Rekonvaleszent Bernd Schneider "Alles ist weg"

Bernd Schneider trainiert wieder mit der Mannschaft von Bayer Leverkusen. Doch ob der 81-malige Nationalspieler nach seiner Operation an der Halswirbelsäule je wieder alte Leistungsstärke erreicht, erscheint mehr als fraglich.


Die Kommandos von Eddy Sözer kommen kurz, sind aber unüberhörbar. "Tempo!" "Abspielen!" "Schneller!" Der Co-Trainer von Bruno Labbadia ist ganz in seinem Element. Es gibt ganze Passagen im Übungsbetrieb der Fußballer von Bayer Leverkusen, die leitet der Assistent dieser Tage an der türkischen Riviera alleinverantwortlich. So engagiert und couragiert, dass sogar die Kicker des Karlsruher SC, ebenfalls im weitläufigen Sueno Golf Resort untergebracht, interessiert einen Blick über den Zaun riskieren. Beide Bundesligisten trainieren Seite an Seite – auf zwei Rasenplätzen im Pinienwald bei angenehmen 15, 16 Grad. Über und nicht unter Null.

"Hier kann ich optimal arbeiten und auch mal einen Spieler stehen lassen", erklärt Labbadia. Oder Nachsicht walten lassen, wenn er nicht jede der Powereinheiten mit vollem Tempo mitmacht. Wie Bernd Schneider. Erst seit Anfang des Jahres trainiert der 81-malige Nationalspieler wieder mit der Mannschaft. Nach einer komplizierten Operation an der Halswirbelsäule, einem Eingriff am fünften und sechsten Wirbel. Nach 253 Tagen Zwangspause. Nach einer langen Leidenszeit und qualvoller Ungewissheit. Beim Physiotherapeuten Holger Broich hat er viele Stunden geschuftet. Ohne Ball. Kein Spieler vor ihm hat eine vergleichbaren Eingriff – vorgenommen am 25. April vergangenen Jahres – über sich ergehen lassen müssen. Schneider, Spitzname "Schnix", war in seiner Karriere selten verletzt, "deshalb habe ich keine Erfahrung damit".

Beinahe jeden Tag wird Schneider auf das angesprochen, was zurückliegt. Anfangs, man merkt ihm das sofort an, redet er nicht so gerne darüber. "Ich fühle mich gut und bin froh, wieder bei der Mannschaft zu sein. Doch jetzt muss ich mich da langsam rantasten. Das wird nicht von heute auf morgen klappen." Das lässt sich nicht übersehen: Beim Spiel in einem 30 mal 30 Meter großen Feld ohne Tore, in dem viele Zweikämpfe gefragt und gefordert sind, hält sich Schneider merklich zurück. Meist hält er sich in der hinteren linken Ecke auf, er ist nicht oft am Ball und in kaum ein Duell verwickelt. Auch später beim Trainingsspiel nicht. Einmal nur kommt er in Schussposition. Aus 17, 18 Metern, halbrechts, freistehend. Schneider nimmt den Ball direkt, aber gerät in Rückenlage. Der Ball fliegt drei, vier Meter über das Tor, trotzdem ertönen von den Kollegen aufmunternde Worte.

Der Protagonist weiß, dass ihm vieles fehlt. "Alles ist weg", sagt Schneider, "das Gefühl für den Raum, für den Ball, für den Zweikampf." Er müsse da langsam über das Training wieder reinkommen. Alle, die an ein baldiges Comeback glauben, wird der Filigrantechniker enttäuschen. Das DFB-Pokalspiel gegen Energie Cottbus am 28. Januar ist ebenso wenig ein Thema wie der Rückrundenauftakt am 31. Januar bei Borussia Dortmund. "Beides schaffe ich nicht ganz." Vermutlich wird er nicht einmal im Kader stehen. Und selbst im Februar wird man diesen Fußballer wohl kaum auf der Bundesliga-Bühne besichtigen können.

