Aus Rom berichtet Oliver Birkner
Als Karl-Heinz Rummenigge auf dem Bayern-Bankett kurz nach Mitternacht das Mikrofon ergriff, musste man mit deutlichen Worten rechnen. Darauf ließen zumindest die Mienen von Rummenigge, Karl Hopfner und Uli Hoeneß schließen. Das Vorstands-Triumvirat war nach der 2:3-Niederlage gegen den AS Rom mit erzürnten Gesichtern aus dem Olympiastadion gestapft.
Was folgte, ähnelte hingegen dem versöhnlichen Fazit eines zufriedenstellenden Ausflugs. Eine Niederlage habe zwar nie etwas Positives, sagte Rummenigge. "Doch ich glaube, mit dieser Niederlage kann der FC Bayern trotzdem leben, und wir alle tun gut daran, damit gelassen umzugehen." Schließlich sei das Ziel, Gruppenerster zu werden, nach fünf Spieltagen erreicht. Vor der Eröffnung des Buffets stimmten die Anwesenden dann noch "Happy Birthday" für Marketing-Chef Andreas Jung an. Dass die beinahe rührend anmutende Harmonie nicht jeder teilte, verriet die Mimik von Hoeneß, die keineswegs Gelassenheit ausstrahlte.
Wie auch. Die Champions League galt nach vier Siegen in vier Spielen bislang als sonniger Ferienhort abseits des mäßigen Bundesliga-Alltags. In Rom zeigten sich un jedoch auch europäisch die zuletzt national offenbarten Defizite. Bayern gab die Kontrolle über das Spiel und eine 2:0-Führung nach der Pause aus der Hand. "Wenn der FC Bayern eins oder zwei zu null führt, dann muss das reichen - das muss auch der Gegner wissen, egal, wie er heißt", monierte Sportchef Christian Nerlinger. "Leider ist es zu einem Trend bei uns geworden, unkonzentriert aus der Kabine zu kommen. Es passiert wieder und wieder."
Entsprechend sauer war Trainer van Gaal. "Nach dem 2:0 haben wir die Partie wieder weggegeben wie in Gladbach und Leverkusen. Das ist unglaublich, weil wir so dominant gespielt haben. Eine Niederlage ist nicht gut fürs Selbstvertrauen."
Schon vor der Reise nach Rom hatte sich die aktuelle Misere im Münchner Lager in all ihren Facetten gezeigt: Von Franck Ribérys Kritik an van Gaal über den Disput zwischen dem Niederländer und Rummenigge in puncto Schweinsteiger-Transfer und Aufstellung bis hin zu sportlich bisweilen eklatanten Aussetzern auch am Dienstagabend.
"Wir müssen wieder kämpfen, dominant spielen, Selbstvertrauen zeigen"
Letztere machten deutlich, wie sehr eine substantielle Verstärkung der Defensive von Nöten ist. Die hat van Gaal vor der Saison abgelehnt, und Philipp Lahm hält sie selbst jetzt noch nicht für nötig, wenn er sagt, "dass wir mit diesem Kader bestehen können". Zweifelsohne ist die vorzeitige Achtelfinal-Qualifikation ein Erfolg. Zur Beruhigung der offensichtlichen atmosphärischen Störungen und angespannten Nerven diente sie freilich nicht.
Die Suche nach Ursachen verlief vorerst ergebnislos. "Du gehst ja nicht raus und denkst: Wir führen 2:0 - jetzt spielen wir Larifari", sagte Thomas Müller. "Wir nehmen uns stets in der Pause vor, konzentriert weiterzumachen, dann schaffen wir es aber nicht. Das ist schon zu oft passiert." Und hat in der Bundesliga reichlich Punkte gekostet. 14 Zähler liegt der deutsche Rekordmeister nun schon hinter Tabellenführer Borussia Dortmund.
Zehn Punkte aus den nächsten vier Liga-Partien fordert van Gaal. Ein weiterer Misserfolg am Samstag gegen Frankfurt (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte allerdings einen ungemütlichen Knall nach sich ziehen. "Wir müssen gegen die Eintracht wieder kämpfen, dominant spielen, Selbstvertrauen zeigen", sagte der 59-Jährige. "Natürlich wäre es dafür besser gewesen, wenn wir gewonnen hätten."
"Hätte" zählt jedoch im Fußball verdammt wenig.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Bayern München | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH