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Reformbedürftige Regionalliga: Tristesse Royale

Von Felix Meininghaus

Kein Geld, keine Perspektive und zweite Mannschaften, wohin man sieht: In den Regionalligen stehen immer mehr Clubs vor dem Abgrund - jetzt regt sich Widerstand. Das Magazin "11FREUNDE" verdeutlicht die Tristesse der Traditionsclubs und die Dringlichkeit einer Reform.

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Regionalliga-Partie in Lübeck: Dringender Reformbedarf

Wie schön der Sommer doch sein kann. Die Sonne scheint, es ist heiß, in Südafrika läuft die WM und vor der Geschäftsstelle von Preußen Münster neben dem altehrwürdigen Stadion an der Hammer Straße zwitschern die Vöglein. Drinnen im Besprechungsraum sitzt Carsten Gockel im kurzärmligen weißen Hemd, der Sportliche Leiter parliert über die Chancen der Deutschen im Halbfinale gegen Spanien. An der Wand hängt ein Bild mit dem Konterfei von Christoph Metzelder, dessen Werbebotschaft lautet, er sei Mitglied bei den Preußen, "weil sie die königlichen Fans haben".

Also alles wunderbar im Herzen Westfalens? Kaum. Es gibt ein Stichwort, bei dem Gockel der Kamm schwillt: Regionalliga. Lange war die kleine Schwester der beiden Bundesligen durchaus attraktive. Rassige Derbys, reichlich Zuschauer, kochende Leidenschaft - diese Liga bot viel von dem, was die Menschen am Fußball lieben. Doch all das hat sich geändert, seit die Regionalliga vor zwei Jahren degradiert worden ist.

Die Einführung der Dritten Liga hat sie zu einem Stiefmütterchen mutieren lassen. Wenig beachtet von den Zuschauern und den Medien fristet die Regionalliga ihr Schattendasein und schaut neidisch hinauf zu den Großen, die üppig mit Fernsehgeldern, Fernsehzeiten und Zuwendungen der Sponsoren ausgestattet werden. In Liga vier geht hingegen wenig. "Was wir hier erleben, ist eine Katastrophe", wettert Gockel.

Münsters Macher steht nicht allein, überall in der Republik regt sich Widerstand. Gerhard Schall, ehemaliges Vorstandsmitglied bei Waldhof Mannheim, formuliert es so: "Die Regionalliga ist eine Todesgruppe." Schall weiß, wovon er redet. Der Traditionsclub aus der Kurpfalz, der so kernige Manndecker wie Weltmeister Jürgen Kohler, die Förster-Brüder oder Christian Wörns hervorgebracht hat, musste in der Regionalliga das Handtuch werfen, weil er die strengen Auflagen des DFB nicht länger erfüllen konnte. Derweil grantelt im tiefsten kurpfälzischen Idiom der ehemalige Trainer Klaus Schlappner: "Wenn ich morgens die Zeitung lese, bin ich stocksauer."

Sieben Vereine mussten Insolvenz anmelden - der DFB sieht Handlungsbedarf

Es mag ein schwacher Trost sein, doch als Gescheiterte befinden sich die Waldhöfer in bester Gesellschaft: Rot-Weiß Essen, der Bonner SC, SSV Reutlingen, Eintracht Bamberg, Tennis Borussia Berlin und Hansa Rostock II mussten neben den Mannheimern Insolvenz anmelden. Sie konnten die Lizenzauflagen nicht erfüllen oder wurden - wie im Falle der Rostocker - aus der Liga abgezogen. Wie dramatisch sich die Lage darstellt, ist mittlerweile auch auf höchster Ebene erkannt worden. "Die vierten Ligen machen uns im Augenblick nicht glücklich", hat DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger im Mai zu Protokoll gegeben, "denn sie haben keine Strahlkraft aus sich heraus". Und Helmut Korfmacher, als DFB-Vize für die Regionalliga zuständig, sieht "großen Handlungsbedarf. Daran kann es gar keinen Zweifel geben".

Doch warum tut sich die Liga so fürchterlich schwer, dass allerorten das große Jammern ausgebrochen ist? Wen auch immer man fragt, als Gründe für den Niedergang werden stets die gleichen Argumente angeführt: zu hohe Auflagen durch den DFB, zu geringes Zuschauerinteresse, fehlende Einnahmen durch Fernsehgelder und - als größter Hemmschuh - die Vielzahl der zweiten Mannschaften. Vor allem dieser Umstand ist für die Traditionsvereine zur existenziellen Bedrohung geworden. Die Situation ist in allen drei Klassen ähnlich: Die Bundesligisten lassen ihren Nachwuchs in der Regionalliga Wettkampferfahrung auf hohem Niveau sammeln. Das ist schön für die Großen, aber schlecht für die, die in der vierten Etage ums Überleben kämpfen.

Zweite Mannschaften als Demütigung

Besonders hart trifft es die Clubs in der Regionalliga West, die es in der kommenden Saison mit zehn Zweitvertretungen zu tun bekommen. Unattraktive Begegnungen, weil kaum ein Fan mitreist, es keine Rivalität gibt, die Emotionen verspricht. Ähnlich ist es in der Regionalliga Süd. "Spiele gegen Wehen II sind für uns eine Demütigung", sagt Tom Eilers, Sportmanager bei Darmstadt 98: "Wir fühlen uns als Sparringspartner, nicht als sportlicher Gegner." Wenn Carsten Gockel an die Pflichttermine gegen die Leverkusener oder Mainzer Reserve denkt, überfällt ihn das Grauen: "Zehn Spiele, bei denen ich den Gästebereich gar nicht zu öffnen brauche." Der Mannheimer Gerhard Schall ergänzt: "Wir waren nie in der Situation, dass die Einnahmen die Ausgaben übertroffen haben."

Insgesamt haben die drei Regionalligen in der vergangenen Saison gerade mal 1,3 Millionen Zuschauer angelockt. Kaum zu glauben, aber wahr: 54 über die gesamte Republik verteilte Vereine sorgen zusammen für gerade so viel Resonanz wie Zuschauerkrösus Borussia Dortmund allein. Am trostlosesten sieht es aus, wenn zwei Reserveteams aufeinandertreffen. So wollten den "Kracher" Wehen II gegen Fürth II sage und schreibe 87 Zuschauer sehen.

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11FREUNDE
Magazin für Fußball-Kultur

Nr. 105 - August 2010

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