BVB-Torwart Weidenfeller Das hat er nicht verdient

Wie trennt man sich stilvoll von einem großen Fußballer? Bei Borussia Dortmund wird es unschön für Roman Weidenfeller: Der Torwart steht nach 13 Jahren BVB vor dem Aus. Nur so richtig sagen möchte das keiner.

Torwart Weidenfeller: Abschied vom BVB naht
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Torwart Weidenfeller: Abschied vom BVB naht


Der ehemalige Fußballprofi Leonardo de Deus Santos, kurz Dédé, spielt am 5. September noch einmal in Dortmund Fußball. Gemeinsam mit alten Weggefährten wie Marcio Amoroso oder Otto Addo läuft der Brasilianer ein letztes Mal vor jenem Publikum auf, das 13 Jahre lang seinen Namen sang. Es ist davon auszugehen, dass die Stimmung ausgelassen wird. Schon Dédés Abschieds-Pressekonferenz war tränenreich, sie hat längst ihren Platz in der an emotionalen Momenten reichen Vereinsgeschichte der Borussia. Statt fand sie 2011, Dédé hatte seine Karriere anschließend noch drei Jahre beim türkischen Erstligisten Eskisehirspor ausklingen lassen. Nun gewährt ihm der BVB mit Verspätung einen Abschiedskick. Eine letzte, beidseitige Verbeugung.

Wie das bei Roman Weidenfeller einmal sein wird, weiß derzeit keiner. Klar scheint nur, dass ein Verbleib des langjährigen Stammtorwarts in Dortmund trotz eines Vertrages bis 2016 nahezu ausgeschlossen ist. Es wäre das Ende einer Ära, und dieses Ende droht, ungebührlich zu werden.

Nach der Verpflichtung des Schweizers Roman Bürki vom Bundesligaabsteiger SC Freiburg verfügt der BVB inklusive der bisherigen Nummer zwei, Mitchell Langerak, derzeit über drei Torhüter mit Ansprüchen auf den Platz zwischen den Pfosten. Und bei der Moderation dieses Überangebots macht die Borussia keine gute Figur.

Kehl schaffte den Rückzug beinahe routiniert

Der neue Trainer Thomas Tuchel ließ jüngst bei Sky wissen, dass man abwarten werde, wie Weidenfeller "diese veränderte Situation" annehme: "Da werden wir ehrlich miteinander sprechen und eine Lösung finden." Das klingt stark nach einem Wechsel im Tor. 13 Jahre steht Weidenfeller beim BVB unter Vertrag, genau wie Dédé einst.

Der Nationalspieler ist der dienstälteste Profi im aktuellen Kader der Borussia. Aber anders als Sebastian Kehl, 35, der seinen Abschied bereits vor rund einem Jahr angekündigt und vielleicht auch deshalb einen beinahe routiniert wirkenden Rückzug aus dem Profigeschäft vollzogen hatte, denkt Weidenfeller, 34, noch nicht an ein Karriereende. Vor einem Jahr hat er betont, bei entsprechender Fitness auch noch bis ins ganz hohe Fußballeralter auf hohem Niveau spielen zu wollen.

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Torwart Weidenfeller: Durch die Jahre mit dem Mittelscheitel-Mann
Dass dies wohl nicht in Dortmund möglich sein würde, zeichnete sich bereits in der vergangenen Saison ab, ausgerechnet nachdem sich Weidenfeller mit der WM-Teilnahme in Brasilien einen Traum erfüllt hatte. Wie viele andere BVB-Profis auch blieb der Torwart regelmäßig unter seinem Niveau, patzte auch spielentscheidend. Trainer Jürgen Klopp ersetzte Weidenfeller im Dezember 2014 durch Langerak, auch das DFB-Pokalfinale in Berlin gegen den VfL Wolfsburg verfolgte Vizekapitän Weidenfeller auf der Ersatzbank. "We have a grandios Saison gespielt", jener berühmte Satz Weidenfellers nach der Meisterschaft 2011, er klang ewig alt.

Auch Klos ging nicht ganz freiwillig

Inzwischen ist das übliche verbale Hin und Her eröffnet, das viel Raum für Wechselgerüchte lässt, weil nichts Handfestes dabei ist. Man stehe in ständigem Kontakt, heißt es vom Verein. Er habe einen Vertrag bis 2016, sagt Weidenfeller. Sein neuer Trainer Tuchel sagt: "Roman Bürki wurde mit der Möglichkeit verpflichtet, die Nummer 1 zu werden. Langerak hat zuletzt im Kasten gestanden und gute Leistungen gezeigt. Der wird das nicht einfach so hergeben." Will sagen: Das Bundesliga-Heimspiel gegen Werder Bremen am 34. Spieltag, das 339. im Dortmund-Trikot, dürfte Weidenfellers letztes für den BVB gewesen sein. Die wahrscheinlichste Zukunftsvariante ist derzeit ein Wechsel ins Ausland.

