Regeländerung Videobeweis vs. Tatsachenentscheidung

Soll die Tatsachenentscheidung unantastbar bleiben, oder muss der TV-Beweis her? Seit Jahren wird darüber diskutiert, eine Lösung für den Glaubenskrieg im Fußball wurde jedoch noch nicht gefunden. Jens Jeep plädiert für einen sinnvollen Mittelweg.

Schiedsrichter Fleischer, Torhüter Lehmann: Videobeweis?
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Schiedsrichter Fleischer, Torhüter Lehmann: Videobeweis?


Sie ist der heilige Gral der Fußballregeln: die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters. Foul ist, wenn der Schiedsrichter Foul pfeift. Keine Schwalbe ist, wenn der Referee keine Schwalbe sieht. Seine Entscheidungen sind endgültig. Daher darf nur das, was er gar nicht gesehen hat, hinterher von einem Sportgericht überprüft werden. Denn das hatte er ja nicht entschieden.

Zu welchen merkwürdigen Ergebnissen dieses Prinzip führt, zeigte der Fall der Sportskameraden Jens Lehmann und Neven Subotic. Im Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart (1:1) hatte Lehmann, ausgestattet mit einer stetig wachsenden Freude am Grenzbereich des Zulässigen, zunächst Subotic mit dem rechten Ellenbogen gegen den Hinterkopf geschlagen, woraufhin letzterer in zwar verbotener, aber nicht gänzlich unverständlicher Weise mit seinem linken Ellenbogen nach hinten schlug und ersteren im Gesicht traf. Das zeigten jedenfalls die Fernsehbilder. Der Schiedsrichter hingegen hatte lediglich eine Torhüterbehinderung wahrgenommen und auf Freistoß für Stuttgart entschieden.

Gegen beide Profis wurde wegen des Verdachts des "krass sportwidrigen Verhaltens in Form einer Tätlichkeit" ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und man durfte für beide eine Sperre von mehreren Spieltagen erwarten. Doch der DFB-Kontrollausschuss stellte das Verfahren wieder ein. Das Argument: Mit seiner Entscheidung auf Freistoß für Stuttgart habe der Schiedsrichter die Situation "insgesamt und abschließend bewertet". Somit habe er eine Tatsachenentscheidung getroffen, die als Prozesshindernis eine weitere sportgerichtliche Verfolgung nicht mehr zulasse.

High Noon von Videobeweis und Tatsachenentscheidung

Der Schiedsrichter hatte die Ellenbogenschläge natürlich nicht gesehen und schon gar nicht bewusst insgesamt und abschließend bewertet, aber er hatte irgendetwas gesehen. Und das genügte den Gläubigen der Tatsachenentscheidung, der Realität den Zugang zum Verfahren zu versperren. Ein Prozesshindernis, vor allem jedoch ein Gerechtigkeitshindernis. Weshalb der Begriff der "Tatsachen"-Entscheidung auch ziemlich irreführend ist, weil er immer dann herangezogen wird, wenn die Tatsachen gerade falsch entschieden wurden.

Ähnliche Aufreger sind Fouls, die sich hinterher als klare Schwalben entpuppen, gegebene Tore, die regelwidrig erzielt wurden, oder regelkonforme Treffer, die wegen vermeintlichen Abseits abgepfiffen werden. Und natürlich Handspiele, die der Schiedsrichter nicht sieht. In größtmöglicher Dramatik zuletzt beim WM-Qualifikationsspiel der Iren gegen die Franzosen zu bewundern und zu verfluchen.

Henry hindert den Ball mit der Hand daran, das Spielfeld über die Torauslinie zu verlassen, spitzelt die Kugel vors Tor, in dem sie im nächsten Augenblick landet. Der Schiedsrichter hatte es nicht gesehen, Henry gab es nicht zu (beziehungsweise erst nach dem Spiel), Frankreich fährt nach Südafrika, Irland aus der Haut. Ein Wiederholungsspiel wird umsonst gefordert. Tatsachenentscheidung.

Ist die Anerkennung des Videobeweises das Ende der Tatsachenentscheidung?

