Ronaldo-Buch Blondinen und Blödsinn

Ronaldo stammt aus ärmsten Verhältnissen, die Not war groß, der Hunger auch. Stimmt leider nicht, steht aber in der ersten deutschsprachigen Biografie über den brasilianischen Ausnahme-Fußballer. Das Buch enthält noch mehr Unwahrheiten, die den Weltmeister in einem falschen Licht erscheinen lassen.

Von , Rio de Janeiro


Weltmeister Ronaldo: Phänomenaler Spieler
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Weltmeister Ronaldo: Phänomenaler Spieler

Fast täglich schaltet das spanischsprachige CNN einen Werbespot der brasilianischen Regierung in das laufende Programm. Er zeigt im Zeitraffer Aufstieg, Fall und Comeback des Ronaldo Luis Nazário de Lima, weltweit als Ronaldo bekannt. Die Bilder aus dem Spot haben sich in die Fußballgeschichte eingebrannt: Der schüchterne Junge mit den auseinanderklaffenden Schneidezähnen bei seinem ersten internationalen Spiel mit der Jugendmannschaft in Kolumbien. Der muskelbepackte, selbstbewusste Superstar beim FC Barcelona. Der Zusammenbruch bei der WM 1998 in Frankreich, als die gnadenlosen Fans in seiner Heimat ihm den Verlust der WM ankreideten. Das schmerzverzerrte Gesicht, als er während eines Spiels für Inter Mailand in ein Loch stolperte und seine überlasteten Kniebänder rissen.

Dann die schmerzhaften physiotherapeutischen Übungen, denen er sich täglich für mehrere Stunden unterwarf, um auf den Fußballplatz zurückzukehren. Schließlich das erlösende Lachen beim WM-Endspiel gegen Deutschland, als er, vier Jahre nach der Schmach in Paris, die Seleção mit zwei Toren zum Pentacampeão, zum fünffachen Weltmeister, macht. Ronaldo - "Il Fenômeno".

"Ronaldo ist Brasilianer", schließt das Video, mit dem die Regierung des größten und bevölkerungsreichsten südamerikanischen Landes das Image ihrer Landsleute aufpolieren will. "Und ein Brasilianer gibt niemals auf." Tatsächlich hat Ronaldo in zehn Jahren Karriere mehr durchgemacht als manche Sportler in ihrem ganzen Leben. Seine Lebensgeschichte gleicht einer Achterbahnfahrt, sie enthält Stoff für einen Kinofilm. Für ein spannendes Buch reicht sie allemal.

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Ronaldo-Karriere: Frauenheld und Titelsammler

Jetzt ist das erste Werk auf Deutsch über Ronaldo erschienen (Wensley Clarkson, "Ronaldo!", Bombus-Verlag München, 2005, 19,90 Euro) - und entpuppt sich als große Enttäuschung. Der britische Autor Wensley Clarkson, der im Klappentext als "einer der renommiertesten Investigativjournalisten" gepriesen wird, blickt dem Leser reichlich verkatert vom Einband entgegen. Hat er bei seiner "Recherche" in Sachen Ronaldo vor allem die Zusammensetzung der Caipirinha recherchiert? War er frustriert, weil der 28-Jährige ihm kein Interview gewährte? Hatte Clarkson kein Geld für Dolmetscher und Übersetzer?

Anders lässt sich die Anhäufung von Falschinformationen sowie Übersetzungs- und Rechtschreibfehlern kaum erklären, die der Autor (und sein deutscher Verlag) dem Leser zumuten. Dabei gibt es zahlreiche zuverlässige Quellen über Ronaldo: Eine faktenrichtige (und zudem gut geschriebene Biographie) ist schon vor drei Jahren in Brasilien erschienen (Jorge Caldeira, "Ronaldo: Glória e Drama no Futebol Globalizado").

Die Wirklichkeit über das "Phänomen" passt nicht zu den Klischees, die sein britischer "Biograph" im Kopf hat. Denn Ronaldos Karriere ist nicht die rührselige Story des Favela-Kids und Straßenkinds, das sich nur knapp vor mordenden Polizistenbanden rettet und an die Weltspitze dribbelt, wie Clarkson dem Leser weismachen will. Unter den brasilianischen Fußballstars ist Ronaldo der "liebe Junge": Der Stürmer des spanischen Rekordmeisters Real Madrid (amtierender Champion ist Ronaldos ehemaliger Club FC Barcelona) stammt nicht wie Pelé oder Zé Roberto aus einem Armenviertel und hat keine Halbwelt-Vergangenheit. Er war ein ganz normaler Vorstadtjunge, der lieber bolzte als büffelte.

