Rio de Janeiro Zuschauerpanik bei Endspiel

Das Final-Rückspiel der brasilianischen Fußball-Meisterschaft zwischen Vasco da Gama und Sao Caetano wird nach Fanausschreitungen im offenbar völlig überfüllten Stadion abgebrochen. Rund 170 Besucher werden verletzt.


Rio de Janeiro: Ein Wunder, dass es keine Toten gab
DPA

Rio de Janeiro: Ein Wunder, dass es keine Toten gab

Rio de Janeiro - Zu dem Unglück war es am Sonnabend kurz nach der Auswechslung von Vascos Stürmerstar Romario gekommen, der in der 23. Minute beim Spielstand von 0:0 wegen einer Zerrung ausgewechselt werden musste. Die Zuschauer in den oberen Rängen des Stadions drängten die unten stehenden Fans immer weiter an den Metallzaun, bis dieser dem Druck nicht mehr Stand hielt und zusammenbrach.

Zahlreiche Menschen fielen zu Boden und wurden überrannt. Anschließend brach ein Panik aus. Tausende Zuschauer liefen auf das Spielfeld. Hilflos auf dem Boden liegende Menschen wurden niedergetrampelt, andere gegen den Zaun gedrückt. Drei Opfer, darunter ein fünfjähriges Mädchen, befinden sich noch in einem kritischen Zustand. Viele Eltern waren mit ihren Kindern gekommen, die auch ohne Ticket ins Stadion durften.

Im 35.000 Zuschauer fassenden Stadion waren 10.000 mehr

Das Spiel sei zum Drama geworden, urteilten die brasilianischen Medien, weil Vasco-Präsident Eurico Miranda auf eine Austragung im alten und kleinen vereinseigenen Stadion Sao Januario bestanden hatte und die Partie nicht im 100.000 Besucher fassenden Maracana-Stadion austragen lassen wollte. Obwohl die Vasco-Spielstätte nur Platz für höchstens 35.000 Besucher biete, seien 45.000 im Stadion gewesen. "Er behandelt die Fans wie Vieh und nicht wie Menschen", kritisierte die Tageszeitung "Lance". Die Polizei sprach nach ersten Ermittlungen von "Fahrlässigkeit".

Während die Spieler wie die Vasco-Stars Romario ("Wir hätten das Jahr mit einem weiteren Titel beschließen können, doch psychologisch konnte man einfach nicht weiterspielen") und Juninho oder die ehemaligen Bundesligaprofis Junior Baiano und Jorginho in den Umkleideräumen Zuflucht suchten, mussten Dutzende von Verletzten auf dem Spielfeld behandelt werden. Mit Krankenwagen und Hubschraubern wurden die Opfer in Kliniken gebracht.

Abbruch des Spiels nach zweistündiger Unterbrechung

Der endgültige Abbruch des Spiels wurde nach zweistündiger Diskussion vom für Rio de Janeiro zuständigen Gouverneur Anthony Garotinho angeordnet. "Einer muss hier doch klaren Kopf bewahren." Ein Großteil der Zuschauer hatte hingegen auf den Wiederanpfiff gewartet. Auch die Polizei und Schiedsrichter Oscar Godoi waren für eine Fortsetzung gewesen. Vasco-Präsident Miranda beschimpfte daraufhin Garotinho als "inkompetenten Feigling".

Drei Zuschauer befinden sich noch in einem kritischen Zustand
REUTERS

Drei Zuschauer befinden sich noch in einem kritischen Zustand

Ob das Finale wiederholt wird, ist unklar. Der Vereinszusammenschluss "Club der 13" wird am Dienstag zu einer Sondersitzung zusammentreten. Der "Club" hatte das Turnier organisiert, weil der nationale Fußballverband CBF derzeit wegen etlicher Strafverfahren und staatsanwaltlicher wie parlamentarischer Ermittlungen in Sachen Korruption und Steuerhinterziehung handlungsunfähig ist. Für CBF-Präsident Ricardo Teixeira waren die Vorfälle eine "Tragödie". Er versprach den Schwerverletzten, darunter ein fünfjähriges Kind, finanzielle Hilfe.

Das Überraschungsteam von Sao Caetano hatte auf Grund eines erstmals angewandten Austragungsmodus als Zweiter der zweiten Liga den Sprung in die Finalrunde geschafft. Die "Blauen" schalteten nacheinander die Favoriten Fluminense Rio, Palmeiras Sao Paulo und Gremio Porto Alegre aus. Laut Reglement muss das Endspiel bei Abbruch wiederholt werden.

Bei Vasco da Gama fühlt man sich nach dem 1:1 im Hinspiel allerdings bereits als Meister. "Auswärts erzielte Treffer zählen bei Torgleichheit doppelt, deshalb sind wir der Sieger", sagte Präsident Miranda und gab seinen Spielern, die sich erst die Meistertrophäe geschnappt und dann eine Ehrenrunde im Stadion gedreht hatten, 30 Tage Urlaub.



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