Nazi-Angriff auf MSV-Fans "Das waren Kampfmaschinen mit Muskelbergen"

In Duisburg haben rechtsextreme Hooligans eine linksorientierte Ultra-Gruppe angegriffen. Es war nicht der erste Übergriff, aber einer der brutalsten. Der Fall zeigt, wie tief Rechtsextremismus im direkten Umfeld des Fußballs verankert ist.

Von

Zaunfahne der Kohorte: "Extreme Drohkulissen"
imago

Zaunfahne der Kohorte: "Extreme Drohkulissen"


SPIEGEL ONLINE Fußball
Es waren weniger als 60 Sekunden. Doch diese reichten aus, um ein Schlachtfeld zu hinterlassen. Ultras des MSV Duisburg, darunter auch Frauen und Minderjährige, lagen am Boden, teilweise blutend. Rechtsextreme Hooligans des MSV Duisburg haben am vergangenen Samstag die Fans des eigenen Vereins angegriffen.

Mehrere Augenzeugen haben den Vorfall SPIEGEL ONLINE bestätigt. Die Polizei erklärte, "dass Angehörige einer bestimmten Fangruppierung andere Fans nach dem Spiel angegriffen haben".

Einer, der den linksorientierten Ultras der "Kohorte" nahe steht, beobachtete die Szenerie mit Schrecken: "Die sind auf die Ultras losgelaufen, wie in einem Wald- und Wiesenkampf unter Hooligans. Als geschlossene Gruppe, mit ganz gezielten Schlägen in die Gesichter. Die Ultras waren chancenlos."

Mitglieder der "Kohorte" bekamen bereits im Stadion während des Spiels gegen den 1. FC Saarbrücken die Ansage von den Hooligans, dass sie nach dem Spiel "weggeklatscht" würden, wie es ein Ultra beschreibt. Dabei war die "Kohorte" den Hooligans zahlenmäßig überlegen. Etwa 50 Ultras, davon etliche 14- bis 17-Jährige, die der Nachwuchsgruppierung der "Kohorte" angehören, sowie knapp 20 weitere Fans, gingen nach dem Spiel in Richtung des Fanprojekt-Gebäudes.

"Wir haben schon von oben gesehen, dass die Hooligans auf uns warten", sagt ein Ultra. Etwa 25 Hooligans, von denen ein Großteil zur "Division Duisburg" gehört, aber auch Personen, die nach Einschätzung der Polizei aus dem Umfeld des mittlerweile verbotenen "Nationalen Widerstands Dortmund" und der Parallelgruppierung aus Duisburg kommen, stürmten auf die Ultras zu.

Einschüchterungen und ein fauler Kompromiss

Die Führungsgruppe der Division unterhält beste Kontakte nach Dortmund und Essen, zwei Hochburgen des Rechtsextremismus. Insbesondere die Nähe zu den Nazi-Hooligan-Gruppen "Northside" und "Frontline", die Borussia Dortmund unterstützen, wird seit Jahren gepflegt.

"Das waren Kampfmaschinen mit Muskelbergen, die zunächst gezielt die Personen umgehauen haben, von denen sie wissen, dass sie antirassistische Arbeit betreiben. Danach schlugen sie auf jeden ein, den sie kriegen konnten", sagt ein Ultra. Auslöser des Angriffs war ein vorher von der "Kohorte" gezeigtes Plakat zur Solidarisierung mit einer antirassistischen Gruppe aus Braunschweig.

In einer Stellungnahme der "Kohorte" heißt es, dass es bereits vor Wochen zu einem Gespräch zwischen der "Division" und den Ultras gekommen sei, bei dem beide Seiten sich darauf geeinigt hätten, keine Politik mehr im Stadion zu betreiben. Die Leiter des Gesprächs kamen von der Hooligan-Gruppe "Forever", die in Duisburg das Sagen hat.

Die Ultras geben an, dem Kompromiss seien Einschüchterungen vorausgegangen. "Dass wir uns jetzt mit bestimmten Ultra-Gruppen nicht mehr solidarisieren dürfen, wenn sie verboten werden, weil deren politische Einstellung nicht jedem gefällt, war zu keinem Zeitpunkt Teil des Gesprächs", schrieben die Ultras am Sonntag auf ihrer Homepage.

Der Fanforscher Gerd Dembowski, der selbst fünf Jahre lang das Duisburger Fanprojekt leitete, wirkt aufgrund der neuen Situation konsterniert: "Das sind schon extreme Drohkulissen, die da gerade aufgefahren werden. So ist eine demokratische Vielfalt auf der Tribüne nur schwer möglich."

