Bengalo-Randale: Stinkefinger von den Hardcore-Ultras

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Randale in Karlsruhe, Bengalos in Köln und Düsseldorf: Die Pyro-Exzesse der vergangenen Tage sind kein Zufall, sondern eine gezielte Provokation der Fußballverbände durch Fans. Doch die Hardcore-Ultras stoßen mit ihren Aktionen auch in der Szene zunehmend auf Ablehnung.

Karlsruhe und Düsseldorf: Die wilden Pyro-Exzesse Fotos
DPA

Es gibt in deutschen Fankurven mittlerweile so etwas wie einen kollektiven Mittelfinger. Zuletzt wurde er gereckt in der Dortmunder Kurve vor Anpfiff des DFB-Pokalfinales oder in der zweiten Hälfte des Spiels zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin - in beiden Kurven. Überall dort wurden Unmengen Bengalo-Fackeln teils zusammen mit Rauchbomben oder Kanonenschlägen gezündet.

Noch vor Monaten feierte sich eine Fankurve, wenn es gelang, zwei, drei Fackeln innerhalb einer Minute in die Höhe zu halten. Und nun: Dutzende in ein paar Sekunden. Ein einziges Fanal mit der Botschaft an die Fußballfunktionäre: "Seht her, ihr bekommt die Pyros nicht aus den Stadien heraus."

Und tatsächlich laufen Forderungen wie die der Sportausschuss-Vorsitzenden Dagmar Freitag nach "schärferen Sicherheitsmaßnahmen" ins Leere, weil die nur wenige Zentimeter großen Fackeln auch bei noch so strengen Kontrollen nicht alle entdeckt werden können. Allerdings schwindet nicht erst seit dem Skandalspiel von Düsseldorf auch in den eigenen Fankurven das Verständnis für die exzessive Zündelei rapide.

Ultras werden zu Selbstdarstellern

Zumal, wenn wie in der Relegationspartie Böller gezündet oder glühend heiße Fackeln aufs Spielfeld geworfen werden. Und erst recht dann, wenn - wie am Montag bei der Zweitliga-Relegation in Karlsruhe geschehen - ein paar hundert Fans stundenlang auch unter normalen Stadionbesuchern Angst und Schrecken verbreiten. Wobei es dort, um dies zu verhindern, nicht der "neuen Maßnahmen und Konzepte" bedurft hätte, die DFB und DFL am Mittwoch ankündigten - es hätte völlig genügt, wenn nicht so grotesk wenige Polizisten vor Ort gewesen wären.

Nun sollte man sich davor hüten, die Gewalttäter von Karlsruhe mit den Zündlern andernorts unter dem Begriff "Fangewalt" in einen Topf zu werfen. Es ist schließlich zunächst einmal kein Gewaltakt, einen brennbaren Gegenstand anzuzünden. Zumal in Karlsruhe auch einige "ehrbare Bürger" mitprügelten und der Platzsturm von Düsseldorf nicht von Ultras, sondern von euphorisierten Normalos begangen wurde.

Aber die unzähligen ultra-spezifischen Vorkommnisse in den vergangenen Monaten haben dafür gesorgt, dass die Verantwortlichen zunehmend als egoistische Selbstdarsteller wahrgenommen werden. Wie soll man als Fußballfan auch verstehen, wenn Böller geworfen werden, nachdem die eigene Mannschaft nach einem Tor wieder Hoffnung schöpft, doch noch die Klasse zu halten - wie am Dienstag beim Berliner Ausgleichstreffer geschehen?

Pyro-Aktionen werden koordiniert

"Es gibt leider zwei unterschiedliche Wahrnehmungen", sagt Volker Körenzig vom Karlsruher Fanprojekt. "Für Ultra-Fans sind Bengalos der ultimative Ausdruck von Freude. Und nach einem Tor ist die besonders hoch." Leider blendeten die Ultras dabei aus, dass andere Stadionbesucher oder Spieler das ganz anders sehen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fordert die Vereine im "Kölner Stadt-Anzeiger" auf, ihren Anhängern klarzumachen, dass es die Fan-Privilegien für Ultras und andere nicht mehr geben wird, wenn dort nicht endlich Ruhe und Ordnung einkehrt".

Dass die jüngsten Aktionen zwischen den einzelnen Fanszenen koordiniert werden, gibt gegenüber Medienvertretern kein Ultra zu. Doch bei dieser Szene, in der rund um die Uhr über sämtliche moderne Medien interagiert wird, braucht man keine große Phantasie, um zu wissen, dass es genau so ist.

Dafür spricht auch die extreme Häufung in den vergangenen Wochen: In beiden Relegationsspielen, beim feststehenden Abstieg des 1. FC Köln, beim Pokalfinale - allein in den letzten zwei Wochen wurde mehr gezündelt als in den Monaten zuvor. "Wenn bundesweit bei Spielen mit starker medialer Aufmerksamkeit so viel gezündet wird", sagt Körenzig, "liegt das daran, dass die Verbände sich einem Kompromiss mit den vernünftigen Leuten verweigert haben."

Anke Wiedenroth von "Pyrotechnik legalisieren" ist Sprecherin der Initiative, die Körenzig meint und deren Kompromissvorschlag - geduldetes Abbrennen in ausgewiesen Bereichen, im Gegenzug verzichtet die Szene auf wildes Zündeln und auf Böller - von DFB und DFL nach anfänglichen anderen Signalen abgelehnt wurde. "Im Moment", sagt Wiedenroth, deren Initiative über hundert Ultragruppierungen vertritt, "ruht unsere Arbeit. Die Leute sind frustriert und haben den Eindruck, dass Dialogbereitschaft eh nichts bringt."

Es scheint, als seien in dieses Vakuum andere, radikalere Gruppen gestoßen. Und die schaffen derzeit das, was sie angeblich bekämpfen: Ein Klima, in dem Forderungen nach Zäunen, Fankäfigen, reinen Sitzplatzstadien und kompletten Alkoholverboten salonfähig werden.

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