Angeschlagener Ronaldo (im Trikot von Inter Mailand): Wohlbehütete Kindheit
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Angeschlagener Ronaldo (im Trikot von Inter Mailand): Wohlbehütete Kindheit

Ronaldo stammt aus einem Vorort von Rio namens Bento Ribeiro, einem Viertel der unteren Mittelschicht, das vorwiegend von Militärs bewohnt wird - keine Favela, wie Clarkson behauptet. In ihrer Straße zählte die Familie Nazaré zu den Begüterteren, Ronaldo musste nie Not leiden. Seine Eltern arbeiteten bei der staatlichen Telefongesellschaft und verdienten zusammen das Vierfache des brasilianischen Mindestlohns. Sie brachten kein Vermögen nach Hause, aber genug, um bei sparsamer Haushaltsführung allen drei Kindern den Besuch von Privatschulen ermöglichen zu können.

Ronaldo, der beim Konföderationen-Cup in Deutschland (15. bis 29. Juni) fehlen wird, hatte eine wohlbehütete Kindheit und Jugend. Ein "Voodoo-Kind", dem "ein ortsansässiger Medizinmann" (Clarkson) schon vor der Geburt eine Zukunft als Millionär vorausgesagt habe, war er nicht - in Brasilien gibt es kein Voodoo, die afrobrasilianischen Religionen heißen Umbanda, Macumba und Candomblé. Der ominöse Wunderheiler ist offenbar der blühenden Phantasie des Autors entsprungen, so wie die gesamte, kitschig ausgeschmückte Schilderung von Ronaldos Geburt.

Doch das Buch wird leider auch nicht besser, wenn man die Kindheitskapitel überschlägt: Kaum ein Name ist korrekt geschrieben, Rio-Kennern verschlägt es angesichts der geographischen Verirrungen des Autors (oder seines Lektors) die Sprache. Der Strand von Barra da Tijuca und die Favela Jacarezinho rückt Clarkson zusammen - dabei liegen 50 Kilometer zwischen diesen. Das Stadtviertel Leblon wird zum "Vorort", "Chopp" - der brasilianische Ausdruck für Fassbier - zu einer Biermarke.

Zeitungsschnipsel statt Recherche

Für seinen ersten Fußball habe sich der Vierjährige "begeistert wie eine Biene für Blüten", schwadroniert der Autor. Stilblüten dieser Art ziehen sich durchs gesamte Werk. Die Quellen seiner "Informationen" gibt Clarkson nicht preis, doch es ist offensichtlich, dass sich seine "Recherchen" im wesentlichen auf das Archiv der Zeitung "O Dia" beschränkt haben, einem in Rio verlegten Boulevardblatt (dessen Name ebenfalls konsequent falsch geschrieben wird). Clarkson reiht einen Zeitungsschnipsel an den anderen, am liebsten verbreitet er sich über Ronaldos Frauengeschichten. Jede Blondine, die behauptet, ein Verhältnis mit dem Starkicker gehabt zu haben, wird in dem Buch gewürdigt.

Buchcover "Ronaldo!"

Buchcover "Ronaldo!"

Nichts Neues erfährt man dagegen über die Gründe für seinen Zusammenbruch vor dem Endspiel der WM 1998 in Paris, das Brasilien mit 0:3 gegen Gastgeber Frankreich verlor. Das erstaunliche Comeback des Weltklassespielers nach seiner schweren Knieverletzung im Oktober 1999, als er für Inter Mailand spielte, handelt Clarkson auf ganzen acht Seiten ab. Kein Wort verliert der vorgebliche "Investigativjournalist" darüber, wie der Nike-Konzern, dessen wichtigster Werbeträger Ronaldo ist, versucht hat, das ausgeklügelte Erholungsprogramm seiner brasilianischen und französischen Ärzte zu manipulieren.

So bleibt den Lesern nur die Hoffnung, dass sich andere, seriösere Autoren der Lebensgeschichte des "Phänomens" annehmen. Vielleicht findet sich ja ein Verlag, der die Biografie von Jorge Caldeira übersetzt - die ist nicht nur besser geschrieben, sie verbreitet auch nicht so viele Klischees und Halbwahrheiten wie der vorgebliche "Fußballspezialist" aus England.



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