DFB-Länderspiel verlegt Die E-Mails von Grindel und Koch im Wortlaut

Der DFB verstrickt sich in Widersprüche. Für eine erfolgreiche Bewerbung zur EM 2024 kuschte Präsident Grindel vor Frankfurter Ultras. Der Verband bestreitet das - trotz dieser internen Dokumente.

DFB-Präsident Reinhard Grindel
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DFB-Präsident Reinhard Grindel

Von , , , Nicola Naber, und


An diesem Sonntag (20.45 Uhr, TV: RTL, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) spielt die deutsche Nationalelf gegen Peru. In Sinsheim, im Stadion der TSG Hoffenheim. Vor gerade einmal 25.494 Zuschauern. Die Wahl des Provinzorts hat eine bisher unbekannte Vorgeschichte, die mit der anstehenden Vergabe der EM 2024 zu tun hat - und einer gelegentlichen Paranoia des DFB-Präsidenten.

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Heft 37/2018
Warum die AfD so erfolgreich ist

Intern war beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) längst ausgemacht, dass eigentlich Frankfurt am Main das Länderspiel bekommen sollte. Doch Verbandschef Reinhard Grindel stellte sich quer, gegen das Votum seiner Fachleute, aus Angst vor den Frankfurter Fans, die als heikel gelten. Und tatsächlich knickte der Verband ein - vor den Rabauken auf der Tribüne und dem eigenen Präsidenten, der diese Rabauken fürchtete.

Vorgeschobene Argumente

Den Vorgang rund um die Ausrichtung des Peru-Spiels beschreibt der SPIEGEL nun erstmals in seiner aktuellen Ausgabe. Der DFB reagierte auf die Enthüllungen mit einer Stellungnahme, die die präsidialen Sorgen außen vorlässt. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur teilte der Verband mit, die Verlegung des Länderspiels habe nichts mit den Frankfurter Fans zu tun. Der DFB habe lediglich sicherstellen wollen, dass das Spiel gegen Peru ausverkauft sein werde, und habe sich deshalb entschlossen, ins deutlich kleinere Stadion in Sinsheim auszuweichen.

Hat der Verband wirklich Angst davor, dass die Nationalmannschaft, der Weltmeister von 2014, nicht mehr in der Lage ist, rund 50.000 Zuschauer zu mobilisieren? Oder soll diese DFB-Erklärung nicht eher von einem Eingreifen des DFB-Präsidenten in die Verbandsplanung ablenken?

"Über die Vergabe von Länderspielen entscheidet das DFB-Präsidium", erklärte ein Verbandssprecher auf Anfrage des SPIEGEL. Zudem teilte er mit, dass das Länderspiel gegen Frankreich am vergangenen Donnerstag in München vor 68.000 Zuschauern stattfand. Die Nationalmannschaft ziehe also noch, so die Message.

Warum denn dann Sinsheim?

Der SPIEGEL hat sich dazu entschlossen, den E-Mail-Verkehr zwischen Reinhard Grindel, dem Vizepräsidenten Rainer Koch sowie dem Generalsekretär Friedrich Curtius zu veröffentlichen, um aufzuzeigen, wie sehr Grindel auf den Spielortwechsel von Frankfurt nach Sinsheim drängte. Und zwar allein aus Angst vor den Ultras.

E-Mail von Reinhard Grindel an Rainer Koch
DER SPIEGEL

E-Mail von Reinhard Grindel an Rainer Koch

Reinhard Grindel schrieb am 28. Februar in einer Mail an die beiden ranghohen DFB-Funktionäre: "Ich halte das Risiko, dass wir bei dem Länderspiel ein Desaster erleben und dies kurz vor der EURO-Vergabe negative Auswirkungen hat, einfach für zu hoch, weil für mich die Frankfurter Ultra-Szene viel zu unberechenbar ist. Ich möchte mich deshalb auf klassische Argumente 'die Ultras besuchen keine Länderspiele' nicht so gerne verlassen. Man kann (...) die Befürchtung haben, dass die ja keineswegs dummen Ultras uns das Projekt EURO 2024 gerade kaputtmachen wollen, indem sie dort ein Inferno veranstalten."

E-Mail von Rainer Koch and Reinhard Grindel
DER SPIEGEL

E-Mail von Rainer Koch and Reinhard Grindel

Generalsekretär Curtius war weniger panisch. Auch Vize Koch wollte Grindel umstimmen: "Eine negative Stimmungslage kann gerade dann aufkommen, wenn herauskommt, dass wir Frankfurt abgelehnt haben, obwohl Frankfurt jetzt in der Abfolge der Länderspielstandorte klar an der Reihe ist und alle generellen Vorgaben erfüllt sind. Wenn nach einer Ablehnung Frankfurts Stimmung insbesondere gegen dich persönlich wegen deiner Haltung gemacht würde (es bleibt ja nichts geheim), wäre das geradezu kontraproduktiv."