Der Ruf nach und zugleich die Sorge vor dem Videobeweis werden daher immer wieder laut - und im Verlauf der Jahre und mit Aufrüstung der Bildtechnik immer lauter. Es klingt, als stünde uns der High Noon von Videobeweis und Tatsachenentscheidung bevor, das ultimative Aufeinandertreffen zweier unvereinbarer Konzepte. Doch ist die Anerkennung des Videobeweises wirklich das Ende der Tatsachenentscheidung?

Sicherlich nicht, wenn man sich auf die Grundlage des Konzepts der Tatsachenentscheidung besinnt: Das Fußballspiel ist voller strittiger Szenen. Deshalb gibt es den Schiedsrichter, unterstützt durch zwei, zum Teil drei Assistenten, der für eine schnelle Entscheidung sorgt, damit das Spiel weitergehen kann. Insoweit ist und muss die Entscheidung "endgültig" sein. Niemand möchte sehen, dass sich Spieler und Schiedsrichter nach jedem kleinen Umfaller und nach jedem gepfiffenen Abseits um einen Fernseher versammeln oder auch nur gebannt auf die Videoleinwand schauen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, die da Foul oder Stolpern oder Schwalbe oder gleiche Höhe oder eine Fußspitze näher am Tor lautet.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Ichbinsleid, 13.01.2010
1. Macht Sinn!
Wie im American Football macht auch im Fussbal der Videobeweis Sinn. Er könnte an die Einwechselmöglichkeiten des Trainers gekoppelt werden d.h. wenn ein Trainer den Beweis fordert und die Entscheidung des Schiris korrigiert werden muss behält er die Einwechselmöglichkeit. Wird die Entscheidung des Schiris bestätigt, verliert er eine Einwechselmöglichkeit. Das würde verhindern das jede Entscheidung des Schiris in Frage gestellt wird.
.link 13.01.2010
2. großartig
an dieser argumentation ist so vieles falsch, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll es zu kritisieren. da der autor aber scheinbar mächtig viel langeweile hat kann er sich gerne mal mit einem schiedsrichter zusammensetzen und diesem erklären, dass "meckern" wenn der schiedsrichter falsch liegt berechtigt und erlaubt ist. na das wird ein spaß.
Vanita 13.01.2010
3. Ich ...
halte es für sinnvoll den Videobeweis genrell einzuführen. Wir leben in einem modernen Zeitalter, in dem das technisch einfach und schnell zu realisieren ist. Menschen machen nun mal Fehler, ob unabsichtlich oder absichtlich sei erstmal dahin gestellt. Ich selber spiele zwar Handball, aber auch da sind manche Schiedsrichter überfordert bzw. sehen manche Dinge einfach nicht. Selber erlebe ich im Moment den Einspruch eines Gegners gegen unseren Sieg. Der Gegner verbreitet einfach Unwahrheiten über den Hergang der strittigen Situation. Da wünscht man sich eine Kamera her. Und solche Situationen, wie sie die Iren erdulden mussten würden damit der Vergangheit angehören.
sic tacuisses 13.01.2010
4. Verschwendung von Steuergeldern
durch öffentliche Leistungen für ein privatwirtschaftlichorganisiertes "Volksvergnügen". Das zum Hohn des angeblich real existierenden Rechtsstaates auf deutschem Boden auch noch eine über alle Zweifel erhabeneund abgehobene Gerichtsbarkeit pflegt. Seit mehr als 2000 Jahren unverändert: panem et circenses. In jedem Unternehmen, das etwas auf sich hält gäbe es einen Herrn Lehmann längst nicht mehr.
Vanita 13.01.2010
5. ???
Zitat von sic tacuissesdurch öffentliche Leistungen für ein privatwirtschaftlichorganisiertes "Volksvergnügen". Das zum Hohn des angeblich real existierenden Rechtsstaates auf deutschem Boden auch noch eine über alle Zweifel erhabeneund abgehobene Gerichtsbarkeit pflegt. Seit mehr als 2000 Jahren unverändert: panem et circenses. In jedem Unternehmen, das etwas auf sich hält gäbe es einen Herrn Lehmann längst nicht mehr.
Irgendwie erschöießt sich mir der Kern der Aussage und der Bezug zum Thema nicht.
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