Der Wunsch nach einem Karriereende in Schwarz-Gelb, er erfüllt sich wohl nicht. In Dortmund kennt man das von Stefan Klos. Der zweifache Meister (1995, 1996) und Champions-League-Sieger von 1997 wechselte 1998 ebenfalls nicht so ganz freiwillig nach Schottland zu den Glasgow Rangers. Jetzt geht ein weiterer prägender BVB-Keeper. Einer, der lange brauchte, um seinen Status als Nummer eins zu festigen.

Im Zweikampf mit dem Franzosen Guillaume Warmuz sah Weidenfeller 2004 schon wie die Nummer zwei aus. Weidenfeller war der "Weidenfehler" des Boulevards. Seine Wandlung ist bemerkenswert. Gerne vergessen wird angesichts der eher mauen Leistungen der Post-WM-Saison: Weidenfeller, der in der Spieleröffnung begrenzte Fähigkeiten hat, hatte vor allem in den Meisterjahren erheblichen Anteil am Erfolg, nicht zuletzt deshalb, weil sich Ausstrahlung und Körpersprache vom permanenten Wüterich zum emotional feiner austarierten Torwart-Routinier gewandelt hatten.

Verehrt und geliebt wie Dédé wurde Weidenfeller von den Fans trotzdem nicht. Aber vielleicht gibt es ja noch ein Wiedersehen, ein verspätetes. Einen tränenreichen Abschied wie beim Brasilianer oder dem einstigen BVB-"Fußballgott" Jürgen Kohler. Vorstellen kann man sich das derzeit allerdings nicht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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laranagustavo 18.06.2015
1. Und was hat er jetzt nicht verdient?
Also wenn die Leistung nicht passt, muss der Verein schon dafür sorgen dass der Beste spielt. Da wird auch Weidenfeller nichts motzen können. Und ein Abschiedsspiel kann man ihm auch sonst noch organisieren. So what?
karlbe 18.06.2015
2. Der Weg von Weidenfeller ist vorgezeichnet...
und führt zum VfB Stuttgart, nach Ulreich zum BCB geht. Beim VfB hat man schon gute Erfahrungen mit etwas älteren Torhütern (Jens Lehmann) gemacht, zudem wird Weidenfeller keine hohe Ablöse kosten, was dem immer etwas klammen VfB entgenkommt. Und die erfahrung von Weidenfeller kann der VfB-Abwehr, die sich in den letzten jahren als recht wackelig präsentiert hat, sehr zu Gute kommen. Sollte mich wundern, wenn da nicht was zusammenkommt, was gut zusammenpasst.
CancunMM 18.06.2015
3.
Verstehe gar nicht warum man den los werden will. Mit der Reife ist er nochmal eine Ecke stärker geworden. Und besser als Langerak ist er allemal.
vaikl 18.06.2015
4. Gucken Sie nur Sky, Herr Paul?
Oder informieren Sie sich auch mal vor Ort? Weide wären seine Fehler in der Krisenphase des BvB nicht mehr als den anderen "Krücken" anzulasten, wenn er nicht - eben doch seinem permanenten Ruf als "Wüterich" angepasst - immer wieder seine Vorderleute für seine eigenen Böcke anmachen würde. So ein flegelhaftes Verhalten macht in Dortmund leider auch nicht am Stadionzaun Halt, das setzt sich privat fort. Und das prägt ein Team sowie auch die Verantwortlichen. Den fachlichen Wechsel zu Jüngeren haben Sie aber selbst eingehend begründet: "...der in der Spieleröffnung begrenzte Fähigkeiten hat". Was heute quasi ein NoGo ist.
dr.joe.66 18.06.2015
5. Chapeau
Als Schalke-Fan kann ich nicht wirklich ein Fan von einem sein, der es 13 Jahre bei den Wespen aushält. Aber als Torwart hat Weidenfeller viele Jahre lang großen Anteil am Erfolg des BVB gehabt. Zu Recht (und etwas zu spät) in die Nationalelf berufen, hat er auch dort als Nummer 2 eine wichtige Rolle professionell ausgefüllt. Er ist Weltmeister. Das haben keine hundert deutsche Spieler erreicht (darunter 7 vom BVB), und man gerade 12 Torhüter (2 vom BVB). Das haben Kahn oder Lehmann nicht erreicht. Und auch - ganz nebenbei bemerkt - Messi und Ronaldo nicht... Dafür Chapeau ! Und wenn er fit bleibt, kann er noch mehrere Jahre auf hohem Niveau spielen. Verdient hat er es! Nicht verdient hat er, einfach ausgebootet zu werden. Aber Profi-Fußball ist ein beinhartes Geschäft. Gerade auch in Dortmund, egal wieviel sie dort von "Liebe" faseln. Und auch bei Tuchel, so nett er sonst auch sein mag. Vielleicht sollte Weidenfeller nach Italien gehen, dort mögen sie "alte" Torhüter...
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