Ribbeck-Interview: "Ich habe dieses Turnier nie gewollt"

DFB-Teamchef Erich Ribbeck über das Debakel in Mexico

"Herr Ribbeck, wie beurteilen sie die 0:4-Pleite gegen Brasilien?"

Ribbeck: "Mir tun die Spieler leid, die sich eine Stunde lang sehr bemüht haben und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zum Teil sehr gut gespielt und auch mitgehalten haben. Aber man merkte nach einer Stunde, speziell nach dem 0:1, daß die Kräfte nachließen. Mit dem 0:2 hätte man noch ganz gut leben können, aber die letzten beiden Tore waren deprimierend."

"Was war ausschlaggebend für den Einbruch?"

Ribbeck: "Hitze und Höhe waren nicht der Grund. Sondern schlicht und einfach der, daß die meisten unserer Spieler erst seit drei Wochen im Training sind, während die Brasilianer schon ein Turnier gespielt haben, seit acht Wochen zusammen sind und eine Top-Verfassung aufweisen. Ich bedaure, daß wir gegen die Brasilianer mit schwächerer Vorbereitung spielen mußten."

"Hätte man angesichts der ungünstigen Voraussetzungen die Reise nach Mexiko überhaupt antreten dürfen?"

Ribbeck: "Ich habe dieses Turnier nie gewollt. Ich habe gewußt, daß es so kommen kann wie es jetzt gekommen ist. Ich hoffte auf eine gewisse Schadensbegrenzung, aber jeder hat gesehen, was passiert ist. Ich erwarte deshalb auch, daß nicht auf die Spieler draufgehauen wird oder auf mich, sondern daß nach den Gründen gesucht wird."

"Der DFB begründet die Mexiko-Teilnahme mit der WM-Bewerbung 2006. Steigen die deutschen Chancen deshalb wirklich so sehr?"

Ribbeck: "Dazu will ich nichts sagen, das kann ich nicht beurteilen, davon habe ich keine Ahnung. Ich bekomme da auch nur so mit, was die Experten sagen."

"Einige Spieler saßen zuhause, weil sie pro Klub nur drei Spieler mitnehmen durften. War dies ein fauler Kompromiß?"

Ribbeck: "Die brasilianische Mannschaft ist hier am Start, obwohl in Brasilien schon die nationale Meisterschaft begonnen hat. Da müssen die Vereine eben ohne die besten Spieler auskommen, weil die Nationalmannschaft Vorrang hat. Bei uns kann man sich das doch gar nicht vorstellen, daß sich die Bundesliga nach der Nationalmannschaft richtet."

"Wir geht es nun weiter gegen Neuseeland und die USA?"

Ribbeck: "Wir müssen lernen, uns taktisch anders zu verhalten, wenn die Kräfte nachlassen. Da darf man nicht ins offene Messer laufen."

"Gab es aus Ihrer Sicht auch positive Aspekte."

Ribbeck: "Ich fand unsere Spielanlage gar nicht schlecht. Wir haben die Brasilianer eine Stunde lang kontrolliert. Später waren wir nicht mehr so gut organisiert, weil die Kräfte nachgelassen haben. Zudem hat Thomas Linke ein sehr gutes Spiel gemacht. Auch Lars Ricken und Mehmet Scholl gehören zu den positiven Aspekten. Es gab aber auch den ein oder anderen, der von Anfang an nicht so gespielt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte. Da nenne ich aber keine Namen."

"Sie hatten auf eine spielerisch starke Elf gesetzt. War dies der richtige Entschluß oder fehlten die Kämpfer?"

Ribbeck: "Die entscheidenden Fehler haben nicht die mit den spielerischen Vorteilen gemacht, sondern die, die kämpferische Vorzüge haben. Wenn die Kraft nachläßt, können sich die spielerischen Typen noch helfen, die anderen nicht.»

Oliver Hartmann

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