Retro-Liebe Heiß auf Jupp, Kalle und Hans-Peter

Unter Jürgen Klinsmann und Joachim Löw ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wieder aufgeblüht. Adrian Schimpf kann der derzeitigen Truppe dennoch nichts abgewinnen. Er steht auf das Team, das in den Achtzigern den perfekten Malocherkick zelebrierte.


Wenn ich mir eine Zeit aussuchen könnte, in der ich dauerhaft leben könnte, ich würde die Achtziger wählen. Eine tolle Zeit. Maggie Thatcher verwandelte militante Gewerkschaften in handzahme Bettvorleger, Ronald Reagan rüstete die Kommunisten hinter dem eisernen Vorhang in den totalen Konkurs. Ja, die Russen waren böse und die Amis waren gut. Mercedes baute unter dem Werkscode "W 126" die beste S-Klasse, der je ausgeliefert wurde. VW schraubte mit dem Golf II ein Auto von einer Qualität zusammen, wie es sie heute einfach nicht mehr gibt.

Bundeskanzler Schmidt (l.) und der jüngst verstorbene Bundestrainer Derwall (1982): Viel Arbeit, aber insgesamt eine lustige Zeit
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Bundeskanzler Schmidt (l.) und der jüngst verstorbene Bundestrainer Derwall (1982): Viel Arbeit, aber insgesamt eine lustige Zeit

Siemens machte in der ganzen Welt Geschäfte und die staatlichen Behörden freuten sich über satte Steuereinnahmen, statt kleinlich irgendwelchen Bestechungsvorwürfen nachzugehen. Der Aufschwung brummte spätestens seit 1983 unaufhörlich, dass es eine Freude war. Die Blumenkinder von 1968 hatten ihre Blütezeit längst hinter sich und befanden sich entweder auf der Verliererstraße oder auf dem Weg in die innere Emigration.

Nach der ganzen Larifari-Kuschel-Pädagogik und dem ach so herrschaftsfreien Diskurs, mit der die gesamtschul-begeisterten Gemeinschaftskundelehrer in den Siebzigern noch ihre Schüler terrorisiert hatten, durfte man als Kind der Achtziger schon wieder halbwegs ungestraft davon plappern, dass Leistung sich wieder lohnen müsse, ohne dass im Klassenraum gleich ein Sitzkreis einberufen wurde, um darüber zu diskutieren. In jener Dekade zählte endlich wieder der Wille zum Erfolg.

Wenn es je eine Fußballmannschaft gab, die zu ihrer Zeit passte wie der Deckel auf den Topf, dann war es die deutsche Nationalmannschaft der Achtziger. So inspirierend wie die schuhkartonförmige Karosserie des letzten Opel Rekord. Aber genau so zuverlässig. So sexy wie die damalige Außenhandelsbilanz. Aber genau so erfolgreich. Zwei Weltmeisterschaften (1982/1986), in denen wir der Welt zeigten, dass man es mit Disziplin, Einsatz, Effizienz und blinder Ignoranz gegenüber dem Schönen, Guten und Eleganten bis ins Finale schafft.

Hans-Peter Briegel, Wolfgang Dremmler, Klaus Augenthaler, die Förster-Brüder Bernd und Karlheinz. Hinten wurden die Spiele gewonnen, vorne half ein Sonntagsdribbling eines Bindestrich-Karlheinzes (Nachname Rummenigge) oder die blanke Angst des Gegners vor Horst Hrubesch. Manchmal kam dabei sogar spannender Fußball heraus. Und im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich wurde ein für alle Mal der Mythos zementiert, dass wir erst dann besiegt sind, wenn alle schon unter der Dusche stehen und der Gegner immer noch führt. 20 Jahre später bei der WM 2002 fühlte sich nicht nur die "Bild"-Zeitung an die glorreichen Achtziger erinnert: Rumpelfußball zum Gotterbarmen - aber die Welt hat wieder Angst vor uns.

Ein Fußballspiel in den Achtzigern war der ultimative Lackmustest, um endgültig herauszufinden: Bin ich Fan der deutschen Nationalelf? Stehe ich, egal was kommt, zu den weißen Hemden und schwarzen Hosen? Dieses Spiel war, na klar, das 1:0 gegen Österreich bei der WM 1982 in Spanien. Die angebliche Schande von Gijon. Ein pazifistischer Nichtangriffspakt zwischen zwei Bruderstaaten. Ein Spiel der Nächstenliebe. Uns reichte ein 1:0, Österreich reichte ein 0:1. Wir waren weiter, die Ösis waren weiter, Algerien war raus. Na, und?

Ich habe die ganze Aufregung um dieses Spiel nie verstanden. Wir hatten die Regeln nicht gemacht. Algerien hatte es zuvor selbst versäumt, alles klar zu machen. Ist das unsere Schuld? Sollen wir das Spiel des Jahrtausends machen, es endet 4:4 und wir fahren nach Hause? So ein Schmarrn. Heute würde das Spiel im Ergebnis ganz genau so enden, allerdings würden sich alle Beteiligten einfach mehr Mühe geben, noch ein bisschen mehr Show zu liefern. Heute ist Fußball ja großes Entertainment, damals war Fußball Arbeit.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Das 1:0 war ein prima Ergebnis, und weil das Spiel schon nach zehn Minuten so stand, gab es keinen Anlass, in den restlichen 80 Minuten irgendein Gedöns zu veranstalten. Ineffizient wäre das gewesen. Undiszipliniert, unehrlich sogar. Es gab nichts zu tun, also wurde auch gar nicht so getan, als ob. Die deutsche Nationalmannschaft wäre sich selbst und ihrer Zeit untreu geworden, hätte sie anders gespielt.

Seit diesem Spiel bin ich erst recht Fan der DFB-Auswahl gewesen. Und ich bin mir sicher: Die WM 2006 war ein bedauerlicher Betriebsunfall. In den Achtzigern hätten wir nur halb so schönen Fußball gespielt, wären aber sicher ins Endspiel gekommen. Dabei war das Viertelfinale gegen Argentinien doch endlich mein ersehnter Lichtblick gewesen: Erst einmal hinten dicht, dann nie aufgeben. Kämpfen, kratzen, beißen, spucken, treten, Gras fressen. Bis weit nach dem Schlusspfiff. Lieber drei Rückpässe zum eigenen Torwart als eine gewagte Kombination. Aus höchstens zwei Torchancen wenigstens ein Tor. Teutonische Nervenstärke im Elfmeterkrimi. Da hätte man drauf aufbauen können. Stattdessen musste ja gegen Italien im Halbfinale unbedingt offensiv gezaubert werden.

Aber das zeichnet den wahren Fan ja aus: Er hält zu seiner Mannschaft. Selbst in dunklen Zeiten wie diesen.



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chefstratege, 20.06.2007
1. Schalke ist meine Weltanschauung
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
Klo, 20.06.2007
2.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
king.woita 20.06.2007
3.
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
Umberto, 20.06.2007
4.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
Carsten31 20.06.2007
5.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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