Schneider selbst hat die Variante ins Spiel gebracht, sich über die zweite Mannschaft von Bayer Leverkusen und Einsätze in der Regionalliga in Form zu bringen. Zusammen mit Akteuren, deren Vater er fast sein könnte. "Das stelle ich ihm frei", freut sich Labbadia über das professionelle Ansinnen, "vielleicht macht wir zwischendrin auch mal ein Trainingsspiel extra für ihn." Der Coach, 42, bestätigt, dass "Bernd einen Bonus" habe. Deshalb hat man bei Bayer auch schon im Oktober den auslaufenden Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert. "Das eine Jahr, das Bernd durch Verletzungen verloren hat, hängen wir einfach hinten dran", sagte Sportchef Rudi Völler damals.

Sein letztes Bundesliga-Spiel bestritt Schneider am 13. April 2008 beim 3:0 in Stuttgart – nach 41 Minuten wurde er ausgewechselt, kurz darauf ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule diagnostiziert. "So was hört keiner gerne", sagt er. Die alten Freunde in Jena, vor allem die Familie, machten ihm immer wieder Mut. Im August brachte Ehefrau Carina nach Tochter Emily, fünf Jahre, nun Söhnchen Giovani zur Welt. "Bei meinem ersten Kind war ich ja nur unterwegs. Bundesliga, Champions League, WM-Vorbereitung – diesmal habe ich viel mehr davon mitbekommen, obwohl ich die Windeln auch schon vorher wechseln konnte", gewinnt Schneider der Leidenszeit eine positive Seite ab.

Bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 war Schneider eine Stütze der deutschen Nationalmannschaft – sein variantenreiches Vorwärtsspiel ist eine Augenweide, sein feines Gefühl im rechten Fuß eine Offenbarung. Deshalb scheut sich auch Joachim Löw, den früheren Leistungsträger im DFB-Dress offiziell abzuschreiben – als die deutsche Auswahl im Oktober vergangenen Jahres zu den Qualifikationsspielen gegen Russland und Wales in Düsseldorf wohnte, war auch Schneider dabei. "Wir haben Kontakt", sagt er lapidar.

Über dieses Thema mehr zu reden, verbietet sich für einen, der im Verein große Konkurrenz hat. In der Hinrunden haben der Schweizer Tranquillo Barnetta, der Chilene Arturo Vidal und der Brasilianer Renato Augusto - abgesichert vom Deutschen Simon Rolfes – eine offensive Mittelfeldreihe gebildet, die mit ihren schnellen Ballpassagen und ihrem flinken Laufspiel eigentlich nur von den Tempokickern aus Hoffenheim übertroffen wurde. Am ehesten müsste Schneider den fast 15 Jahre jüngeren und in jeder Hinsicht herausragenden Augusto verdrängen – wie wahrscheinlich ist das? Labbadia antwortet auf dementsprechende Fragen sehr gelassen; er betont, dass man von Schneider nicht "zu viel verlangen" dürfe. Schritt für Schritt solle der Aufbau erfolgen, "wir wollen ihn nicht verheizen".

Da wird Schneider selbst aufpassen. In der Klinik Köln-Merheim bei Dr. Achim Münster hat er seine Reha absolviert, "es gibt ein paar Übungen, die muss ich weitermachen, um meine Halsmuskulatur zu stärken", sagt er. "Da muss ich mich dran gewöhnen." Genau wie an seine neue Rolle in dem stark verjüngten Bayer-Ensemble. All seine ehemaligen vertrauten Weggefährten aus glorreichen Leverkusener Zeiten wie Zimmernachbar Oliver Neuville, die Kämpen Carsten Ramelow oder Jens Nowotny, die Ex-Kollegen Michael Ballack, Ze Roberto oder Lucio, spielen woanders oder gar nicht mehr. Er aber will es noch mal wissen. Auch wenn er dieser Tage unter der türkischen Sonne ahnt: "Es wird wirklich schwer den Anschluss zu schaffen. Es ist ein weiter Weg." Ein zu weiter?



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