Real Madrid in der Krise Wie das erfolgreichste Team der Welt verlernte, erfolgreich zu sein

Die Mannschaft "in Trümmern", Real "eine Ruine": Nach der sechsten Niederlage in 18 Spielen schimpft die Presse über Madrid. Cristiano Ronaldo wird vermisst. Reals größeres Problem aber ist ein anderes.

Reals Luka Modric (l.) und Karim Benzema
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Reals Luka Modric (l.) und Karim Benzema

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Stellen Sie sich vor, der FC Bayern München würde im Sommer den Abgang von Robert Lewandowski verkünden und dafür einen 18-Jährigen verpflichten, den nur Fußballinsider kennen.

Real Madrid tat vor dieser Saison in etwa das: Der erfolgreichste Klub der vergangenen Jahre ließ den erfolgreichsten Stürmer ziehen, Cristiano Ronaldo ging zu Juventus nach Italien. Kurz darauf präsentierte Real Vinícius Júnior, einen 18-jährigen Brasilianer, dessen Verpflichtung schon festgestanden hatte, seit dieser 16 war. Real würde schon noch einen Starstürmer holen, dachte man. Schließlich hatte Ronaldo im Schnitt rund 49 Saisontore erzielt. Doch es kam niemand.

Mittlerweile ist die Hälfte der Spielzeit beinahe vorbei, und Madrid singt den Ronaldo-Blues noch lauter als im Sommer. Reals Zwischenbilanz: sechs Ligapleiten, Tabellenplatz fünf in La Liga, 1:5 gegen Barcelona verloren, früher Trainerwechsel, die Abwehr wackelt, der Angriff lahmt. Von einer Krise, wie sie die Bayern hierzulande erlebten, können die Königlichen nur träumen.

Gerade die fehlenden Tore stehen im Fokus. 26 Treffer in 18 Ligaspielen, so harmlos war Real seit 1993/1994 nicht mehr. Womit wir wieder bei Ronaldo wären. Ist sein Wechsel allein der Grund für Madrids Misere?

"Real in Trümmern"

Der vergangene Sonntag, das Ligaspiel gegen den Tabellen-15., Real Sociedad San Sebastián. Es dauert 155 Sekunden bis zum 0:1, am Ende verlieren die Königlichen 0:2, der Rückstand auf Tabellenführer Barcelona wächst auf zehn Punkte, die Zeitung "Marca" wird hinterher von der "Ruine Real" schreiben und "Madrid in Trümmern" liegen sehen.

Real Sociedad kommt nicht zu vielen Torchancen. Nur ab und an gelingen Konterangriffe. Die aber haben es in sich. Und das zieht sich durch die Madrider Saison, Real ist anfällig für Gegenstöße, es lässt Großchancen zu, und das viel zu einfach.

Gegen San Sebastián hat das vor allem einen Grund: Real spielt zu schnell nach vorne.

Die drei Champions-League-Titel, die Real hintereinander gewann, sollten vor allem mit einem Namen verknüpft werden: Zinédine Zidane. Ronaldo mag die Tore geschossen haben, aber das hatte er auch davor getan, in den weniger erfolgreichen Jahren. Das Verdienst des Trainers Zidane war ein anderes, es lag weiter hinten auf dem Spielfeld.

Zinédine Zidane, Cristiano Ronaldo
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Zinédine Zidane, Cristiano Ronaldo

Wenn Real den Ball hatte, dauerte es in der Regel ewig, ehe dieser bei Ronaldo ankam. Nicht ohne Grund fiel er unter Zidane meist nur dann auf, wenn er abschloss. Bis dahin hielt Real den Ball in der eigenen Hälfte, bei den Innenverteidigern und dem Mittelfeldduo Toni Kroos und Luka Modric, die sich gegenseitig Bälle zuspielten und die Gegner laufen ließen, Pass, Pass, Pass, bis irgendwann die gegnerischen Beine schlapp und der Kopf müde wurden. Zwei Aktionen später war Ronaldo-Time.

Gegner kamen meist erst dann an den Ball, wenn dieser in der Nähe ihres Strafraums angekommen war. Der Weg bis zum Real-Tor war weit.

Mittlerweile ist Zidane weg, sein Nachfolger Julen Lopetegui ebenso, und dessen Erbe, Santiago Solari, sieht zu, wie Real seine Gegner nicht mehr mürbe spielt. Gegen Real Sociedad spielte Innenverteidiger Sergio Ramos den Ball oft nach links zu Marcelo, der prompt den Steilpass auf den schnellen Vinícius suchte. Modric blieb in solchen Momenten nicht wie unter Zidane tief positioniert, sondern wartete in der Nähe der eigenen Stürmer auf Bälle, die nicht kamen.

Vinícius wurde oft in aussichtslose Duelle mit mehreren Verteidigern geschickt. Und Madrider Ballverluste waren nicht optimal abgesichert. Je offensiver Real wurde, je hastiger es nach vorne spielte, desto schwerer wog dieser Aspekt. Beim Treffer zum 0:2 waren Madrids Innenverteidiger beinahe auf sich allein gestellt.

