Grindels Erklärung zum Fall Özil Was folgt daraus?

Mit seiner Erklärung zum Fall Mesut Özil hat sich der DFB-Präsident eine Pause verschafft. Jetzt muss sich Reinhard Grindel an seinen Worten messen lassen. Wie ernst meint es der Verband mit dem Einsatz gegen Rassismus?

DFB-Präsident Reinhard Grindel
Bongarts/Getty Images

DFB-Präsident Reinhard Grindel

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Sich selbst zu kritisieren, eigene Fehler zu benennen, gehört zu den gehobeneren menschlichen Qualitäten. In der Vergangenheit war dies nicht unbedingt eine Kernkompetenz des Deutschen Fußball-Bundes. Beim DFB hat man sich immer gerne selbst abgefeiert, für seine Erfolge. Auch für die von ihm verkündeten Werte.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, heißt es. Insofern geben einzelne Passagen in der Erklärung von DFB-Boss Reinhard Grindel zum Fall Özil Anlass zu zarter Hoffnung, dass aus der in den vergangenen Monaten desaströs verlaufenen Angelegenheit doch noch etwas Gutes entstehen kann. Dass Grindel das Versäumnis einräumt, den auf Özil einprasselnden Ressentiments nicht entgegengetreten zu sein, ist anzuerkennen. Man darf, aber man muss ihm dabei nicht zwangsläufig rein taktisches Verhalten unterstellen.

Dieses Bekenntnis des Präsidenten kommt sehr spät, wahrscheinlich auch zu spät, aber es ist zumindest jetzt endlich in der Welt. Ein solches Bekenntnis einige Wochen früher hätte Özil einen Rücktritt möglicherweise erspart.

Misstrauen ist beim DFB angebracht

Eine Erklärung ist allerdings erst einmal nur eine Erklärung. Wichtig, viel wichtiger ist, was daraus folgt. Grindel hat angekündigt, man werde im Verband jetzt prüfen, wie man die Integrationsarbeit mit "neuen Impulsen" weiterentwickeln kann. Was dies genau bedeutet, was sich daraus machen lässt, welche Auswirkungen das auf den Nachwuchsbereich hat, wie man Vertrauen zurückgewinnen kann bei Jugendlichen aus den Einwandererfamilien, was damit konkret gemeint ist, wenn der DFB vom "veränderten Resonanzboden für dieses Thema in der Gesellschaft" spricht - all das wird man künftig sehr genau zu beobachten haben. Da finden sich in Grindels Statement vor allem glattpolierte Allgemeinplätze.

Der Präsident schreibt, die Rücktrittserklärung habe "eine Debatte über Rassismus im Allgemeinen und die Integrationsfähigkeit des Fußballs im Besonderen ausgelöst". Diese Debatte findet seit Tagen allerdings zwar in der Gesellschaft, jedoch kaum im Fußball selbst statt. Damit müsste man erst einmal anfangen, und dazu ist auch der Verband herzlich eingeladen.

Lippenbekenntnisse hat es beim DFB häufig gegeben. Schöne Worte sind aus der DFB-Zentrale schon sehr viele in die Welt geschickt worden. Die WM-Affäre um das Turnier 2006 wollte man damals auch rückhaltlos aufklären, und drei Jahre später sind immer noch viele Fragen offen. Ein gewisses Misstrauen, das ist ein Erfahrungswert, ist in Sachen DFB nicht verkehrt.

Vor allem müssen der Verband und sein Präsident die Zweifel ausräumen, dass es ihnen mit dieser Erklärung besonders darum geht, vor der Entscheidung um die Europameisterschaft 2024 gut Wetter zu machen. Dass die Bewerbung um die EM in Grindels Statement den Schlusspunkt setzt, weckt das ungute Gefühl, dass ihnen dieses Projekt doch am meisten am Herzen liegt. Die Entscheidung über den Ausrichter fällt bereits Anfang September, allein daher könnte der Verband versucht sein, bis dahin alles andere diesem Ziel unterzuordnen. Und wenn Deutschland tatsächlich den Zuschlag bekommt, was trotz der Verwerfungen der Vorwochen immer noch wahrscheinlich ist, dann dermaßen in die Umsetzung des EM-Projektes einzusteigen, dass man die Debatten dieses unruhigen Sommers wieder getrost vergisst.

Grindel hat mit dieser Erklärung auch etwas tun müssen, um seine eigene Haut zu retten. Im DFB sind viele unzufrieden mit ihrem Präsidenten. Sein bestenfalls ungeschicktes, in jedem Fall inkonsequentes Verhalten in der Causa Özil hat die Überzeugung wachsen lassen, er sei mit seiner Aufgabe überfordert. Seine abschätzigen Äußerungen über "Multikulti" als CDU-Bundestagsabgeordneter haben zudem die Zweifel genährt, wie ehrlich er es mit dem Thema Integration wirklich hält. Die Angriffe von Özil waren auch deswegen persönlich an Grindel gerichtet. Der DFB-Präsident antwortet darauf mit dem Hinweis auf die Integrationsarbeit der Basis.

