Ronaldos Karriere-Aus Das Phänomen gibt auf

Ronaldo kann nicht mehr: Nach zahlreichen Verletzungen muss "Il Fenomeno" seine Karriere beenden, der geschundene Körper verweigerte am Ende den Dienst. Rückblick auf eine eindrucksvolle Fußballerlaufbahn.

Aus São Paulo berichtet

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Eigentlich wollte er erst Ende des Jahres seinen Abschied verkünden. Der Libertadores-Cup, die südamerikanische Clubmeisterschaft, sollte die glanzvolle Kulisse für Ronaldos Rückzug aus dem Profifußball sein, er wollte seinen Corinthians ein letztes Mal zu einem Triumph verhelfen und dann glorreich von der Bühne abtreten. Doch sein geschundener Körper hat ihm diesen Triumph nicht vergönnt.

Vor zwei Wochen unterlag Corinthians dem kolumbianischen Nobody Tolima und flog damit schmachvoll aus dem Libertadores-Cup. Wütende Fans demolierten den Mannschaftsbus und das Trainingszentrum, sie beschimpften Ronaldo und bedrohten seine Familie, sie machen ihn für die Niederlage verantwortlich.

Doch der einstige Stürmerstar konnte einfach nicht mehr.

Nach dem Spiel gegen die Kolumbianer habe er die Schmerzen nicht mehr ausgehalten, bekannte er am Montagnachmittag: "Ich habe geweint wie ein Baby."

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Es war sein letzter Auftritt als Profispieler vor einer Journalistenschar. Im Trainingszentrum von Corinthians in São Paulo verkündete Ronaldo unter Tränen seinen Abschied. Wie so oft in seiner Karriere ging es dabei vor allem um seine Krankengeschichte.

Lästern über den Moppelspieler

Beim Treppensteigen schmerzen seine Knie; wenn er seine Kinder auf den Schoß nimmt, tun ihm die Beine weh. Viermal ist er an beiden Knien operiert worden, seit er vor 18 Jahren seine Karriere begann. Dutzende Muskelfaserrisse und Beinverletzungen steckte er weg. Irgendwann ging es nicht mehr.

Seine Fans empfanden zuletzt nur noch Mitleid, wenn sie mit ansahen, wie sich ihr übergewichtiges Idol über den Rasen quälte. Kritiker lästerten über den pummeligen Profifußballer, sie warfen ihm Disziplinlosigkeit und Fresssucht vor. In Wirklichkeit war die Schilddrüse schuld, wie Ronaldo jetzt enthüllte: Seit vier Jahren leide er unter einer Unterfunktion, eines der Symptome sei das Übergewicht. Er hätte Hormone nehmen müssen, doch die fallen unter das Dopingverbot, so der Sportler.

Ronaldo ist 34, er spielte in vier Weltmeisterschaften und schoss über 400 Tore, davon 15 bei WM-Turnieren, dreimal wurde er von der Fifa zum besten Spieler des Jahres gekürt. Der Profifußball hat dem einstigen Vorstadt-Kid zu einer glanzvollen internationalen Karriere und einem dicken Bankkonto verholfen. Doch er hat auch seine Gesundheit ruiniert.

Ronaldo stammt aus Bento Ribeiro, einem ärmlichen Vorort in der Nordzone von Rio de Janeiro. Mit 15 kickt er in dem kleinen Verein São Cristóvão. Er träumt von einer Karriere beim Starclub Flamengo, doch für die Bustickets zum Vereinssitz in der feinen Südzone von Rio fehlt ihm das Geld. Zwei bis dahin unbedeutende Fußballunternehmer, die sein Talent erkennen, nehmen ihn dann doch unter Vertrag und verkaufen ihn 1992 für 7,5 Millionen Real (rund zwei Millionen Euro) an die Erstligamannschaft Cruzeiro.

Aufstieg eines Wunderkinds

1994, im Alter von 17 Jahren, wird Ronaldo erstmals für eine WM aufgestellt. Er spielt zwar nicht, aber die Berufung in die Seleção bestärkt seinen Ruf als Top-Talent, als Wunderkind.

Brasiliens Fußballnachwuchs bleibt nicht lange im Land, so ist es auch mit Ronaldo: 1994 geht er zum PSV Eindhoven. Für den niederländischen Traditionsclub erzielt er in 46 Ligaspielen 42 Tore. Zwei Jahre später spielt er beim FC Barcelona, nach einem Jahr Spanien wird er zum besten Spieler der Welt gekürt. Bei einer Partie gegen den FC Santiago de Compostela schreibt er Fußballgeschichte: Der Brasilianer legt einen furchterregenden Spurt hin, läuft über den halben Platz und dribbelt vier gegnerische Spieler aus, bevor er den Ball in das Tor wuchtet.

