Remis gegen Barcelona: Stuttgart zähmt die Zauberer

Aus Stuttgart berichtet

Der VfB Stuttgart hat sich in der Champions League zu einem Unentschieden gerackert - gegen eine Elf namens FC Barcelona, die in der ersten Halbzeit als Crew gehfauler Kicker auftrat. Zum Weiterkommen braucht es im Rückspiel bloß noch ein eigenes Tor und einen Keeper, der das "Spiel des Lebens" macht.

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Der große schwere Kopf wiegte hin und her. Lange, quälend lange entfuhr dem Mund kein Laut. Bis sich VfB-Trainer Christian Gross schließlich doch einen Ruck gab und anfing zu sprechen. Nach dem 1:1 gegen den FC Barcelona berichtete der höfliche Schweizer von der Zufriedenheit mit dem eigenen Team im Allgemeinen und der Wichtigkeit des Flügelspiels im Besonderen. Mit der Frage, die ihm ein spanischer Reporter gestellt hatte, hatte die vermeintliche Antwort allerdings nichts zu tun. Dabei war die doch eigentlich ganz simpel gewesen: "Hätten Sie damit gerechnet, dass Barcelona in der ersten Hälfte so schlecht sein würde?"

Normalerweise wird das Spiel des Titelverteidigers mit Worten aus dem Reich der Schönheit und der Magie beschrieben. Und auch im Champions-League-Achtelfinale hatten die Spanier eine erste Halbzeit hingelegt, die für Staunen auf den Rängen gesorgt hatte. Diese mutlose Ansammlung gehfauler Kicker sollte also das ruhmreiche Barça sein? Falls ja, spielte die in blau-rot gestreifte Trikots gewandete Mannschaft so, als wolle sie den Mühseligen und Beladenen im internationalen Fußball zeigen, dass sie mit dem gleichen Wasser wie alle kocht.

Dass es gegen einen solch passiven Gegner bei dem einen Stuttgarter Treffer durch Cacau (25. Minute) blieb, war höchst unglücklich. Nicht nur, weil der VfB zahlreiche weitere gute Chancen vergeben hatte (Cacau, 33./ Pawel Pogrebnyak, 41.), sondern auch, weil es Schiedsrichter Bjorn Kuipers nicht gut mit den Schwaben meinte: Nach einer Flanke von Pawel Pogrebnjak spielte Gerard Piqué den Ball mit der Hand (29.) - Strafstoß gab es genau so wenig wie beim Foul von Rafael Marquez an Timo Gebhardt (41.).

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Dabei gehört für einen Schiedsrichter eigentlich gar nicht so viel Mut dazu, einen Elfmeter zu pfeifen. Oder dazu, einem Spieler nach einer auf der nach oben offenen Möller-Skala höchstplatzierten Schwalbe die Gelbe Karte zu zeigen. Aber es gehört Mut dazu, den Elfmeter in der Champions League zu geben und einen Weltstar wie Lionel Messi zu verwarnen. Diesen Mut hatte Kuipers nicht. Weil er in der Folgezeit aber seine Fehler gleichmäßig auf beide Teams verteilte und auch dem Gast einen Handelfmeter verweigerte (Molinaro/69.), mochte nach dem Spiel keiner den Schiedsrichter allzu hart kritisieren.

Auch VfB-Manager Horst Heldt nicht, der sich ebenso wie sein Coach strikt weigerte, die hervorragende VfB-Leistung im ersten Durchgang auch mit der Schwäche des Gegners zu erklären: "Unser Mittelfeld ist gelaufen bis zum Geht-nicht-mehr, in Ballnähe wurde immer gedoppelt. Da kann man nicht einfach sagen, der Gegner war schwach." Des Managers Fazit "das war schon sehr sehr gut" blieb unwidersprochen.

Auch in der zweiten Halbzeit spielte der VfB gut. Die enorme Laufarbeit aus dem ersten Durchgang blieb aber nicht ohne Folgen. Zumal sich beim Gegner nach dem Ausgleich durch Zlatan Ibrahimovic (52.) allmählich die Lähmungserscheinungen lösten. "Das Tor haben wir unnötig bekommen", ärgerte sich Cacau. Tatsächlich hatte Matthieu Delpierre mit einer verunglückten Kopfballabwehr Pate gestanden. Es war der einzige Fehltritt in einem ansonsten ziemlich fehlerfreien Stuttgarter Auftritt.

Selbstvertrauensschub in Stuttgart

Vor allem die jüngeren Spieler scheinen seit dem Trainerwechsel von Markus Babbel zu Gross einen enormen Selbstvertrauensschub mitgemacht zu haben. Da tänzelte Timo Gebhardt in bedrohlicher Nähe von zwei Katalanen mit dem Ball um die eigene Achse. Da zog es Stefano Celozzi vor, gleich zwei Gegenspieler zu überlaufen, anstatt einen Sicherheitspass zu spielen, wie er es noch im ersten Saisondrittel getan hätte. Da stürzte der VfB den Gegner durch schnelles, druckvolles Spiel und flotte Seitenwechsel von einer Verlegenheit in die nächste. Da zeigten Cacau und vor allem Pogrebnjak ein nahezu perfektes Stürmerspiel. Dass der Russe nach gut einer Stunde entkräftet ausgetauscht werden musste, war da nur folgerichtig - er war 64 Minuten lang in allen drei Mannschaftsteilen gleich präsent gewesen.

Keeper Jens Lehmann mahnte vor dem Rückspiel in Barcelona dennoch zu verschärftem Realismus: "Wenn man die in den letzten 20 Minuten kombinieren sehen hat, weiß man, dass es sehr schwer wird für uns." Ähnlich äußerten sich auch Sami Khedira und Cacau. Aber auch sie wissen, dass sie mittlerweile eine ganz andere Mannschaft auf den Platz schicken als noch in der Hinrunde. Manager Heldt, wahrlich kein Lautsprecher, ließ jedenfalls schon mal dezent durchblicken, dass man mit einem 0:1 in Barcelona ja bereits weiter wäre. Die notwendigen Weichen stellte Trainer Gross bereits nach Schlusspfiff, also drei Wochen vor dem Rückspiel: "Ich habe Jens Lehmann schon in der Kabine gesagt, dass er in Barcelona das Spiel seines Lebens machen muss."

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