Das Statement von heute hat dem Präsidenten etwas Luft verschafft. Mehr ist es noch nicht.



insgesamt 65 Beiträge
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ptb29 26.07.2018
1. Grindel soll also jetzt zeigen, dass er kein Rassist ist
Das kann ja interessant werden, wenn jeder, der im Gegensatz zum Bundestrainer glaubt, er gehöre in die Nationalmannschaft, gleich die Rassismuskeule zieht. Wie stellt sich der Autor das vor? Sollen jetzt Quoten für die jeweiligen Wurzeln der Spieler eingeführt werden?
godelboy 26.07.2018
2. Kein Verständnis
Ich bin kein Fan von Grindel, er ist mir - wie so viele Politiker - zu wachsweich und windig. Der Vorwurf des Rassismus beruht allerdings ausschließlich auf einer fragwürdigen Abrechnung eines Fußballers bzw. seiner ebenso fragwürdigen Berater, die ohne Grundlage und Anlass Rassismus unterstellen. Was soll also dieser Kommentar?
urbanism 26.07.2018
3. wie Sie schon sagen, viele schöne Wort
wie Sie schon sagen Herr Ahrens, viele schöne Wort die wir auch von Politikern hören. Ob der Bereich Fußball oder der Sport im Allgemeinen dazu dienen kann, dass Integrationsproblem zu lösen bezweifle ich. Es kann allenfalls bei der Jugend Vorurteile abbauen mehr aber auch nicht. Denn was bringt das Miteinander im Verein wenn danach wieder jeder mit den Seinesgleichen abhängt?!
shardan 26.07.2018
4. Wie all zu oft
Wie all zu oft geht es dem DFB vorrangig um Geld. Die EM '24 ist eine Einnahmequelle, die man sich nicht abgraben will. Herr Grindel hat mit seinen Äußerungen über Multikulti ziemlich eindeutig klargemacht, wie er über Multikulti, Integration usw. denkt. Dass der DFB diese Person auf diesen Posten hievt, lässt über die Intentionen des DFB in der Sache nichts Gutes ahnen. Hier verbiegt sich in meinen Augen jemand, um die Geldquelle EM nicht zu verbauen, wohl bewusst, dass es in der Sache Özil zu spät ist.
Juro vom Koselbruch 26.07.2018
5. Wenn ...
... ich richtig informiert bin, hat Herr Grindel keine Fotos mit Herrn Erdogan und zu Gunsten dessen Wahlkampfes gemacht. Jener, der das gemacht hat, heißt Herr Özil. Von dieser Tatsache können auch noch so viele Komementare nicht ablenken. Ebenso hat er wochenlang geschwiegen und jetzt in meinen Augen mit seinem Pauschalumschlag eine durchsichtige Trotzreaktion hingelegt. Herr Özil kann niemandem erklären, dass er von der Situation in der Türkei und vom Regime Erdogan nichts weiß. Es scheint leider auszureichen, anderen rundum Rassisismus zu unterstellen und schon wird über die eigenen erheblichen Fehler nicht mehr geredet. Ich vermag aber in den Äußerungen von Herrn Grindel keinerlei Rassisimus zu entdecken und ich halte auch den Fußballbund nicht für rassistisch. Es dürfte auch nichts Ketzerisches in der nüchternen Fetstellung liegen, dass weder Gündogan noch Özil das alles im Fußball erreicht hätten, wären sie in der Türkei nicht in Deutschland geboren. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass es üble Betrebungen gab, z.B. Herrn Özil für das schlechte Abschneiden der deutschen Manschaft mit/verantwortlich zu machen. Denn diese beiden Themen sind unterschiedliche Baustellen. Viele, die jetzt äußerst vehemment über den DFB und Herrn Grindel schimpfen, dürfen sich mal etwas Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie all das bei sehr vielen Bürgern ankommt. Ich denke mit einem Fußballvergleich, man sollte der AfD doch nicht dauernd den ball auf den Elfmeterpunkt legen. Und Herr Özil könnte ja evtl. wegen der Lobeshymnen ("auf die Augen küssen" usw.) von Herrn Erdogan auch mal rote Ohren bekommen. Wenn da mal nicht das Lob von der falschen Seite kommt. Herr Özil macht sein besonderes Verständnis und seine besonderen Ehrvorstellungen bezüglich des Präsidentenamtes vor sich her getragen wie einen Pokal. Hält der die Bürger für völlig naiv. Wenn er nun aber dieses Amt so ehrt, hat er sich überlegt, wie Herr Erdogan dieses Amt "ehrt" ... ? Und selbstverständlich werden all diese Dinge von vielen Bürgern im Zusammenhang mit dem Wahlverhalten vieler türkischstämmiger Bürger hier hinsichtlich Herrn Erdogan betrachtet.
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