Bayers Sportdirektor Völler "Wir waren einfach zu blöd"

Am Samstag empfängt Leverkusen den FC Bayern zum Top-Spiel der Bundesliga. Im Interview spricht Bayers Sportdirektor Rudi Völler über die Übermacht der Münchner - und ein altes Stigma.

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Ein Interview von und


SPIEGEL ONLINE: Herr Völler, zwei Thesen vor dem Spitzenspiel Bayer gegen Bayern. Die erste: Nie war es leichter für Ihren Klub, den FC Bayern zu schlagen.

Rudi Völler: Das ist Quatsch, warum sollte es diesmal nicht schwer werden?

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Verletzungen von Javi Martínez und Jérôme Boateng ist die Abwehr geschwächt, und weil es im Sommer einen Trainerwechsel geben wird, wirkt der Klub allgemein etwas verunsichert.

Völler: Bei allen Schlagzeilen rund um die Guardiola-Entscheidung - der Trainerwechsel ist in meinen Augen das geringste Problem. Das haben die Bayern schon vor drei Jahren bewiesen, als der Wechsel von Jupp Heynckes zu Guardiola bekannt gegeben wurde. Sie haben trotzdem das Triple gewonnen! Der Verlust von Boateng wiegt schwerer. Der gehört zu den besten Innenverteidigern weltweit, vielleicht sogar zu den zwei, drei besten Spielern überhaupt. Das tut weh, garantiert uns aber keinen Sieg.

Zur Person
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    Rudi Völler, 55, ist seit Januar 2005 Sportdirektor von Bayer Leverkusen. Als Aktiver gewann er unter anderem die Weltmeisterschaft 1990 und die Champions League 1993. Von 2000 an war Völler vier Jahre lang Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, die er 2002 zur Vizeweltmeisterschaft führte.
SPIEGEL ONLINE: Zweite These: Ein Erfolg gegen die Bayern kann dem ganzen Klub einen Schub für den weiteren Saisonverlauf geben.

Völler: Das hat Stefan Kießling gesagt. Aber auch wenn ich mich jetzt wie Otto Rehhagel anhöre: Gegen die Bayern gibt es auch nur drei Punkte, so wie am vergangenen Samstag gegen Hannover.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie nicht offensiver? Sie könnten sagen: Wir haben ein großes Spiel vor uns, in dem wir neben drei Punkten Anerkennung, weltweite Aufmerksamkeit und viel Selbstvertrauen gewinnen wollen.

Völler: Wenn bei uns etwas beständig war, dann war es die Unbeständigkeit. Wir haben unseren Fußball bei allem spielerischen Vermögen nicht immer gut umgesetzt, das macht vorsichtig.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Vorsicht. Uns ist aufgefallen, dass Bayer Leverkusen seine Gegner nicht mehr so stresst wie früher. Das zeigen auch die Spieldaten: Sie zwingen Gegner im Vergleich zum Vorjahr seltener zu Fehlern, bestreiten weniger Zweikämpfe, passen häufiger quer statt nach vorn.

Völler: Ich bin mit solchen Statistiken immer vorsichtig, aber von der Tribüne sieht es so aus, als könnte das stimmen. Unser Spiel besteht darin, dass wir den Gegner zu Fehlern zwingen, das ist in der vergangenen Saison besser gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wirkt das Team gezähmt. Hat Bayer seinen Biss verloren?

Völler: Die Frage gefällt mir. Letztes Jahr hieß es noch, wir seien zu wild. Jetzt wird uns vorgeworfen, wir seien gezähmt. Neu ist in dieser Saison, dass die Gegner sich besser auf unsere Spielweise eingestellt haben, immer mehr Teams stellen sich gegen uns hinten rein.

SPIEGEL ONLINE: Bayern und Dortmund haben es geschafft, auf diese Entwicklung zu reagieren. Die beiden dominieren die Liga mit Ballbesitzfußball.

Völler: Sie dominieren die Liga, weil sie die Spieler dafür haben. Die haben sie für teures Geld gekauft und es dabei ganz nebenbei mit ihren absoluten Top-Trainern erheblich besser gemacht als so mancher Klub in England, wo man mit viel Geld auch viele Fehler macht. Mit zwei solch herausragenden Mannschaften wie in München und Dortmund kann ich dann auch schon mal Ballbesitzfußball spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen die Qualität der Einzelspieler in den Vordergrund. Ist es nicht eher das Ergebnis guter Trainerarbeit, dass die Bayern noch variabler geworden sind und die Dortmunder gelernt haben, mit Geduld und einem klaren Plan tief stehende Gegner zu schlagen?

