Rechtsextremismus im Fußball Rassismus in Kinderliga - Politiker streiten über Strategie

Schock nach neuen rassistischen Übergriffen von Fußballfans in Ostdeutschland: Politiker warnen vor einem "äußerst gefährlichen Potential". Doch die Regierung in Sachsen streitet erst mal über Geld für Fanprojekte - die CDU sieht keinen Anlass für zusätzliche Zuschüsse.


Berlin - Politiker von SPD und Opposition reagierten empört auf einen neuen Bericht über Antisemitismus und Rassismus im sächsischen Jugendfußball. Bei einem Spiel der C-Jugend in Wurzen in der Nähe von Leipzig waren Ausdrücke wie "Fidschi", "Ausländerschwein" und "Fick Dich, du Jude" über den Platz gehallt.

Demoliertes Einsatzfahrzeug nach Fußball-Randale in Leipzig (Februar 2007): "Äußerst gefährliches Potential"
DPA

Demoliertes Einsatzfahrzeug nach Fußball-Randale in Leipzig (Februar 2007): "Äußerst gefährliches Potential"

"Wir müssen endlich handeln", sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Sächsischen Landtag, Stefan Brangs, zu SPIEGEL ONLINE. Er habe schon im November bei den Haushaltsberatungen dafür plädiert, die Mittel für Fanprojekte um 140.000 Euro aufzustocken. Doch sei dies am Widerstand des Koalitionspartners CDU gescheitert. Brangs forderte, einen Teil der erwarteten Steuermehreinnahmen für Fanprojekte zu verwenden. Das werde den Rechtsextremismus in den Fanblocks nicht schlagartig beenden, sei aber ein "wichtiges Symbol".

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gunkel, ehemaliger Polizeipräsident in Sachsen, sagte, der Rassismus in den ostdeutschen Ligen werde immer schlimmer. "Ich verstehe die Haltung der sächsischen Landesregierung nicht", sagte Gunkel SPIEGEL ONLINE. In den dritt- und viertklassigen Ligen entstehe ein "äußerst gefährliches Potential". Mehr Prävention sei dringend nötig. Auch die Vereine trügen eine Mitschuld: Sie spielten das Problem herunter.

Diese Erfahrung hat auch Monika Lazar gemacht, die Rechtsextremismusbeauftragte der grünen Bundestagsfraktion. Schon im Januar hat sie einen Brief an den sächsischen Fußballverband geschrieben, mit der Bitte um eine Lageeinschätzung und ein Angebot zur Zusammenarbeit. Sie wartet immer noch auf eine Antwort. "Die sind kein bisschen sensibel", sagt sie SPIEGEL ONLINE. "Das Thema ist ihnen lästig".

Lazar findet "die Zustände in Sachsen untragbar": "Die Landesregierung blockiert die Drittelfinanzierung. Das kann einfach nicht sein". Das Drittel-Modell sieht vor, dass Gelder für Fanprojekte zu gleichen Teilen von DFB, Kommune und Land bereit gestellt werden.

"Fanprojekte fallen hinten runter"

Sachsen ist neben Baden-Württemberg das einzige Bundesland, das Fanprojekte aus dem Etat für Jugendarbeit bezahlt. Pro Einwohner bis 27 Jahre überweist das Land eine sogenannte Jugendpauschale von 14 Euro an die Kommunen. Diese können das Geld dann ausgeben, wie sie wollen - für Fanprojekte oder andere Jugendarbeit. "Fanprojekte fallen oft hinten runter", sagte Brangs.

Ein weiteres Problem: Dem Land gehen auf diese Weise DFB-Fördergelder verloren. Die Jugendpauschale werde vom DFB nicht als Förderung von Fanprojekten anerkannt, daher schieße er nichts zu, so Brangs. Man sei "nicht glücklich" über die Situation in Sachsen, sagte DFB-Sprecher Harald Stenger zu SPIEGEL ONLINE. Es liefen aber Gespräche mit Kommunen und Vereinen, bei denen hoffentlich bis Mitte Juni eine Lösung gefunden werde.

Das zuständige Sozialministerium verteidigt die Jugendpauschale. "Die Kommunen wissen am besten, wofür sie das Geld brauchen", sagte ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. "Die Förderform hat sich bewährt". Das Land beteilige sich durch die Jugendpauschale an der Drittelfinanzierung, und der DFB bezuschusse drei Fan-Projekte in Sachsen.

Auch der jugendpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Alexander Krauß, sieht keinen Grund zu einer Änderung. Man habe die Jugendpauschale kürzlich von 10,90 Euro auf 14 Euro erhöht. Die Kommunen könnten sich also nicht beschweren. Es gebe sogar Landkreise, die die Mittel gar nicht vollständig abrufen, sagte Krauß zu SPIEGEL ONLINE.

"Die Verantwortung wird abgewälzt"

Von den sechs bestehenden Fanprojekten in Sachsen werden vier vom Land gefördert. Die Projekte bei Zweitligist Erzgebirge Aue, Oberligist FC Sachsen und Amateurverein Lok Leipzig erhalten die Jugendpauschale. Regionalligist Dynamo Dresden erhält andere Landesmittel. Dies geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor.

Der Opposition reicht dies noch nicht. "Die Staatsregierung wälzt weiterhin die Verantwortung auf die Fußballvereine und die Kommunen ab", sagte die jugendpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Elke Herrmann. Vergangene Woche scheiterte ein Antrag der Grünen auf mehr Förderung für Fanprojekte im Sozialausschuss an den Stimmen der Regierungsfraktionen - auch denen der SPD.

"Die SPD muss sich endlich gegen die CDU durchsetzen", forderte die sächsische Grünen-Bundestagsabgeordnete Lazar. SPD-Mann Brangs kündigte an, er werde das Thema bei den laufenden Koalitionsgesprächen über die Verwendung der Steuermehreinnahmen ansprechen. Er hatte sich bei der Abstimmung vergangene Woche enthalten - was für Ärger in der Koalition sorgte.

Mitarbeit: Alasdair Thompson, Mike Glindmeier



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