sondern nur Nocken. Aber Hasenhüttl ließ Lookman weiterspielen - und so wurde der Angreifer zum Helden des Abends: In der 89. Minute traf Lookman, Leipzig gewann 1:0. Und selbst bei seinem erfolgreichen Abschluss rutschte Lookmans Standbein bedenklich über den Rasen.

Zuvor hatte der englische U20-Weltmeister überhaupt nur zweimal mit den Kollegen trainiert, er musste laut Hasenhüttl einen "Taktik-Crashkurs" absolvieren. Und trotzdem sorgte er am Ende nicht nur für den Sieg, sondern auch für eine kuriose Wendung im Verlauf dieser bewegten Leipziger Winterwochen. Denn es gab viel Unruhe, nachdem die rasende Entwicklung des noch so jungen Vereins etwas ins Stocken geraten war.

Leipzigs Nachwuchs kann die Verletzten nicht ersetzen

Der Klub unterhält ein äußerst teures Jugendinternat, ist aber der einzige Bundesligist, der noch keinen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eingesetzt hat. Statt als Reaktion auf die Verletzung von Emil Forsberg ein selbst ausgebildetes Talent hochzuziehen, lieh der Klub Lookman bis zum Sommer aus.

Nach dem Kreuzbandriss von Marcel Halstenberg konnte Leipzig außerdem gar nicht mehr reagieren. Sportdirekter Ralf Rangnick ließ sich deshalb am Tag vor der Partie gegen Gladbach zu einer emotionalen Generalkritik an einigen RB-Abteilungen hinreißen.

Ralf Rangnick
DPA

Ralf Rangnick

"Wir müssen konstatieren, dass wir die schlechteste U19 seit sechs Jahren haben, seit ich da bin", sagte Rangnick: "Und dass keiner der Spieler infrage kam, um Forsberg oder Halstenberg auch nur annähernd zu ersetzen." Auch die Scoutingabteilung habe kaum realisierbare Ideen zur Kompensation der Ausfälle präsentiert und deshalb kündigte Rangnick "gravierende Veränderungen" an, "personell und strukturell".

RB müsse so aufgestellt sein, "dass wir jeden Spieler auf der Welt kennen. Egal ob in China, Indien, oder wo sonst noch überall Fußball gespielt wird", hatte er gesagt. Damit weitete der Sportdirektor die Debatte über die fußballerische Stagnation des Teams und auch über die Nachwuchsdebatte hinaus auf den Gesamtzustand des Klubs aus.

Dass nun Lookman, die Notlösung mit den falschen Schuhen, den Leipzigern ihren ersten Auswärtssieg seit Mitte Oktober bescherte, wirkte wie der komplette Kontrast zum Leipziger Bedürfnis nach der totalen Planbarkeit.

Rangnick: "Transfertechnisch neue Herausforderungen"

Am Samstag relativierte Rangnick seine scharfen Worte dann etwas. Vor dem Hintergrund des schnellen Aufstiegs aus der vierten Liga bis in die Champions League sei es "ein völlig normaler Vorgang, dass da nicht alle Strukturen Schritt halten können". Die Entwicklung bis hin zum Königsklassen-Niveau habe das Team "spielerisch vor neue Herausforderungen gestellt". Laut dem Sportdirekter merken die Verantwortlichen nun, dass sie "auch transfertechnisch vor neuen Herausforderungen stehen".

Lookman haben die Scouts dennoch ausfindig gemacht, auch wenn Leipzig für den bis zum Sommer geliehenen Angreifer keine Kaufoption aushandeln konnte. Die Mitspieler des Briten sind beeindruckt: "Der ist erst zwei, drei Tage da, er bringt Spielwitz mit und Schnelligkeit - das, was unser Spiel auszeichnet", sagte Kapitän Marcel Sabitzer: "Ich denke, er ist ein Guter".

