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RB Leipzigs holpriger Saisonstart

Rangnick hat ein Löw-Problem

Ralf Rangnick ist einer der größten Verfechter des Tempofußballs. Denn Ballbesitz, das habe die WM gezeigt, genüge nicht. Mit Leipzig steht er nun vor einem Problem: Was, wenn der Raum zum Kontern fehlt?

Von Tobias Escher

SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ralf Rangnick

Dienstag, 04.09.2018   10:17 Uhr

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Das mit der WM hatte Ralf Rangnick ziemlich schnell analysiert: "Ballbesitz als Selbstzweck kannst du vergessen", sagte er kürzlich der "Süddeutschen Zeitung". Tempo im Spiel nach vorne sei unabdingbar, "ohne Hochschalten in den sechsten, siebten Gang gewinnst du heute nicht einmal gegen Panama oder Südkorea." Bundestrainer Joachim Löw und dessen Vorrundenaus mit dem DFB-Team brauchte er nicht explizit zu erwähnen, es wusste ohnehin jeder, an wen sich die Kritik richtete.

Tempofußball - das ist Rangnicks Markenzeichen als Trainer. Aggressives Pressing und schnelles Spiel in die Spitze sind in Deutschland bereits seit den Neunzigerjahren mit seinem Namen verbunden. Sein Ideal: Gegner jagen, Ball gewinnen, Angriff.

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Nachdem er im Sommer bei RB Leipzig neben dem Amt des Sportdirektors auch das des Trainers übernommen hatte, machte Rangnick klar, dass seine Mannschaft genau so spielen sollte. Nur: Bislang klappt das nicht so recht.

DPA

Rangnick inmitten seiner Spieler

Schon am ersten Bundesligaspieltag, beim 1:4 gegen Borussia Dortmund, war vom Tempofußball wenig zu erkennen. Statt Bälle zu erobern, hatte RB oft selbst den Ball, in der zweiten Halbzeit waren es ganze 63 Prozent Ballbesitz. Beim 1:1 gegen Aufsteiger Fortuna Düsseldorf wirkte das Team noch weniger energisch, hatte dafür noch mehr Ballbesitz (70 Prozent). Auch bei manch schwachem Auftritt in der Europa-League-Qualifikation war Leipzig optisch überlegen, aber sonst?

Entscheidend ist der Spielstand

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Der Fall Leipzig zeigt, wieso die aktuelle Debatte um den Ballbesitzfußball häufig verkürzt geführt wird. Welche Mannschaft das Spiel gestalten muss und welche kontern kann, wird zumeist durch äußere Faktoren bestimmt. Wer ist Favorit, wer Außenseiter? Wer kann mit einem Punkt leben, wer nicht? Entscheidend ist vor allem der Spielstand: Zuletzt lief Leipzig dreimal einem Rückstand hinterher, der Gegner zog sich weit zurück. Tempofußball ist dann kaum möglich. Und dann?

Rangnick dürfte zunächst wurmen, dass das Team überhaupt häufig in Rückstand gerät. Schließlich ist das energische Verteidigen ein Kernelement seiner Philosophie. Er fordert von seiner Mannschaft, den Gegner früh unter Druck zu setzen. Die gegnerischen Abwehrspieler dürfen den Ball nicht laufen lassen, sondern sollen sofort zu einem Fehlpass in das Mittelfeldzentrum gedrängt werden.

Der SPIX, der Bundesligaprofis anhand von Spieldaten bewertet, zeigt: Das von Rangnick eingeforderte hohe Pressing greift noch nicht. Die Leipziger Werte in der Kategorie Balleroberung lagen gegen Düsseldorf zwischen 24 (Stürmer Timo Werner) und 76 (Rechtsverteidiger Nordi Mukiele) von 100 möglichen Punkte. Keine herausragenden Werte.

Was die reine Abwehrarbeit betrifft, war RB gegen die Fortuna sogar richtig schlecht. Dayot Upamecano gehörte laut SPIX zu den schwächsten Innenverteidigern des Spieltags, auch, weil er, wie Nebenmann Stefan Ilsanker, kaum Bälle klärte. Gerade das müssen Abwehrspieler im aggressiven Pressing-System der Leipziger leisten. Sind ihre Vorderleute überwunden, müssen sie ihre Eins-gegen-Eins-Duelle gewinnen.

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Sieben Gegentore kassierte Leipzig in den vergangenen drei Pflichtspielen. Und liegt die Mannschaft zurück, wird es erst richtig kompliziert. Je tiefer der Gegner dann verteidigt, desto geringer die Räume, um Tempo aufzunehmen. Soll RB doch zusehen, wie sie unser Bollwerk knacken, denken gegnerische Abwehrreihen.

Für RB kommt es dann auf Geduld an, auf eine gute Raumbesetzung, geniale Einzelaktionen. Eigenschaften, für die von Rangnick trainierte Mannschaften nicht stehen.

Leipzigs Lichtblick heißt aktuell Emil Forsberg. Von der linken Seite aus bewegte sich der Schwede gegen Düsseldorf in den Raum hinter den Spitzen, den RB ansonsten verwaist ließ. Forsbergs starker SPIX-Wert in der Kategorie Chancenkreation (95,2) unterstreicht seine Leistung: Er legte vier Torschüsse auf, zwei davon aus Spielfeldzonen, aus denen besonders oft Tore resultieren.

Das allein genügt nicht. Eine Zahl sollte Rangnick besonders zu denken geben: 46 Flanken schlugen die Leipziger, ein absurd hoher Wert. Dabei sind weder Werner noch Jean-Kévin Augustin besonders kopfballstark. Und die flachen Flanken, die Leipzigs Außenstürmer versuchten, klärte Düsseldorf meist problemlos.

Zu viele Flanken, zu wenig Kreativität im finalen Drittel? Das sind Vorwürfe, die sich auch Joachim Löw nach dem WM-Aus anhören musste. Plötzlich hat Rangnick ein Löw-Problem: Sein Team kreierte gegen defensive Gegner zu wenig Tormöglichkeiten. Dass Ballbesitz nicht zum Selbstzweck verkommen dürfe, mag stimmen. Doch ganz ohne gutes Ballbesitzspiel geht es nicht.

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