Skandalspiel in Düsseldorf "Was für eine Schande"

Es war ein Skandalspiel, wie es der deutsche Fußball lange nicht erlebt hat. Die Relegationspartie zwischen Düsseldorf und Berlin stand vor dem Abbruch, Tausende Fans hatten den Platz gestürmt. Beim Sieger war von Aufstiegsfreude nicht viel übrig. Verlierer Hertha erwägt einen Protest, die Spieler hatten angeblich Todesangst.

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Von , Düsseldorf


Irgendwann während seiner gescheiterten Rettungsmission bei Hertha BSC Berlin hat Otto Rehhagel von der "Schatztruhe" erzählt, in der er all seine Erfahrungen sammle. Der 73-jährige Trainer hatte damals den Eindruck erzeugt, er sei eine Art Fußballweiser. Einer, den nichts mehr überraschen kann. Aber Rehhagel hat sich getäuscht.

Nach seinem womöglich letzten Spiel als Trainer konstatierte er fassungslos: "Die Begleitumstände waren katastrophal, so etwas habe ich auch noch nicht erlebt, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas möglich ist." Die Berliner sind nach dem chaotischen 2:2 von Düsseldorf abgestiegen, aber wahrscheinlich wird die Hertha Protest gegen die Wertung des Spiels einlegen. Eines Fußballspiels, das völlig aus den Fugen geraten war.

Die Düsseldorfer Fans waren während der siebenminütigen Nachspielzeit über die Balustraden geklettert, sie fieberten einem destruktiven Ritual entgegen: dem Jubelsturm auf den Rasen. Eine solche Aktion hatte schon die Dortmunder Meisterfeier vor zwei Wochen zerstört. In Düsseldorf rannten nun einige hundert Leute los, bevor Schiedsrichter Wolfgang Stark abgepfiffen hatte. Mit einem Mal lagen die Menschen sich auf dem Platz in den Armen, einige brannten Feuerwerkskörper ab, ein Mann schnitt den Elfmeterpunkt aus dem Rasen. "Ich war einfach nur entsetzt, was für eine Schande", sagte Düsseldorfs Außenverteidiger Tobias Levels später.

Schon vorher fünf Minuten Unterbrechung

Schon Mitte der zweiten Halbzeit hatte die Partie für fünf Minuten unterbrochen werden müssen, weil in beiden Fanblocks ein wahrer Feuerwerksexzess gefeiert wurde. Nun ruhte das Spiel 20 Minuten lang. Düsseldorfer Fußballer brüllten ihre wirren Fans an, der Stadionsprecher mühte sich nach Kräften um Deeskalation, und die Polizei beschränkte sich darauf, zu verhindern, dass auch die Berliner Fans den Rasen stürmen. Dann wäre es richtig gefährlich geworden.

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Am Ende gelang es, die Situation zu beruhigen, aber die Berliner mussten überredet werden, in diesem Chaos weiterzuspielen. "Die Sicherheit der Spieler war unter diesen Umständen nicht mehr gewährleistet", sagte Manager Michael Preetz, "man muss sich nur vorstellen, was hier passiert wäre, wenn wir in den zwei Minuten noch mal ein Tor machen." Diese berechtigte Angst vor einem eigenen Treffer wird ein wichtiges Argument sein, wenn juristische Schritte eingeleitet werden.

Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt machte am Mittwochmorgen deutlich, dass das Team nur auf Drängen der Polizei noch einmal aufs Spielfeld zurückkehrte. "Der Schiedsrichter hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern", sagte Schickhardt in der ARD. Der Anwalt sprach davon, dass die Hertha-Spieler sich "in Todesangst" befunden hätten, da sie "ungeschützt in einem Mob" auf dem Spielfeld standen.

Düsseldorfs Manager verharmlost die Ereignisse

Wären die Gäste nicht mehr auf den Platz gekommen, hätte wohl tatsächlich eine Eskalation anderer Art gedroht. Dann hätten die Düsseldorfer Chaoten den zu diesem Zeitpunkt so gut wie sicheren Aufstieg zerstört - selbst vernünftigere Fans wären dann eventuell nicht zu halten gewesen. Auch deshalb war das Bemühen des souveränen Schiedsrichters Stark, die Partie zu Ende zu bringen, der einzig angemessene Ansatz. Berlins Torhüter Thomas Kraft brüllte dem Unparteiischen im Tumult der Katakomben trotzdem hinterher: "Ihr feigen Schweine!" Das war ebenso realitätsfern wie die Betrachtungen des Düsseldorfer Managers Wolf Werner.

Werner meinte anschließend verharmlosend, er habe "so etwas schon öfter erlebt", und einen Reporter, der wissen wollte, wo und wann, bellte er an: "Sie fragen dämlich. Mit so einem Scheiß will ich nichts zu tun haben." Die Aufstiegsfreude in Düsseldorf hatte mächtig gelitten unter dem hässlichen Ende. Und wegen der Berliner Protestüberlegungen können die Fortunen nicht einmal sicher sein, dass ihr Erfolg Bestand hat.

Kurios ist, dass die Eskalation - anders als bei den Ausschreitungen in Köln am letzten Bundesliga-Spieltag oder bei der Zweitliga-Relegation in Karlsruhe am Montag - nicht von Gewalttätern herbeigeführt wurde. Den auf den Platz stürmenden Fans konnte man vielleicht sogar attestieren, dass sie die Sache aufgrund von geradezu kindlich-naivem Übermut aus den Fugen geraten ließen. Die meisten dieser Chaoten wollten das Erlebnis aufsaugen, ganz nah dabei sein.

Sie haben darüber den Respekt vor dem Spiel, den Fußballern und den vernünftigen Zuschauern verloren.

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