Völler: Natürlich brauchst du gute Trainer wie Guardiola, Thomas Tuchel, Roger Schmidt oder Jupp Heynckes. Aber schon unter Jupp Heynckes, den wir in Leverkusen ja sehr gut kennen, haben die Bayern alles an die Wand gespielt. Auch in Europa! Dabei hatte er nicht Guardiolas Glück, dass hinter Arjen Robben und Franck Ribéry so überragende Ersatzleute wie heute bereitstanden. Wenn die ausfielen, wurde es eng. Heute spielen dann eben Douglas Costa oder Kingsley Coman. Zumindest im Bundesliga-Alltag spielt die Taktik des Bayern-Trainers derzeit eine kleinere Rolle. Dafür ist die individuelle Überlegenheit dieser Weltklassemannschaft zu groß. Erst in den engen Spielen gegen die europäischen Top-Teams wie Turin, Paris, Barcelona oder Madrid steht ein Taktik-Fuchs wie Guardiola richtig unter Druck. In solchen Spielen hat er schon oft gezeigt, wie gut er ist.

SPIEGEL ONLINE: Er gilt als jemand, der auch unbedeutende Spiele vorbereitet, selbst über Testspielgegner soll es bei den Bayern Scouting-Dossiers gegeben haben. Könnte diese Ernsthaftigkeit, die seine ganze Arbeit kennzeichnet, vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs sein?

Völler: Mag sein. Trotzdem stehen ihm beim FC Bayern schlicht die besten Spieler zur Verfügung. Mit denen kann er gegen deutsche Teams kaum verlieren. Spannend wird es kommende Saison, wenn Guardiola Manchester City trainiert. Da wird sein Kader im Vergleich mit den anderen englischen Top-Vereinen nicht klar besser sein. Dann wird Guardiola häufiger gefordert sein und seine großen Qualitäten zeigen können. In England wird er mehr unter Druck stehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr vielleicht bester Spieler der vergangenen Monate ist Chicharito. Wie haben sie diesen Spieler nach Leverkusen locken können?

Völler: Wir haben ihm gesagt: Bayer Leverkusen hat ein Spielkonzept, in dem er am Ende der Nahrungskette die Dinger reinmachen kann. Er ist kein Messi, der sich den Ball im Mittelfeld nimmt, acht Mann ausspielt, und drin ist er. Er lebt von Zuspielen, wie Ulf Kirsten früher. Er passt mit seinen Fähigkeiten perfekt zu unserer Spielweise.

SPIEGEL ONLINE: Liegt sein Erfolgsgeheimnis nicht auch in seinen Bewegungen ohne Ball, in seinen Laufwegen?

Völler: Wissen Sie, was der hat? Es gibt bei aller Sportwissenschaft, Analyse und Vorbereitung etwas, das man nicht lernen kann: das Gefühl, das Näschen, wie man sich vorne bewegen muss. Das wird im Fußball immer wichtig bleiben, das ist eine ganz große Gabe. Seit Jahren ist der immer da, wo der Ball hinkommt, das ist kein Zufall. Alex Meier ist auch so einer.

SPIEGEL ONLINE: Ist Chicharito mittelfristig zu gut für Bayer Leverkusen?

Völler: Das werden wir dann sehen. Er hat es bei Manchester United und bei Real Madrid nicht richtig geschafft, sonst hätten wir ihn niemals bekommen. Natürlich verkaufen wir auch mal Spieler für viel Geld, aber damit holen wir dann eben andere. Ich finde das Geschrei über die England-Millionen übrigens übertrieben. Für uns war dieser Sommer ein Traum: Heung-Min Son ging nach Tottenham, und durch die Einnahmen konnten wir Kevin Kampl und Chicharito verpflichten. Wir haben vom englischen Geld profitiert.

SPIEGEL ONLINE: Wieso entdeckt Bayer Leverkusen immer wieder so viele Spieler mit großem Potenzial?

Völler: Dafür ist Chicharito das falsche Beispiel, den haben wir nicht gescoutet wie beispielsweise unseren jungen Brasilianer Wendell. Chicharito kannte ja jeder. Wir wussten, er ist unzufrieden, musste zu Manchester zurück, er war auf dem Markt. Grundsätzlich gilt: Man muss schauen, ein bisschen was riskieren, aber es wird schwieriger, weil der gesamte Transfermarkt gläsern geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl die Mannschaft ihr Gesicht in den vergangenen Jahren stark verändert und Roger Schmidt einen neuen Stil etabliert hat, wurde in der Hinrunde ein alter Vorwurf erhoben: Nach dem Champions-League-Aus gegen den FC Barcelona hieß es, dem Team fehle der Hunger. Warum werden Sie dieses Stigma einfach nicht los?