Rückkehr von rechts

Als Soziologe sieht er derzeit auf vielen Tribünen einen "Schulterschluss von rechtsoffenen Tendenzen gegen antirassistische Ultras". In Dortmund, Braunschweig, bei 1860 München, in Essen, Düsseldorf oder bei Hansa Rostock und Dynamo Dresden - immer wieder attackieren rechte Hooligans antirassistische Ultra-Gruppierungen. In Aachen zogen sich Ultras sogar komplett aus dem Stadion zurück, beklagten Druck durch die Rechtsextremen und fehlende Unterstützung.

Wie tief Rechtsextremismus tatsächlich im Umfeld des Fußballs verankert ist, zeigt das Beispiel der "Division Duisburg". Die Hooligans, die auch als Käfigkämpfer bei Mixed-Martial-Arts-Veranstaltungen antreten, leben ihre Gesinnung im Stadion offen aus. Antiziganistische und rassistische Schmähgesänge gehören zu ihrem Standardrepertoire, sie tragen Kleidung, die in der rechtsextremen Szene beliebt ist.

"Bei Vereinen, insbesondere finanzschwächeren Traditionsvereinen, wachsen Strukturen, die es auch solchen Kräften möglich machen, den Fußball zu missbrauchen", sagt Fanforscher Dembowski. Der MSV Duisburg musste im vergangenen Jahr aufgrund einer drohenden Insolvenz in die dritte Liga absteigen. Eines der ersten Projekte, das aufgrund fehlender Gelder eingestellt wurde, war die Arbeitsgruppe gegen Diskriminierung.

Die Ultras der "Kohorte" gehen davon aus, dass die kommenden Monate für sie zum Spießrutenlauf werden. Bereits die nächste Auswärtsfahrt gilt für sie als absolute Bedrohung. Die "Division" hält sich an solchen Tagen in ihrer Stammkneipe Crazy Monkey hinter dem Hauptbahnhof auf. "Wenn die Bock haben, kommen die da einfach raus und knallen uns noch am Bahnsteig weg", sagt ein Mitglied der Ultras.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tetrafluorethen 22.10.2013
1.
Und in Braunschweig sperrt man die Ultras aus, weil sie angegriffen werden, in Schalkr wird ein weitgehend friedlicher Block gestuermt weil sich jemand durch ein Transparent provoziert fuehlt und damit droht, das Feld zu stuermen. Das Strafmaß in Deutschland ist in jeder Hinsicht laecherlich, nicht nur fuer Gewaltverbrechen im Fußball. Aber "Raubkopierer" verfolgen
parla1970 22.10.2013
2. Solidarität
Es sollten vom Verein sowie den Fans, auch auswärtige, deutlich gezeigt werden, dass man sich nicht von rechten Gruppierungen einschüchtern lässt. Der DFB ist hier besonders gefordert. Er sollte von sich aus antifaschistische Gruppierungen in der Fan-Szene unterstützen. Auch Vereine sind im Besonderen gefordert. Ich persönlich habe echkeinen Bock auf "italienische" Verhältnisse im unseren Stadien....egal, ob 1., 2., 3., Liga oder sonst wo ....
hors-ansgar 22.10.2013
3. Beschäftigte Polizei
Die Polizei ist mit populistischen Blitz-Einsätzen oder dem Kampf gegen Radfahrer die durch Fußgänerzonen radeln beschäftigt. Gegen Nazis, organisierte Kriminalität oder Einbrecherbanden wird nichts unternommen. Außerdem sind die Vereine gefragt. Viele tun viel zu wenig. Bezeichnen sich als unpolitisch etc. Die Nazi-Ideologie ist aber keone politische Meinung sondern ein Verbrechen!
ricard68 22.10.2013
4. lächerlich
Tja diese Berichte bestätigen warum ich mich schon seit 15 Jahren vom hiesigen Fußball abgewendet habe und dem US-Profisport gewidmet habe. Dort geht es in den Stadien friedlich und anständig zu, der eigentliche Sport steht im absoluten Mittelpunkt und keine Politik und Gesinnung. Würde dort auch nur einmal etwas vergleichbares passieren, würden die beteiligten Personen für 20 Jahre das Tageslicht nicht mehr sehen. Der Rechtstaat versagt hier bei uns auf ganzer Linie und das in ganz Europa. Aber wir schwingen lieber unseren oberlehrerhaften Finger.
temely 22.10.2013
5. Wo sind wir hier?
Hallo, habe gerade den Artikel gelesen und stelle mit Entsetzen fest, dass ich doch wirklich geglaubt habe, ich lebe im Jahr 2013 und nicht 1943!!! Welche Macht bzw. Ohnmacht steckt dahinter, dass diese Menschen ihr krankes Verhalten so ungeniert ausleben können?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.