DFB-Präsident in der Kritik "Herr Grindel, das haben Sie so hingenommen?"

Hat DFB-Präsident Reinhard Grindel die umstrittene Entmachtung der Fifa-Ethikkommission mitgetragen? Im Interview nimmt er zu der Kritik Stellung.

DFB-Präsident Grindel
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DFB-Präsident Grindel

Von , Manama


SPIEGEL ONLINE: Herr Grindel, mit welchen Gefühlen reisen Sie aus Bahrain ab?

Grindel: Ich habe Licht und Schatten erlebt. Ich fand es unter anderem sehr gut, dass wir im Rat auch gegen den Vorschlag der Fifa-Führung entschieden haben, dass das Bewerbungsverfahren für die WM 2026 transparent durchgeführt wird - und zwar ohne Vorfestlegung auf die USA, Kanada und Mexiko, wie das vorgesehen war. Etwas anderes hätte man nach der umstrittenen Vergabe der WM 2022 auch nicht machen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Das große Thema war die Absetzung der Chefs der Ethikkommission, Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert. Was ist in der Ratssitzung, in der diese Entscheidung getroffen wurde, geschehen?

Grindel: Gianni Infantino hat eine Vorschlagsliste für die Neubesetzung der Ethikkommission vorgelegt. Die Namen der angesprochenen Herren fehlten.

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie so hingenommen?

Grindel: Nein. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Arbeit der beiden in Deutschland und darüber hinaus sehr geschätzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn Ihre persönliche Meinung?

Grindel: Auch ich schätze die Arbeit der beiden sehr. Ich glaube, dass an einer ganzen Reihe von Entscheidungen deutlich geworden ist, dass sie bestrebt waren, die Integrität der Fifa wiederherzustellen, indem Fehlleistungen Einzelner geahndet worden sind. Ich habe in der Sitzung gesagt, dass ich nicht verstehe, dass ihre Namen fehlen. Noch wenige Wochen zuvor hatte ja auch Generalsekretärin Fatma Samoura ihre Unterstützung für die beiden in einem Interview versichert. Ich habe deutlich gemacht, dass ich es begrüßen würde, wenn Herr Eckert und Herr Borbély weitermachen.

Die neuen Ethikhüter der Fifa
    Die neue Vorsitzende der Ermittlungskammer der Fifa-Ethikkommission ist die Kolumbianerin María Claudia Rojas . Sie war als Richterin am kolumbianischen Staatskonzil tätig, einem der obersten Gerichte des Landes, und arbeitete als Dozentin für Verfassungsrecht.


Vassilios Skouris ist neuer Vorsitzender der rechtsprechenden Kammer der Ethikkommission und als solcher Nachfolger von Hans-Joachim Eckert. Skouris hat eine deutlich namhaftere Karriere als Rojas hinter sich. Er war von 2003 bis 2015 Präsident des Europäischen Gerichtshofs und davor zweimal griechischer Innenminister. Skouris erwarb seinen Doktortitel in Hamburg und lehrt dort heute an der Bucerius Law School.

SPIEGEL ONLINE: Das hat nicht gereicht.

Grindel: Richtig. Es ist am Ende nur gefragt worden, ob es gegen die neuen Kandidaten Einwände gibt. Die formale Abstimmung erfolgte im Kongress. Grundsätzlich denke ich, dass man den beiden nun gewählten Vorsitzenden eine Chance geben muss, selbst wenn das Verfahren an sich zu beanstanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Standen Sie in der Ratssitzung mit Ihrer Kritik allein da?

Grindel: Nein. Auch der US-amerikanische Verbandspräsident Sunil Gulati hat deutlich gemacht, dass er die Ablösung insbesondere von Herrn Borbély als problematisch erachtet.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Infantino auf Ihren Redebeitrag reagiert?

Grindel: Das müssen Sie ihn selbst fragen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn wahrgenommen?

Grindel: Er hat im Wesentlichen das gesagt, was die Fifa danach öffentlich erklärt hat: Dass er auch den Wunsch von anderen Konföderationen berücksichtigen muss, wichtige Positionen in der Fifa nicht nur mit Europäern zu besetzen. Das ist ja nicht falsch, aber man hätte beispielsweise einen von beiden, Borbély oder Eckert, weitermachen lassen können. Deshalb überzeugt mich das Argument nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeit der Ethikkommission ist ein extrem wichtiger Bestandteil der Reformen, bei Herrn Borbély lagen nach dessen Angaben noch "Hunderte Ermittlungsverfahren". Jetzt ist er weg - und die Reformen liegen erst mal auf Eis. Oder?

Grindel: Ich gehe davon aus, dass die Nachfolger gerade im Lichte der Diskussion um die Berufung in ihre Ämter rasch ans Werk gehen und zeigen werden, dass es zu keiner grundsätzlichen Veränderung der Arbeit der Ethikkommission kommt.

SPIEGEL ONLINE: Cornel Borbély hat gesagt, die Reformen seien nun tot. Spricht da der Frust aus ihm?

Grindel: Dass man angesichts einer so überraschenden Entscheidung zu einem solchen, persönlichen Urteil kommt, kann ich menschlich verstehen. Aber die Tätigkeit der Ad-hoc-Kommission und weitere Entscheidungen, die hier in Bahrain getroffen wurden, zeigen, dass der Reformprozess nicht tot ist.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie sich gewünscht, dass über diese Themen auch öffentlich im Kongress gesprochen worden wäre? Stattdessen hat Infantino in seiner Rede all jene, die ihn kritisieren, scharf angegriffen und von "Fifa-Bashing" als Nationalsport gesprochen.

Grindel: Zu den Beweggründen seiner Rede muss er sich selbst äußern.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie enttäuscht von seiner Rede?

Grindel: Ich habe es so, wie ich Gianni Infantino kennengelernt habe, kaum anders erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Reputation der Fifa unter Infantino verbessert?

Grindel: Ich nehme wahr, dass die Kritik - nicht nur in den Medien, sondern auch bei den Sponsoren - nach wie vor vorhanden ist. Mein Eindruck ist, dass es im Fifa-Rat aber eine Vielzahl von Kollegen gibt, die sich wünschen, dass das Ansehen der Fifa weiter verbessert wird. Ich bin deswegen zuversichtlich, dass wir in der Zukunft offenere Diskussionen haben werden als bisher.

SPIEGEL ONLINE: Ist Infantino im Vergleich zu Sepp Blatter der bessere Fifa-Präsident?

Grindel: Das ist sicher so, aber Sepp Blatter kann langfristig nicht der Maßstab für seine Arbeit sein.



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
zweitakterle 11.05.2017
1. Hauptsache.....
das Buffet war ordentlich....
berlin-london 11.05.2017
2. Nichts neues bei der FIFA
Der DFB Präsident schaut zu wie der Fußball endgültig zerstört wird. Das Interview zeigt doch nur, dass Herr Grindel keinen Mut und keinen Mumm hat den dringend benötigten Reformprozess aktiv voranzubringen.
hansfrans79 11.05.2017
3. Amateurfußball
Gehts hin und unterstützt die Amateure, wenn ihr auf sowas hier keine Lust habt...
trolland_dump 11.05.2017
4. Das
übliche Beschwichtigen,Relativieren um den Brei herum reden.Kennt man ja nur zu oft von höheren Entscheidungsträgern.Ob die FIFA so das verlorene Vertrauen zurückgewinnt? Evtl. mal bei Höness nachfragen,der kennt sich ja aus.
ein-berliner 11.05.2017
5. Dfb
Was für ein Verein von Waschlappen.
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