Rechtsruck in den Stadien "Fußball ist ein Rückzugsraum für Nazis"

Hooligans sind in die deutschen Fußballstadien zurückgekehrt. Sie verbünden sich mit gleichgesinnten rechten Ultras und drohen all jenen, die sich gegen ihre Ideologien richten, auch mit Gewalt. Als Hauptstadt der neuen Bewegung gilt Dortmund.

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Teilnehmer an Neonazi-Demo (Symbolbild): Stadion als Rückzugsraum
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Teilnehmer an Neonazi-Demo (Symbolbild): Stadion als Rückzugsraum


Als Felix Benneckenstein noch ein Nazi war, ärgerte er sich über seine politischen Gegner sehr; die Löwen-Fans gegen Rechts hatten ihn und seine Gesinnungsgenossen im Block 132 A des Münchner Stadions als Nazis geoutet. Doch viele 60-Fans verstanden die Aufregung nicht. Sie hatten zwar nicht unbedingt Sympathien für die politischen Ideen der Kameradschaftsleute. Sie fanden aber, man solle sie in Ruhe lassen, solange sie im Block nicht offen agitierten.

"Für die haben unsere Gegner die Politik ins Stadion getragen - nicht wir", sagt Benneckenstein und schüttelt den Kopf, als könne er noch drei Jahre später nicht glauben, wie leicht es ihm und den anderen "nationalen Sozialisten" im Block gemacht wurde. Genau so wollten sie schließlich gesehen werden: als die "normalen" Fußballfans.

Die Ideologen, die verbiesterten Polit-Freaks, das sollten nicht sie selbst sein, sondern die, die angeblich Politik im Stadion betreiben, indem sie Nazis Nazis nennen. "Wir Rechten wollten bei 60 mal anonym eine Seite erstellen mit dem Titel: 'Löwenfans gegen Politik im Stadion'. Da hätten wir zwei Texte draufgestellt und ein paar Tage später jede Menge Unterstützer gehabt."

Es gebe keinen rechten Masterplan zur Gleichschaltung der Fankurven, sagt Benneckenstein. Klar sei aber, dass außer der Musik der Fußball die Subkultur sei, an die man als Rechter am besten andocken könne. "Die Nazis wollen nicht unbedingt die Kurve leiten, aber man will sich etablieren und Teil der Fanlandschaft sein." Vor allem szeneintern habe der Fußball eine wichtige Funktion "als Rückzugsraum" für Nazis. Wer ein Verfahren vor sich hat, ist gut beraten, nicht bei rechten Aufmärschen gefilmt zu werden. Vor Gericht lässt sich dann behaupten, man sei "ausgestiegen". Stattdessen trifft man sich mit Gleichgesinnten im Stadion.

Dortmund als neue Hauptstadt der rechten Bewegung

Benneckensteins ehemalige Kameraden haben derzeit Oberwasser. In vielen Kurven kippt die Stimmung, die in den vergangenen Jahren meist von einer Ultraszene dominiert war, die sich - egal ob sie sich als links oder als unpolitisch verstand - gegen Unterwanderungsversuche von rechts zur Wehr setzte. Doch das Pendel schlägt jetzt in die andere Richtung. Mancherorts drängen Rechte nach, die sich der Ultraszene zugehörig fühlen, anderswo lebt die Hoolszene plötzlich wieder auf, die zum Teil seit Jahrzehnten tief mit der rechten Szene verstrickt ist.

Wer zu erkennen gibt, dass ihm das nicht passt, bekommt gesagt, was Sache ist. So läuft es in Braunschweig, in Aachen, in Düsseldorf, in Duisburg. Und so läuft es in Dortmund, das längst als neue Hauptstadt der Bewegung gilt - auch und gerade im Fußball. Auch der ehemalige Nazi-Barde "Flex" Benneckenstein zog irgendwann nach Dortmund. "Ich glaubte, dass man noch einen Krieg braucht, eine Revolution, um Deutschland und Europa zu befreien. Uns war klar, dass die nicht von Deutschland ausgehen würde, eher von Ländern wie Ungarn oder Griechenland mit starken NS-Szenen. Hier würde es dann aber Truppen brauchen, die bereit sind", sagt der Mittzwanziger.

