Real Madrids Supertalent Vinícius Ein Funken in der morschen Seele

Er glänzt mit Tempo, als Torvorbereiter, seit Januar steht er in der Startelf: Stürmertalent Vinícius ist auf gutem Weg, der erste Topstar mit Geburtsjahr 2000 zu werden, und er lässt Real wieder träumen.

Vinícius Junior (rechts) zieht an Barcelonas Sergio Busquets vorbei
AFP

Vinícius Junior (rechts) zieht an Barcelonas Sergio Busquets vorbei

Von Florian Haupt, Madrid


Vinícius und Real Madrid, das war Liebe auf den ersten Blick. Was andererseits den Meisten so geht mit diesem 18 Jahre alten Flügelstürmer.

Vinícius José Paixão de Oliveira Júnior ist einer von denen, wegen denen man Fußball guckt, und keiner von denen, die aus ihrem Talent ein Geheimnis machen. Er wartet links an der Seitenlinie auf den Ball - und dann geht es ab. Wie an jenem Herbstnachmittag gegen Real Valladolid, an dem sich das Schicksal der Saison wandte.

Es war das erste Ligaspiel nach dem 1:5 beim FC Barcelona, dem Sturz auf den neunten Tabellenplatz, dem Trainerwechsel von Julen Lopetegui auf Santiago Solari. Es war kalt, und es war gruselig: lustlos, desillusioniert, teils feindlich gab sich der Anhang. Bis eine Viertelstunde vor dem Ende Vinícius kam.

Sein dritter Kurzeinsatz in der Primera División, und er machte gleich Betrieb, forderte den Ball, zog von links in den Strafraum, hielt drauf. Sein Schuss missglückte völlig, wurde aber von einem Verteidiger im 90-Grad-Winkel zum Führungstor abgefälscht. Der Treffer war so absurd wie die Botschaft evident: Mit diesem Jungen haben die Götter etwas vor.

Real wäre in einer "Vinícius-Tabelle" Spitzenreiter

Seit jenem Nachmittag hat Real Madrid mehr Punkte gesammelt als Spitzenreiter Barcelona. Man könnte es die "Vinícius-Tabelle" nennen. So wie die Zeitungen gern vom "Vinícius-Effekt" schreiben. Weil seine Energie, seine Unbekümmertheit, sein Lachen die morsche Seele der Mannschaft wiederbelebten. Und weil sein Fußball sie unberechenbarer macht, schillernder auch. Der Champions League-Titelverteidiger betört vor dem Achtelfinal-Hinspiel bei Ajax Amsterdam (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky und Dazn) schon wieder in einem Maße, dass man in Spanien ein Ausscheiden für unmöglich hält.

Die "Ära Vinícius" sieht das vereinsnahe Sportblatt "As" heraufziehen. Mindestens ist das Supertalent auf dem Weg zum ersten Fußballstar mit Geburtsjahr 2000. Seine Leichtigkeit im Dribbling gleicht der des jungen Neymar, von dem ihn bislang allerdings der Verzicht auf das Unnötige unterscheidet. Er blickt immer Richtung Tor und beschleunigt jeden Spielzug. Imposant ist dabei nicht nur sein eigenes Tempo, sondern auch jenes, das er bei seinen Pässen dem Ball mitgibt, aus jeder Situation und Fußstellung heraus.

Was noch fehlt? Die Entscheidungssicherheit, auch und gerade im Abschluss. Im besten Fall nur ein Thema der Reife. Dafür hat er in seinen 1220 Pflichtspielminuten elf Torvorlagen (sieben davon in der Copa del Rey) gegeben, mehr als jeder Real-Teamkollege in der kompletten Saison.

Im Juli 2018 volljährig geworden, seit Januar in der Startelf

Vinícius stammt aus einem komplizierten Viertel in der Stadt São Gonçalo an der Guanabara-Bucht gegenüber von Rio de Janeiro. Seine hervorragenden Anlagen waren lange bekannt. Nach der südamerikanischen U17-Meisterschaft verpflichtete ihn Real für 45 Millionen Euro (61 Millionen inklusive Kommissionen für Agent und Familie). Über ein Jahr blieb er danach noch bei seinem Jugendklub Flamengo. Im Juli feierte er seinen 18. Geburtstag, kam gleich nach Madrid, trainierte sofort mit den Stars, spielte anfangs aber in der zweiten Mannschaft, die damals noch Solari coachte.

Womit keiner rechnen konnte, ist seine Selbstverständlichkeit auf großer Bühne. Im Januar ließ ihn Solari endgültig von der Leine und beförderte ihn in die Stammelf. Seither durchlebt er diese einmalige Phase eines jungen Fußballers vor den ersten Zweifeln, Krisen und Verletzungen; die der Schmetterlinge im Bauch. Die Zeit, die einem wie dem anfangs so hoch gehypten Vereinskollegen Martin Ödegaard nicht vergönnt war. Auch der Gegenschnitt zu dem in der holländischen Provinz geparkten Norweger verdeutlicht, dass bei Madrid gerade Außergewöhnliches passiert.

Vinícius
RODRIGO JIMENEZ/EPA-EFE/REX

Vinícius

Zuletzt bestand Vinícius binnen einer halben Woche die beiden härtesten Proben für einen Real-Profi, in Barcelona und bei Atlético. Er wusste genau, was zu tun war, erwartete wieder an der Seitenlinie seine Gegner, um sie dann zu überrumpeln, leitete etliche Chancen ein, provozierte Gelbe Karten und einen Elfmeter. Nach Reals 3:1-Derbysieg sprach Landsmann Casemiro aus, was viele dieser Tage denken: "Wenn er schon mit 18 so spielt - überlegt mal, was er mit 20 anstellen wird."

Altgediente Chronisten ziehen bereits Parallelen zu den letzten Teenager-Sensationen in königlichem Gewand: Stürmer Raúl und Torwart Casillas. Die kamen damals noch aus der eigenen Jugend, aber längst ist ja auch der Nachwuchsfußball globalisiert. Geht es so weiter mit Vinícius, dann wird er auch zum Erfolgspionier der neuen Strategie von Vereinen wie Real oder dem FC Bayern, die keine Ausgaben für internationale Talente mehr scheuen, um sich die Stars der Zukunft selbst heranzuzüchten.

Fürs Erste hat dieser Teenager schon etwas geschafft, das bis vor Kurzem undenkbar schien. Ein Name fällt plötzlich kaum noch in Madrid. Aber man darf ihn ja noch mal erwähnen: Auf Vinícius' Linksaußen-Position spielte vorher Cristiano Ronaldo.

insgesamt 2 Beiträge
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Hübner 13.02.2019
1. Real zum vierten?
Lange Zeit schien Reals Zeit vorbei, so wie in so ziemlich jeder Saison in den vergangenen Jahren, doch kaum kommt das neue Jahr, erwacht Real. Solange Kroos und Modric das Spiel kontrollieren und Casemiro absichert, kann da vorne spielen wer will. Ob Ronaldo oder Vinicius, das ist da zweitrangig. Es ist extrem schwer diese Mannschaft zu besiegen. Und falls es jemand kann, so wie Bayern, dann greift der Schiri ein......
hmmmm4711 13.02.2019
2.
Vereine wie Bayern scheut keine Kosten? Der Autor übertreibt, genau wie das Talent des jungen m. Vergleichen Sie Ronaldo, Messi mit ihm, als die beide im selber alter waren..... Welten!
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