Der Ruf in die italienische Liga, damals die finanzkräftigste Europas, war die logische Folge: 1997 wechselte Ronaldo zu Inter Mailand. 60.000 Zuschauer kommen ins Stadion, um den Superstar zu begrüßen. Nach dem Sieg im UEFA-Cup 1997/1998 hat er seinen Titel weg: "Il Fenomeno" feiern ihn Italiens Zeitungen. In Brasilien heißt er fortan nur noch "Ronaldo Fenomeno", das "Phänomen Ronaldo".

Der Erfolg hat seinen Preis. Mitte der neunziger Jahre, mit kaum 20 Jahren, zog er sich auch die ersten schwerwiegenden Verletzungen zu. 1996 musste er zum ersten Mal am Knie operiert werden. Vor dem Endspiel der WM in Frankreich 1998 erlitt er einen Schwächeanfall und Konvulsionen. Trainer Zagallo stellte ihn trotzdem auf, der Superstar lief wie ein Gespenst seiner selbst über den Platz. Es war der Tiefpunkt einer Karriere, die bis dahin nur Triumphe kannte. Die Hintergründe des Zusammenbruchs sind bis heute nicht geklärt.

Glänzendes WM-Comeback

Vier Jahre später, als viele ihn schon abgeschrieben hatten, erlebt Ronaldo bei der WM in Japan und Korea ein rauschendes Comeback. Brasilien wird Weltmeister, Ronaldo ist mit acht Toren der erfolgreichste Stürmer der WM. Real Madrid verpflichtet ihn für das legendäre Team der "Galacticos", wo er neben Zidane, Beckham und Roberto Carlos spielt.

Das schlechte Abschneiden der Seleção bei der WM 2006 besiegelt auch Ronaldos WM-Karriere. 2008 unterzieht er sich erneut einer Knieoperation, zur Physiotherapie kehrt er nach Brasilien zurück, wo ihn Corinthians unter Vertrag nimmt. Beim ersten Spiel gegen Palmeiras 2009 bejubeln ihn die Fans als Retter des Clubs, dank Ronaldo gewinnt Corinthians den Brasilien-Pokal. Umso größer ist der Schock nach der Niederlage gegen Tolima vor zwei Wochen.

Ronaldo sieht den Corinthians-Fans ihren Frust nach. Unter Tränen erinnerte er daran, wie herzlich er in São Paulo aufgenommen wurde. Als eine Art "Sonderbotschafter" will er zukünftig für den Verein werben.

Viele Brasilianer hätten ihm einen weniger melancholischen Abschied gewünscht: Ronaldo hätte 2009 seine Karriere beenden sollen, nachdem er für Corinthians den Brasilien-Cup geholt hatte, sagt der Fußball-Experte Juca Kfouri. Aber das wäre wohl zu viel verlangt: "Nur wer in der Haut eines Sportidols steckt, kann den Trennungsschmerz von den Fans ermessen", schreibt Kfouri in der Zeitung "Folha de São Paulo". Die meisten Kickerstars würden den richtigen Moment zum Ausstieg verpassen: "Es sind ja nicht die Spieler, die Abschied vom Fußball nehmen, sondern es ist der Fußball, der irgendwann die Spieler entlässt."



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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
frubi 15.02.2011
1. .
Zitat von sysopRonaldo*kann nicht mehr: Nach zahlreichen Verletzungen muss*"Il Fenomeno" seine Karriere beenden, der geschundene Körper verweigert den Dienst. Rückblick auf eine eindrucksvolle Fußballerlaufbahn. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,745496,00.html
Einer der besten die jemals gegen den Ball getreten haben. Eine ausergewöhnliche Karriere. Leider musste er diese mit seinen Finaltoren gegen Deutschland 2002 krönen.
Systemrelevanter 15.02.2011
2. Es gibt keinen wie ihn..
..der grazil wie eine junge Dame beim Schlussverkauf über den Platz wetzen konnte. Die Arme angewinkelt, dass die Handtasche nur noch einghängt hätte werden müssen. Wie oft haben wir ihn in großer Emotion auf dem Platz zusammenbrechen und heulen sehen, als hätte ihm die Mama Fernsehverbot erteilt. Und nun versagt der böse Körper auch noch den Dienst auf dem Platz, ein iberisches Drama!
faustjucken_tk 15.02.2011
3. ...
Zitat von frubiEiner der besten die jemals gegen den Ball getreten haben. Eine ausergewöhnliche Karriere. Leider musste er diese mit seinen Finaltoren gegen Deutschland 2002 krönen.
Ja, leider.... Kahn und Ronaldo werden wohl niemals Freunde.
Rahmen 15.02.2011
4. etwas früher und länger bei PSV
"... 1995 geht er zum PSV Eindhoven, wo er in einer Saison in 71 Spielen 66 Tore schießt. Ein Jahr später spielt er bereits beim FC Barcelona ..." Er kam schon in 1994 nach PSV Eindhoven und blieb da zwei Jahren. Daten die man als Der Spiegel doch richtig haben darf, dachte ich so.
Shlumpf! 15.02.2011
5. Nach...
...Zidane wohl der größte Fußballer der letzten 15 Jahre. Wünsche ihm alles Gute für die Zukunft.
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