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23. Dezember 2012, 14:07 Uhr

Streit bei Real Madrid

Mourinho degradiert Club-Ikone Casillas

Machtkampf oder Provokation? Real-Madrid-Coach José Mourinho hat Star-Keeper Iker Casillas in Malaga auf die Bank gesetzt. Das Spiel ging verloren - und die Kritik an Mourinho verschärft sich. Doch der Trainer verteidigt seine Entscheidung: Der Ersatztorhüter sei einfach besser als der Weltmeister.

Hamburg - Iker Casillas vergrub seinen Kopf in den Händen, steckte ihn in die dicke, weiße Real-Madrid-Winterjacke. Drei Gegentore gegen Malaga, das war bereits bitter genug. Doch dieses Mal konnte der Startorhüter sie nicht einmal verhindern. Denn Casillas saß nur auf der Bank, erstmals seit 2002 aus sportlichen Gründen

Trainer José Mourinho hatte den 31-Jährigen bei der 2:3-Pleite in Malaga draußen gelassen, der Torhüter musste 90 Minuten zugucken. Stattdessen stand Ersatztorhüter Antonio Adán zwischen den Pfosten. Mourinhos Begründung: Adán sei derzeit einfach besser als der Welt- und Europameister Casillas. Eine Meinung, die er exklusiv haben dürfte.

Sogar die Real-Spieler waren von der Entscheidung irritiert. "Wir waren überrascht, Iker ist unser Kapitän. Es ist nicht unsere Entscheidung, aber wir müssen sie wohl akzeptieren", sagte Abwehrspieler Sergio Ramos.

Auch ohne diesen Aufreger ist die Stimmung bei Real schon mies genug: 16 Punkte Rückstand hat der Club bereits auf Spitzenreiter FC Barcelona. Zudem glänzte das Team nur selten mit spielerischen Highlights, auch in der Champions League zog man hinter Dortmund nur als Gruppenzweiter in die K.o.-Runde ein. Ganz Madrid fragt sich deshalb: Wie lange bleibt José Mourinho noch Trainer?

Der Torwarttausch heizte die Stimmung gegen Mourinho zusätzlich an, doch der Portugiese bleibt gelassen. "Ich habe keinerlei Rücktrittsgedanken und fürchte auch nicht um meinen Job", sagte Mourinho. Seine Mannschaft stehe voll und ganz hinter ihm. "Wenn ich spüre, dass die Spieler nicht wollen, bin ich zu ehrlich, um einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen. Aber die Spieler wollen."

Casillas sah schon zwölf Trainer kommen und gehen

Ob Casillas noch mit Mourinho zusammenarbeiten will, darf stark bezweifelt werden. In Madrid wird die Degradierung als weiteres Kapitel des Machtkampfes zwischen dem Torwart und seinem Trainer gewertet. Bereits zu Beginn des Jahres sollen sich der viermalige Welttorhüter und Mourinho bekämpft haben. Nachdem sich Mourinho wiederholt mit dem FC Barcelona angelegt hatte, soll Casillas die Teamkollegen der spanischen Nationalmannschaft angerufen haben, um den Frieden zu wahren.

Das missfiel Mourinho, der daraufhin öffentlich erklärte, dass auch Casillas nicht unantastbar sein dürfe und starke Konkurrenz für die Real-Ikone forderte. Selbst Tim Wiese stand auf Mourinhos Zettel, doch Präsident Florentino Perez erfüllte ihm den Wunsch nach einem weiteren Keeper nicht. Stattdessen setzte man auf Adán, der aus dem Reserveteam von Real Madrid Castilla kommt und kein ernsthafter Konkurrent für Casillas ist.

Mourinho versucht es dennoch und geht damit wieder einmal auf Konfrontationskurs. Casillas kämpft anders, der 31-Jährige lässt sich nicht auf öffentliche Scharmützel mit Mourinho ein. Dafür ist er schon zu lange im Club, seit 23 Jahren spielt er für Real.

Sollte der Machtkampf tatsächlich eskalieren, gibt es in Madrid keinen Zweifel, wer ihn als Sieger verlässt. "San Iker" hat in seiner Laufbahn bei Real bereits 13 Trainer kommen und gehen sehen - Mourinho eingerechnet.

bka/sid

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