Rassismus im italienischen Fußball Die Macht der rechten Tifosi

Affengeräusche, Nazisymbole - in den Kurven vieler italienischer Fußballclubs tummeln sich Rechtsextreme. Dabei war die Ultra-Kultur ursprünglich links geprägt.

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Milan-Spieler Balotelli: Rassistische Verhöhnung gehört zum Alltag
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Milan-Spieler Balotelli: Rassistische Verhöhnung gehört zum Alltag


Mitte, spätestens Ende der neunziger Jahre bekamen ein paar junge deutsche Fußballfans den Blues. Ihnen reichte es nicht mehr, zweimal pro Saison "Cologne" auf "Scheiße vom Dom" zu reimen. Sie hatten die Nase voll von der Tristesse bei den Spielen ihrer Lieblingsvereine. Sehnsüchtig blickten die Nachwuchsfans nach Italien. Dorthin, wo sich längst eine andere, eine farbenfrohere, kreativere und originellere Fußballkultur entwickelt hatte.

An spielfreien Wochenenden machten sich Fans aus allen Teilen der Bundesrepublik auf nach Rom, Parma oder Genua, um in den dortigen Kurven auf Bildungsreise zu gehen. Für sie wurde Italien das gelobte Land der Fußballkultur.

Auch in den deutschen Ligen tauchten danach Doppelstockhalter und Transparente auf, die Fangesänge wurden zentral von einem Menschen gesteuert, der sich Vorsänger nannte. Plötzlich wurden Choreografien gezeigt, die selbst den größten Ultra-Kritikern in den Vereinen Respekt abnötigten. Politisch aber eiferten die Deutschen den italienischen Vorbildern nicht nach: Die allermeisten hiesigen Ultra-Szenen distanzieren sich von rechtem Gedankengut, immer mehr Gruppierungen positionieren sich offen gegen rechts.

In Italien ist das anders: "Affenlaute und dumme Parolen sind hier gesellschaftsfähig", sagt Kai Tippmann. Der Deutsche ist seit 1990 Milan-Fan, seit einigen Jahren lebt er in der Nähe von Mailand, wo er sich mit dem Blog "Altravita" einen Namen als Kenner des italienischen Fußballs gemacht hat. Die Urwaldgeräusche gegen Kevin-Prince Boateng, Mario Balotelli oder andere Spieler mit dunkler Hautfarbe überraschen ihn deshalb nicht.

Boateng machte den öffentlichen Eklat perfekt

Zuletzt sorgte der Fall Boateng für Aufsehen. Als beim Freundschaftsspiel seines damaligen Arbeitgebers AC Milan beim niederklassigen Club Pro Patria fortwährend Affengeräusche zu hören gewesen waren, wenn er den Ball berührte, verließ der gebürtige Berliner den Platz. Der öffentliche Eklat war perfekt.

Und das, meint Tippmann, sei auch der eigentliche Grund gewesen, warum sich Offizielle wie Milan-Boss Silvio Berlusconi empört zeigten. "Jemand wie Berlusconi, der schon mit Rechtsradikalen koaliert hat und gerne grenzwertige Sprüche klopft, tut das nur, wenn er um den Ruf seines Landes fürchtet."

Der steht seit vergangenem Wochenende allerdings mehr denn je auf dem Spiel. Seit die Spieler von ASG Nocerina offenbar auf Druck der eigenen Ultras ein Drittliga-Spiel zum Abbruch brachten, beklagt sich Giancarlo Abete, Präsident des italienischen Fußballverbands FIGC, darüber, wie "stark kriminelle Banden Fußballclubs und Spieler beeinflussen können".

Weniger ausgeprägt ist die Sensibilität der Verbände, wenn es um Politik geht. Was in Deutschland als rassistisch gilt, sei in Italien kein großer Aufreger, sagt Tippmann. Viele Ultra-Gruppen gelten zumindest als rechts-offen, einige sind gar offen neofaschistisch. So sind die Kurven von Hellas Verona, Lazio Rom, AS Varese oder Catania Calcio fest in der Hand der rechten Subkultur. Keltenkreuze, Anspielungen auf Hitler, die SS oder den Ku-Klux-Clan - wer sich die einschlägigen Internetforen ansieht, findet massenweise solche Symbole auf den stolz geposteten Fotos der Ultras von Verona, Ascoli, Catania oder jeweils beiden großen Clubs aus Mailand, Rom und Turin.

Ultra-Kultur in Italien ursprünglich links

Ein weiteres Problem ist das Fehlen einer klaren politischen Kennzeichnung in Italien: "Links bedeutet hier nicht automatisch antirassistisch", sagt Tippmann. Er hat auch schon von den als links ("stalinistisch") geltenden Livorno-Fans rassistische Äußerungen gehört. Mancher, der sich Faschist nennt, komme einem hingegen als gebildeter, diskutierfreudiger Jugendlicher entgegen, der von den Mussolini-Jahren schwärmt. "Rechts zu sein, liegt bei italienischen Jugendlichen im Trend."

Dabei war die Ultra-Kultur in Italien ursprünglich und bis in die neunziger Jahre hinein links geprägt. Im Zuge der 68er-Umwälzungen hatten linksgerichtete Studenten die Fankurven zum selbstverwalteten gesellschaftlichen Experimentierfeld gemacht. Die noch heute typischen Ultra-Aktionsformen wie Megafon oder Doppelstockhalter entstammen dieser linken Demo-Subkultur genauso wie die Antihaltung gegen Polizei, Politik und Medien.

Doch die hohe Jugendarbeitslosigkeit von rund 40 Prozent hat viele junge Italiener desillusioniert, die Enttäuschung über die etablierten Parteien ist groß. "Fußball hat da nur eine Katalysatorfunktion", sagt Tippmann. Natürlich wehren sich die Ultras auch in ihrem Mutterland gegen gezielte Rekrutierungsversuche durch politische Parteien, doch der rechte Lifestyle dominiert: Die römische Naziband "Zetazeroalfa" ist bei Ultras sehr beliebt, auch deutsche Nazi-Combos treten gerne in Italien auf. Der Verfolgungsdruck ist dort geringer.

Ein Transparent von "Zetazeroalfa" hing auch schon in der Kurve von Real Madrid, bei den europaweit organisierten Konzerten des neonazistischen Blood-and-Honour-Netzwerkes sind Hooligans und Ultras in manchen Städten das Kernpublikum.

Lesen Sie mehr zur Ultra-Thematik im Buch "Kurvenrebellen" von Christoph Ruf (siehe Kasten)

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