Zudem sei alles intern schon besprochen, für die DFB-Verwaltung komme "nur Frankfurt in Betracht". Koch weiter: "Du sagst selbst immer 'keine Angriffsflächen bis zur Eurovergabe'." Deshalb dürfe man aber auch keine "Angriffsflächen für die Ultras bieten", indem der Verband Frankfurt für seine Hardcore-Fans abstrafe.

Trotz aller Argumente setzte sich am Ende Grindel durch, das Länderspiel findet in Sinsheim und nicht in Frankfurt statt.



insgesamt 24 Beiträge
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beathovenr66 09.09.2018
1. Unglaublicher Vorgang
Einmal mehr disqualifiziert sich Herr Grindel für sein Amt. Bedenklich ist allerdings auch, dass maßgebende DFB Leute vor diesem, offensichtlich allmächtigen, Mann kuschen. Es spricht nicht für unsere Gesellschaft, wenn ein Herr Grindel der Chef eines so grossen Verbandes werden und totz mehrfach erwiesener Unfähigkeit auch bleiben kann. Ich bin ein grosser Fussballfan und wünsche mir doch, dass die Causa Grindel für die Entscheidungsträger der UEFA bei der EM Vergabe eine Rolle spielt.
cs01 09.09.2018
2.
Wieso kommen Sie zu dem Schluss, man würde vor den Ultras kuschen. Vielmehr "bestraft" man Frankfurt für seine Ultras, indem man das Spiel verlegt. Das ist eher eine Vorabbestrafung für mögliche Proteste (die ja auch friedlich hätten sein können), als ein Kuschen vor den Ultras.
basileus97 09.09.2018
3. Base not found
Dass Grindel glaubt, die Frankfurter Ultras würden nichts lieber tun als ein DFB-Spiel zu besuchen zeigt doch wie weit er von den Fans entfernt ist die jede Woche ins Stadion gehen. Grindel, Seifert und Koch haben die aktiven Fanszenen im letzten Jahr nicht ernst genommen und bei Gesprächen mit ihnen irgendwas halbgares hingerotzt, auf ihren Handys rumgespielt und nichts ernst genommen was die Fanorganisationen vorgebracht haben. Dann soll sich Herr Grindel nicht wundern wenn er nichts davon versteht was an der Basis im Stadion vor sich geht. Vielleicht sollte er einfach mal von seinem hohen Ross runterkommen, zuhören und seiner Position gemäß handeln und sich Problemen im deutschen Fußball annehmen. Bei so einer Vergütung ist das sicher nicht zuviel verlangt.
logosms 09.09.2018
4. Wenn ich ein SGE-Ultra wäre...
Wenn ich ein Ultra von Eintracht wäre, und das hier jetzt im Spiegel lesen würde, dann würde ich genau jetzt versuchen, für heute Abend ein Ticket zu bekommen. Und für die Kollegen auch. Der Grindel ist mit seinem Amt total überfordert. In jeder Hinsicht.
cs01 09.09.2018
5.
Zitat von basileus97Dass Grindel glaubt, die Frankfurter Ultras würden nichts lieber tun als ein DFB-Spiel zu besuchen zeigt doch wie weit er von den Fans entfernt ist die jede Woche ins Stadion gehen. Grindel, Seifert und Koch haben die aktiven Fanszenen im letzten Jahr nicht ernst genommen und bei Gesprächen mit ihnen irgendwas halbgares hingerotzt, auf ihren Handys rumgespielt und nichts ernst genommen was die Fanorganisationen vorgebracht haben. Dann soll sich Herr Grindel nicht wundern wenn er nichts davon versteht was an der Basis im Stadion vor sich geht. Vielleicht sollte er einfach mal von seinem hohen Ross runterkommen, zuhören und seiner Position gemäß handeln und sich Problemen im deutschen Fußball annehmen. Bei so einer Vergütung ist das sicher nicht zuviel verlangt.
Das glaubte er laut Emails nicht, er weiß, dass Ultras eigentlich nicht zur NM gehen. Zitat: "Ich möchte mich deshalb auf klassische Argumente 'die Ultras besuchen keine Länderspiele' nicht so gerne verlassen. Man kann (...) die Befürchtung haben, dass die ja keineswegs dummen Ultras uns das Projekt EURO 2024 gerade kaputtmachen wollen, indem sie dort ein Inferno veranstalten." Er fürchtete also einen "Überraschungsangriff", also dass die Ultras entgegen ihren Gewohnheiten handeln, um den DFbBauf dem falschen Fuß zu erwischen.
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