Leipziger Jubel in Gladbach
REUTERS

Leipziger Jubel in Gladbach

Nachdem sich viele Gegner auf den Leipziger Überfallfußball und die speziellen Fähigkeiten der Schlüsselspieler eingestellt haben, ist Lookman schon deshalb eine Bereicherung, weil ihn keiner kennt. Wäre Forsberg in jener 89. Minute so durchs Gladbacher Mittelfeld marschiert, wäre er vermutlich härter attackiert worden. Aber dieser kleine Kerl mit den falschen Schuhen? Selbst ein durchgeplantes Konstrukt wie RB Leipzig bringt mitunter Überraschungen hervor.



insgesamt 4 Beiträge
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joke61 04.02.2018
1. Mönchengladbach schlechtes Mittelmaß?
Man muss wohl endlich akzeptieren wie es ist. Mönchengladbach, Mannschaft, Trainer und Manager sind offensichtlich Mittelmaß. Sind einfach nicht in der Lage Big Points zu verwerten. Die Einkäufe versauern auf der Bank. Die Verletzungsanfälligkeit der Spieler ist eklatant. Stindl wünscht man schon eine Verletzung, damit der endlich mal Pause bekommt! Sommerpause war durch Nationalmannschaft eben zu kurz! Hermann läuft seiner Form hinterher und hat an Schnelligkeit eingebüsst, wie man gestern und auch letzte Woche sehen konnte. Der Trainer lässt im eigenen Stadion auf Konter bzw. Unendschieden spielen! Könnte man ja beim Spiel gegen FC Bayern akzeptieren, bei jedem anderen Gegner stellt man so der Mannschaft schon ein schlechtes Zeugnis aus! Aber es wird noch schlimmer kommen! Da Kampf nicht zu den Eigenschaften der Gladbacher gehört, werden die gegen die um den Abstieg kämpfenden Mannschaften verlieren. Fängt nächste Woche in Stuttgart an und wird sich über Hannover und Bremen fortsetzen. Meine Vorausschau: Spätestens in 5 Spieltagen, wird Mönchengladbach sich im unterem Tabellendrittel wieder finden und vielleicht dann endlich mal das Kämfen lernen. Nämlich Abstiegskampf! Gerne lass ich mich eines besseren belehren aber ich glaube nicht mehr dran!
janowitsch 04.02.2018
2. Zauberlehrling
Rangnicks Traum ist, dass irgendwann einmal, am besten aber sofort ein Talent wie Lookman aus der RB-Nachwuchsschmiede in die 1. Mannschaft aufrückt. Nun läuft dieses Nachwuchsprojekt naturgemäß noch nicht sehr lang. Das muss man berücksichtigen. Auch Rangnick kann kein Talent herbeizaubern. Hinzu kommt, dass vielleicht etwas falsch läuft, wenn Jugendspieler rundum versorgt werden und nichts mehr im normalen Leben selbst erledigen müssen. Wenn die Jünglinge meinen, alles erreicht zu haben, sobald sie in die Jugendakademie aufgenommen worden sind. Lookman scheint da von anderem Holz. Er wollte trotz Warnung seines englischen Trainers unbedingt auf den Kontinent zu RB, um die Rückrunde in der Bundesliga spielen zu können.
ge1234 04.02.2018
3. Und...
... ich dachte immer, dass einem der Verein bzw. dessen Ausrüster Schuhe zur Verfügung stellt. Davon abgesehen wird endlich dieses verlogene Blabla bzgl. Fokus auf eigene Nachwuchsförderung,behutsamen Talenteaufbau und wir sind so anders etc. pp. entlarvt. Im Zweifel zückt Onkel Didi das Scheckbuch und alles wird gut!
Teigkonaut 05.02.2018
4. Irrtümer korrigieren
Respekt vor der Kaltblütigkeit von Lookman. Der Borussia kann man nur empfehlen im Sommer Hermann und Drimic zu verkaufen und im Gegenzug einen Stürmertyp vom Schlage eines Harry Kane zu verpflichten.
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