Russische Nationalmannschaft Mein Nachbar Arschawin

Am wichtigsten Ereignis in der Geschichte des russischen Fußballs wird die am wenigsten talentierte Generation russischer Spieler teilnehmen. Eine Geschichte vom großen Glück und tragischen Leid der Sbornaja.

Arschawin 2008 gegen die Niederlande
REUTERS/ Action Images

Arschawin 2008 gegen die Niederlande

Von Michail Birjukow


Am 17. Oktober 2007 verlor Russland den Verstand. Am Abend jenes Tages veranstalteten die Moskauer Autofahrer ein nicht enden wollendes Hupkonzert, und die Menschen, trunken vor Alkohol und Freude, umarmten ihnen unbekannte Fußgänger. Das Epizentrum des nationalen Glücks befand sich im Stadion Luschniki, wo das russische Team die Engländer unerwartet 2:1 geschlagen hatte.

Bis zu diesem Tag war die Sbornaja, so der Name der russischen Nationalmannschaft, ein beliebtes Ziel für scharfe Witze in den Comedy-Shows des russischen Fernsehens gewesen. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR hatte Russland nur ein einziges Mal gegen eine Top-Mannschaft gewonnen. 1999 besiegte Russland den amtierenden Weltmeister Frankreich.

Autoren-Info
    Michail Birjukow studierte Geologie und machte zu Universitätszeiten Expeditionen in wunderschöne, vergessene Regionen Russlands. Aber irgendetwas lief schief. Nun untersucht er seit sieben Jahren den Fußball - für Eurosport.ru.

Aber die Freude währte nicht lange. Nur drei Monate später unterlag die Sbornaja dem Erzrivalen Ukraine und verpasste damit die EM 2000. Das Spiel gegen die Ukrainer gilt bis heute als die größte Tragödie des russischen Fußballs. Der talentierte Torwart Alexander Filimonow beerdigte seine Karriere zwei Minuten vor dem Ende des Spiels, als er eine einfache Flanke von Andrej Schewtschenko ins eigene Tor lenkte. Alle Heldentaten der Sbornaja wurden von einem einzigen Fehler zunichtegemacht. Von einem kleinen Fehler für einen Russen, aber einem gigantischen für Millionen von Russen.

Dieses Drama im Luschniki sahen damals 80.000 Zuschauer. Ein Rekord für das in den Neunzigerjahren verarmte Russland. Ich erinnere mich gut daran, wie schwer diese Zeiten waren.

Meine Eltern hatten wie Tausende andere wegen des Staatsbankrotts ihre Arbeit verloren. Ich war damals in der Grundschule und hatte Angst davor fernzusehen. Dort wurde nur über den Krieg in Tschetschenien und die Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in verschiedenen Städten Russlands geredet. Ein wichtiges Fußballspiel war die einzige Hoffnung auf eine positive Nachricht. Aber nicht in jener Nacht.

Roman Pawljutschenko bejubelt 2007 seinen Treffer gegen England
AP

Roman Pawljutschenko bejubelt 2007 seinen Treffer gegen England

Das überfüllte Stadion in Moskau wurde zum Symbol der Enttäuschung und eines unerfüllten Traums. Erst acht Jahre später sollte das Luschniki wieder ausverkauft sein - als es eben gegen England ging. Den Tag nach dem Spiel hätte man eigentlich gleich zum Feiertag erklären können, weil viele ihrer Arbeit fernblieben. Auch der Fußballtrainer unserer Schule roch an diesem Tag nicht wie üblich nach dem Deo Old Spice, sondern nach Alkohol.

Die Russen witzeln oft, dass unser Nationalcharakter darin bestehe, dass wir uns keinen Stress machten und stattdessen darauf hofften, dass alles schon irgendwie klappe. "Hoffen auf das Awos" heißt das bei uns. In diesen Witzen steckt sehr viel Wahrheit. Bald nach dem großen Sieg gegen England unterlag Russland sensationell Israel und verlor wichtige Punkte in der Qualifikation. Zur Europameisterschaft 2008 fuhr das Team nur, weil Kroatien wie durch ein Wunder England schlug. Das "Awos" hatte funktioniert.