Truppen wie die Autonomen Nationalisten, die "politischen Soldaten" des neuen "NS-Staates", deren deutsches Hauptquartier in Dortmund liegt. "Als Nazi bekommst du da einen Motivationsschub", sagt Benneckenstein. "Deswegen bin ich damals auch dorthin gezogen." Dorthin, das heißt nach Dorstfeld, in den Stadtteil, der es längst zu bundesweiter Prominenz gebracht hat, weil hier nicht nur eine Neonazi-Schlägertruppe namens Skinheadfront Dorstfeld ihr Unwesen treibt, sondern die Autonomen Nationalisten rund um den Wilhelmplatz gleich mehrere Wohnungen angemietet haben.

"Flex" zog in die berüchtigte Emscher Straße, in das "Nazi-Haus", in dem auch viele rechtsextreme BVB-Fans wohnen, zum Beispiel Michael B., dem der Verein ein Stadionverbot erteilt hat und den zahlreiche Zeugen Mitte Oktober bei dem brutalen Überfall auf antirassistische Duisburger Ultras erkannt haben wollen. In Dorstfeld hat "Flex" immer wieder erlebt, wie rechte Ultras aus allen Landesteilen, schon lange bevor ihr Team im Pott spielte, anreisten, um sich ein paar aufbauende Tage in der nationalsozialistischen Wärmestube zu gönnen. Fans aus Berlin, Leipzig, Dresden, Karlsruhe, München und vielen anderen Städten gingen in den Nazi-WGs ein und aus, berichtet er. Meist hätten deren Gruppen gar nicht gewusst, wes Geistes Kind das ein oder andere Mitglied war.

Hools verbünden sich mit rechtsgerichteten Ultras

Doch Dortmund, dessen Nazi-Szene wie die Spinne im Netz agiert, ist nur das krasseste Beispiel für eine bundesweite Entwicklung: Alte Hooligans machen gemeinsame Sache mit rechtsgerichteten Ultras, die zum Teil wegen ihrer politischen Einstellung aus ihren Hauptgruppen ausgeschlossen wurden.

Die Hools prägten von den späten Siebzigern bis in die neunziger Jahre hinein die Stimmungslage in den deutschen Fankurven. Straff organisiert, wie sie waren, und mit der Schlagkraft ihrer äußeren Erscheinung setzten sie in vielen Stadien einen rechten Konsens durch. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen der Ultrabewegung. Ihren fanszeneinternen Bedeutungsverlust haben die Hools meist gut ertragen. Viele wurden als Familienväter vorsichtiger oder trafen sich nur noch sporadisch zu verabredeten Kämpfen außerhalb der Stadien.

Doch es gab auch Stadien der ersten und zweiten Liga, in denen eine andere Entwicklung einsetzte. Je selbstbewusster die linken Ultras ihren Spirit einbrachten, je offensiver sie auch Themen wie den Kampf gegen Homophobie einbrachten, desto lauter riefen sie diejenigen auf den Plan, die verlorenes Terrain zurückerobern wollen.

"Das sind leider meist Leute, die sich schon geboxt haben, als man noch selbst mit dem Trömmelchen unterm Weihnachtsbaum war", sagt ein Ultra aus NRW. Auch er ist kein Kind von Traurigkeit, trainiert mehrfach die Woche Kampfsport. Aber auch er spricht vom "Gewaltmonopol" der Hools im Stadion. "Man weiß halt auch nie, wen die noch mobilisieren können."

Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass in allen Städten, in denen die politische Ausrichtung der Ultraszene nicht mit der der Hools übereinstimmt, Exponenten der Ultraszene von Hools Besuch bekommen haben. Zum Teil mitten in der Nacht. "Das Physische überlagert alles", bestätigt ein Mitglied einer Szene, die selbst unter Druck geraten ist. "So etwas wie Hausbesuche kennt der Normalbürger ja eher nicht. Die arbeiten mit massiver Einschüchterung, und das sind keine leeren Drohungen", berichtet ein anderer Ultra. "Man darf nicht vergessen, dass hinter der Nazi-Hoolszene nicht selten die Organisierte Kriminalität steckt."

Felix Benneckenstein kehrte der Szene 2011 den Rücken. Danach gründete er die "Aussteigerhilfe Bayern", mit der er hauptamtlich andere Aussteiger berät.

Lesen Sie mehr zur Ultra-Thematik im Buch "Kurvenrebellen" von Christoph Ruf (siehe Kasten).

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