Bayerns Problemfall wird zum Vorzeigeprofi Und alle lieben Renato

Renato Sanches galt beim FC Bayern als Problemfall. Nach seinem Auftritt bei seinem alten Klub Benfica wird der 21-Jährige ganz schnell zum Vorzeigespieler für die erfolgreiche Integration der Neuen unter Niko Kovac.

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Aus Lissabon berichtet Christoph Leischwitz


Es waren eigentlich nur noch 20 Meter bis zum Mannschaftsbus, für den kräftigen Sprinter Renato Sanches ist das nichts, doch in diesem Moment wirkte der 21-jährige Jungprofi des FC Bayern München trotzdem schon recht müde. Es hatte ja schon auf dem Platz begonnen, wo er mit nacktem Oberkörper alte Bekannte umarmte, dann der Interview-Marathon. Mitspieler Mats Hummels hatte zuvor erzählt, dass Sanches erst in die Kabine kam, als alle anderen mit dem Duschen schon fertig waren.

Dass ein Fußballprofi mal eine Reise in die Heimat unternimmt, zu seinem alten Klub, kommt immer wieder vor. Dass er gegen diesen alten Klub aber dann auch noch ein Tor schießt und dafür von dessen Fans gefeiert wird, das war schon etwas Besonderes. Und der Moment, der aus einem gewöhnlichen, erwartbaren 2:0-Champions-League-Sieg des FC Bayern bei Benfica Lissabon etwas Besonderes machte. Alles sei "sehr emotional" gewesen, sagte Sanches dann noch auf Englisch, "es war sehr wichtig für mich, dieses Spiel zu machen". Dann schlurfte er zum Bus.

Thiagos Ausfall brachte Sanches' Chance

Am Abend zuvor hatte Trainer Niko Kovac noch ein Geheimnis daraus gemacht, ob Sanches spielen würde. Der Mittelfeldspieler war in der aktuellen Saison noch nicht zum Einsatz gekommen. Aber: "Wenn nicht jetzt, wann dann", sagte Kovac nach dem Spiel. Er räumte aber ein, dass diese Bauchentscheidung erst fiel, nachdem sich Mittelfeldspieler Thiago eine Zehenverletzung zugezogen hatte.

Der Trainer nannte Sanches' Leistung "einzigartig", Mats Hummels "fantastisch". Sanches gelang aber lange nicht alles im heimischen Rampenlicht. Mitte der ersten Halbzeit hatte er sogar recht viele Ballverluste. Ständig wedelte er mit den Armen und forderte den Ball, wirkte dabei aber auch schlicht hektisch. Doch schon das frühe 1:0 durch Robert Lewandowski (10.) hatte seine Stärken aufgezeigt: Sanches hatte es mit einem seiner schnellen Antritte eingeleitet. "Er hat ein enormes Tempo, er kann die Bälle über 40, 50 Meter schleppen", schwärmte Hummels.

Ein Sprint, ein Ableger, ein Abstauber - und Beifall

Die 54. Minute war dann wie gemalt für diese besondere Heimkehr: Eine Hackenvorlage von Arjen Robben, ein Sprint von Sanches über das halbe Feld, ein Ableger zur Seite, und dann der Abstauber zum vorentscheidenden 2:0. Sanches presste sofort die Hände über dem Kopf zusammen, es hieß wohl einfach nur: Entschuldigung. Dann standen Tausende auf und klatschten Beifall. Ohne Gesänge oder Jubel, einfach nur purer, respektvoller Beifall. "Ich habe zu ihm gesagt: Genieße diesen Moment", erzählte Arjen Robben später.

Er wird es getan haben, nach den "vielen Nackenschlägen" (Kovac), die ihm widerfahren waren. 2016 war er zu den Bayern gekommen, spielte in der Saison aber nur zweimal über 90 Minuten: Der junge Europameister war gefloppt. "Als er hier ankam, war er noch zerstörter, als ich dachte" - das sagte vor einem halben Jahr Swansea-Trainer Paul Clement, als die Bayern ihn nach England ausliehen.

In den vergangenen Wochen erzählten die Bayern-Verantwortlichen plötzlich, dass Sanches nach seiner Rückkehr sehr hart an sich gearbeitet habe. Richtig gut lief es für ihn dann Ende August, als Benfica zu den Bayern in Gruppe E gelost wurde. Wer weiß, wie lange es sonst mit dem Startelf-Einsatz gedauert hätte. Plötzlich ist er der Vorzeigespieler für die Tatsache, dass sich die meisten neuen Spieler bei den Bayern recht gut integrieren.