Völler: Uns hat nicht der Hunger gefehlt! Wir waren einfach zu blöd, die zu schlagen! Wir haben auf ein Tor gespielt gegen eine etwas bessere B-Mannschaft, das war ein großer Vorteil, den wir nicht genutzt haben. Hätten wir nur hinten rum gespielt, um kein Tor zu kassieren, dann würde ich Ihnen recht geben, dann hätte der Hunger gefehlt. Aber so nicht.



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neowave 05.02.2016
1. Ich finde das Geschrei über die England-Millionen übrigens übertrieben.
Da hat der Rudi völlig recht. Die Probleme, die der Rummenige da sieht, haben mehr mit Rummeniges eher kleinen Horizont als mit Geld zu tun.
lemidi 05.02.2016
2. Englische Millionen
Es nun aber so, dass Bayern eher auch mal die besten Fußballer der Welt haben will, die im Zweifel direkt nach dem Geld suchen. In der Reihe dahinter haben Vereine wie Leverkusen einen ganz anderen Fokus. Da passt ein aussortierter Chicharito wirklich perfekt, sofern er dann nicht ob des Vereinsstandings unmotiviert durch die Gegend läuft - und das ist bei ihm ja nicht der Fall.
PeterPaulPius 05.02.2016
3. Unter Wert
Leverkusen spielt unter Wert, was sicherlich auch am Trainer liegt. Denn gemessen am Kaderwert sind sie Dritter der Liga, deutlich vor Gladbach und Schalke, sogar knapp vor Wolfsburg: FCB 617 Mio BVB 295 Mio Leverkusen 202 Mio Wolfsburg 191 Mio Schalke 183 Mio Gladbach 151 Mio Nur mals so am Rande: der BVB-Kader hat die Hälfte des Bayern-Kaders gekostet. Oder: mit einem Kader, der weit über eine halbe Milliarde kostet, würde auch ich als Trainer Meister. International sieht das anders aus. Da liegt Real fast 100 Mio über den Bayern, und selbst der großartige FC Barcelona hat einen Kaderwert, der nur 70 Mio über dem der Bayern liegt. Die Top-Italiener liegen auf Dortmunder Niveau, Paris mit 408 Mio weit unter den Bayern und in England können selbst Chelsea (523 Mio) und ManCity (510) nicht mit den Bayern mithalten. Arsenal (393 Mio) und Liverpool (367 Mio) müssen als chancenlos gegen die Bayern gesehen werden. Ich bin mal gespannt, wie die Bayern Juve überrollen und aus dem Stadion schiessen werden. Mit einem Kaderwert von nur 379 Mio haben sie gegen die Bayern klar die schlechteren Einzelspieler. Sollte Juve weiterkommen, wäre die Aura des Pep endgültig Geschichte und in ein paar Jahren spricht keiner mehr über ihn in Deutschland. Die Bayern haben den drittteuersten Kader in Europa und dürften demnach allenfalls im Halbfinale gegen Real oder Barcelona ausscheiden. Alles andere ist entweder Trainerkönnen bzw. -schwäche oder aber ganz einfach nur Glück. Dass Geld keine Tore schiesst, sieht man in England. Der Fussball dort ist immer noch grottenschlecht. Liverpool, ManU, und Chelsea (367/523/394 Mio) haben es nicht geschafft, mit der vielen Kohle etwas auf die Beine zu stellen. Interessant, dass Kloppo im Winter auf Transfers verzichtet hat. In der jetzigen Form wäre Liverpool den Dortmundern schon weit unterlege, obschon Liverpool knapp 75 Mio teurer ist. Leicester zeigt übrigens, dass es auch ohne viel Geld geht (95 Mio Kaderwert).
marvelix 05.02.2016
4.
nach all dem Unfug, den mal die letzten Jahre von Völler so hören dürfte, war das ein überraschend gutes Interview. Nur schade, dass sich trotzdem die Hälfte der Fragen um Guardiola drehen.
haudinei 05.02.2016
5. Ach, Völler...
Wer immer so kleine Brötchen backt, brauch sich Mittelmäßigkeit nicht zu wundern. Ich verstehe Leverkusen nicht. Man hat den Anspruch zu Bayern und Dortmund aufzuschließen, beschwert sich aber ständig darüber, dass man über weniger Geld verfügt. Na, dann lohnt sich vielleicht der Blick nach Berlin. Klar, Hertha hat keine Doppelbelastung, aber auch einen ungleich schwächeren Kader. Zumindest auf dem Papier. Wenn ich Spieler von Bayer wäre, würde mich dieses Interview jedenfalls nicht sonderlich motivieren....
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