Besser als Real trifft immer noch kaum jemand

Mittelfeld und Abwehr bilden die gleichen Spieler wie in den Vorjahren. Und doch wirkt das Team anfälliger. Zwar kassierte Real selbst unter Zidane im Schnitt 40 Gegentore pro La-Liga-Saison, an die Topwerte von Barcelona (32) und Atlético (22) im selben Zeitraum reicht das nicht heran. Rechnet man aber Madrids aktuellen Schnitt hoch, ergeben sich sogar 49 Gegentreffer. Nur zwei Teams in der oberen Tabellenhälfte haben mehr Gegentore kassiert als Real (23).

Das heißt nicht, dass allein die Defensive schuld ist und Ronaldos Abgang Real nicht weh tut. In vielen Partien, gerade zu Saisonbeginn unter Lopetegui, erspielte sich die Mannschaft viel mehr Chancen als der Gegner, doch es fehlte ein Vollstrecker. Weil Karim Benzema (zwölf Saisontore) nur solide trifft, Gareth Bale nach dem vierten Spieltag nur eine Torbeteiligung in der Liga gelang, weil Vinícius fantastische Anlagen hat, aber Zeit braucht, um sich auf Topniveau zu etablieren, Marco Asensio noch nicht so weit ist, wie mancher dachte. Währenddessen hält Ronaldo mit Juventus Kurs auf Meisterschaft und Torjägerkanone.

Der schwerwiegendere Verlust scheint trotzdem Zidane zu sein, der sich nach drei Trainerjahren freiwillig zurückzog. Seine auf Stabilität bedachte Strategie, die vorsichtige Taktik, die Ruhe, die der Franzose auch in hektischen Momenten ausstrahlte, nach dem Motto: Es wird schon. Vertraut mir. Es sind genau die Qualitäten, die Real derzeit besonders fehlen.

Mit Material von dpa und sid



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golfstrom1 08.01.2019
1. Real
Absolut gut analysiert. Und mit Ronaldo fehlt einfach auch ein Charakter in der Mannschaft. Wenn es nicht lief, war er zumeist der erste der laut rumgemosert hat und unruhig wurde. Er hat Mitspieler wach gerüttelt und für Spannung innerhalb des Teams gesorgt. Ronaldos Siegeswille und Ehrgeiz fehlt dem Team ebenso. Kroos und Modric sind zudem außer Form und können das Spiel nicht an sich reißen den im Bericht genannten Gründen. Bei Real hilft, ähnlich wie beim FC Bayern, nur ein grundlegender Neuaufbau des Teams. Es ist auch hier der Blues erkennbar den viele ehemals sehr erfolgreiche Teams haben nach dem Gewinn großer Titel. Dieses Team ist in die Geschichte eingegangen als dreimaliger Titelträger der Champions League, benötigt nun aber einen kompletten Neuaufbau.
hador2 08.01.2019
2. Defensive vs. Offensive
Man sollte auch nicht vergessen, dass Real auch letztes Jahr unter Zidane und mit Ronaldo "nur" Dritter wurde. Abgesehen davon kann man sicher diskutieren welcher Abgang mehr weht tut, aber was die Diskussion Offensive vs. Defensive angeht: In den letzten Jahren sah das Torverhältnis bei Real etwa so aus: 105:40 Dieses Jahres zeigt der Kurs auf 60:50. Da scheint schon die Offensive der größere Unterschied zu sein.
urskenner 08.01.2019
3. Verkennung der Tatsache.
Real spielte schon unter Zidane schlecht 2/3 CL Siege waren nur durch gravierende Schiedsrichter Fehlentscheidungen zu erklären oder extremes Glück. Die Mannscaft performt schon lange nicht mehr im erwarteten Maß, ist im Kern zu alt und mir Ronaldo hat man exakt den falschen von den alten abgegeben. Ein Vorredner meinte, dass Bayern in der gleichen Lage ist, mit Nichten, dort müssen nur noch 2-3 Spieler für den letzten Umbruchschritt kommen. Bei aller liebe, aber klammert mal die ganze RibRob Geschichte aus, die nichtmal mehr Stammspieler sind und schwub die Wub, sind 8/11 der Mannschaft u 30. Zur Erinnerung RibRob, Rafinha, sind schon sicher weg, Ullreich auch. Entweder Hummels oder Boaten wird auch. gehen, wenn nicht sogar beide. Bleibt nur noch Neuer und Lewandowski aus der erweiterten Stammelf auf Zeit zu ersetzen und bei Neuer kann man sich richtig Zeit lassen....
ehrenwort2000 08.01.2019
4. Die Ära nach Zidane/Ronaldo
Jetzt, so glaube ich zu sehen, sind Spieler wie Kroos und Modric nicht außer Form, sonder auf ihrem Level. Höher geht nicht. Unter den beiden Besten hätten wir alle mitspielen können. Sogar mit Erfolg.
Michael-Kreuzberg 08.01.2019
5. Ronaldos Abgang
Der Wechsel nach italien war wohl nicht ganz freiwillig, oder? Es bestand wohl auch die Angst dass er mal direkt vom Feld in U-Haft geht. Da dann lieber verkaufen und den anstehenden Wechsel früher einleiten.
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