Kovac, Neuer - Es gab auch noch andere Gewinner an diesem Abend

Das kleine Sanches-Märchen verdeckte ein wenig, dass es an diesem Abend noch andere Gewinner gab. Trainer Niko Kovac zum Beispiel, der gewiss kein perfektes, aber ein gutes Debüt als Champions-League-Trainer feiern konnte. "Für unser Trainerteam war der Sieg sehr, sehr wichtig", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Oder Manuel Neuer, der in den wenigen Momenten, in denen er gefragt war, Paraden ablieferte wie in alten Zeiten vor seinen langwierigen Verletzungen. "Ich habe mich auf das Spiel gefreut. Das war auch für mit ein ordentlicher, ein guter Einstand", sagte der 32-Jährige, dessen letztes Champions-League-Spiel am Mittwoch 372 Tage zurücklag.

Neuer wirkte nach dem Spiel gelöst wie selten. Und wagte sich auch schon bezüglich des nächsten Spiels aus der Deckung: Zusammen mit Leon Goretzka reist er, wie diesmal Renato Sanches, zu seinem ehemaligen Verein, Schalke 04. Er selbst habe dort ja schon so seine Erfahrungen gemacht ("Je mehr Hass man bekommt, umso mehr weiß man, wie sehr man geliebt wurde"). Was den gerade erst gewechselten Goretzka angeht, so meinte er noch: "Ich bin gespannt, ob die Schalker da mit den Fans von Benfica mithalten können."

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Benfica Lissabon - FC Bayern München 0:2 (0:1)
0:1 Lewandowski (10.)
0:2 Sanches (54.)
Lissabon: Vlachodimos - Almeida, Dias, Jardel, Grimaldo - Fejsa - Gedson (75. Zivkovic), Pizzi (62. Silva) - Salvio (62. Gabriel), Cervi - Seferovic
München: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba - Martínez (88. Müller), Sanches - Robben, James (79. Goretzka), Ribéry (62. Gnabry) - Lewandowski
Schiedsrichter: Mateu Lahoz (Spanien)
Gelbe Karten: Fejsa, Jardel / Kimmich, Hummels
Zuschauer: 63.000 (ausverkauft)



insgesamt 31 Beiträge
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tomaraya 20.09.2018
1. Naja
Jetzt hat er gerade mal ein Spiel von Anfang gespielt. Warten wir erst mal ab wie oft sich das wiederholt. So wie ich gehört habe, ist Thiago ausgefallen. Was also wenn er wider fit ist?
lestat3006 20.09.2018
2. Abstauber?
Das Tor war herausgespielt, von Sanches selbst eingeleitet und ganz gewiss kein Abstauber, nur weil Sanches mutterseelenallein im Strafraum war. Bitte mal die Definition für ?Abstauber? nachschlagen.
HCL 20.09.2018
3. Bravo Herr Kovac
Einmal mehr zeigt sich wie wichtig fuer Spieler das Vertrauen des Trainers ist. Weiter so Nico Kovac, sie haben das Haendchen und Bauchgefuehl um eine grosse Saison zu spielen. Das ist Herrn Loew wohl abhanden gekommen. Darum wird Bayern erfolgreich bleiben und die Nationalmannschaft in Mittelmaessigkeit versinken.
sapiens-1 20.09.2018
4. Na ja,
immer mal langsam mit den Lobeshymnen. Die erste Halbzeit des jungen Mannes war doch sehr durchwachsen, wie auch der Bericht verdeutlicht. Und langsam sollte er auch mal was zeigen, das die 35 Mios auch nur ansatzweise rechtfertigt. Wäre Benfica alles in allem kein so schwacher Gegener gewesen, hätte man sich beim FCB kaum leisten können Sanches zur Halbzeit nicht zu tauschen. Und dann? Sähe die Bewertung völlig anders aus! Jetzt muß er konstant zeigen ob er was drauf hat, solange gilt für mich, daß ein blindes HUhn auch mal ein Korn findet...ich würde gern an mehr glauben, denke aber der Junge ist kopfmäßig dem ganz großen Gußball nicht gewachsen.
Pela1961 20.09.2018
5. Und auch hier -
geht es nicht eine Nummer kleiner? In jeder Hinsicht? Der Junge ist 21 Jahre alt. Da ist er schon einiges für "gewesen". Erst die große Hoffnung, dann der teuerste Transfer, dann der größte Reinfall, dann ein Problemfall und jetzt wieder die große Hoffnung. Gebt ihm doch mal Zeit, verdammt noch mal. Dass er was kann, hat er doch schon bewiesen. Jetzt muss er sich erst einmal in einer Truppe zurechtfinden, die mit Spielern gespickt ist, die schon einiges erreicht haben und trotz ihres Alters auch noch nicht bereit sind, nur wegen des Alters in Rente zu gehen. Er ist Bestandteil des Kaders, er könnte wichtig werden, aber er wird trotz seiner tollen Leistung gestern nicht sofort zum Stammspieler werden. Und warum geht eigentlich immer der Einsatz von J. Kimmich vor dem Tor vollkommen unter? Hätte der nicht an der eigenen Torauslinie alles getan, um eine Ecke und einen Einwurf zu verhindern, wäre das Tor nie und nimmer so gefallen. Das war eine Glanzleistung der gesamten Mannschaft, gekrönt durch den Sololauf und den Abschluß von Sanches.
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