Der glückliche Einzug in die Endrunde gab der Mannschaft Schwung. Den Rest schaffte sie aber selbst. Im Jahr 2008 zog die Mannschaft zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in ein EM-Halbfinale ein. Die Russen freuten sich über den Sieg gegen die favorisierten Niederländer so, als wäre es das Finale gewesen. Ich war besonders stolz auf Andrej Arschawin. Der Typ, der einst in meinem Nachbarhaus in Sankt Petersburg gewohnt hatte, machte das Spiel seines Lebens und wurde zum Weltstar.

Russlands Mannschaft bei der EM 2008
REUTERS/ Action Images

Russlands Mannschaft bei der EM 2008

Dieses denkwürdige Spiel schaute ich zusammen mit meinem Vater und meinem Großvater. Drei Generationen unserer Familie hatten jeweils eine der wichtigen Perioden in der Geschichte der Sbornaja erlebt: mein Großvater den Aufstieg der sowjetischen Sbornaja in den Sechzigerjahren, mein Vater die letzten Glanzpunkte in den Achtzigern, ich den Niedergang im neuen Jahrtausend.

Mein Großvater erzählte, dass der Sieg der UdSSR bei der Europameisterschaft 1960 kaum wahrgenommen wurde, weil Fernseher damals noch Mangelware waren, und das Radio und die Zeitungen konnten die Emotionen nicht wirklich wiedergeben. Auch mein Vater erinnerte sich an keine verrückten Feiern im Jahr 1988, als die Sbornaja bei den Olympischen Spielen gewann und das bisher letzte Mal in ein Finale der Europameisterschaft einzog. Zum einen, weil die Sowjetbehörden inoffizielle Feiern auf den Straßen nicht guthießen, zum anderen, weil die Fans sich damals mehr für Eishockey interessierten. Erst im neuen Russland wurde der Fußball zum Massenphänomen. Deshalb war es 2008 unmöglich, die Emotionen zurückzuhalten.

Die Bronzemedaillen 2008 wurden jenen Jungs überreicht, die in der Anarchie der Neunzigerjahre aufgewachsen waren, die den Fußball in löchrigen Schuhen auf staubigen Höfen gelernt hatten. Die besten von ihnen wechselten bald zu den Top-Klubs: Schirkow zu Chelsea, Pawljutschenko zu Tottenham, Arschawin zu Arsenal. Der Trainer Guus Hiddink hatte eine fantastische Geschichte geschrieben. Den Niederländer nennen sie in Russland bis heute voller Verehrung den "Märchenonkel".

Fabio Capello bei der russischen Nationalmannschaft
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Fabio Capello bei der russischen Nationalmannschaft

Bald hatten die Helden von 2008 den Höhepunkt ihrer Karrieren überschritten, und es gab niemanden, der sie ersetzen konnte. Es ist in Russland nicht nur schwer, Fußballer zu finden, die Anfang der Neunziger geboren wurden. Es ist überhaupt schwer, Menschen aus dieser Generation zu finden. Nach der Perestroika erlebte das Land eine dramatische demografische Krise. Der russische Fußballbund hätte mehr Geld in die Jugendarbeit stecken können, aber er steckte es lieber in die Taschen von Fabio Capello.

Der Italiener schaffte es zwar, die Mannschaft in die Endrunde der WM 2014 zu bringen. Aber dort gewann die Sbornaja kein einziges Spiel. Laut "Daily Mail" verdiente Capello 7,5 Millionen Euro im Jahr. Der teuerste Trainer in der Geschichte der Sbornaja stürzte den russischen Fußballverband in Schulden und blieb erfolglos.

Zur selben Zeit änderte sich in Russland die politische Lage. Nach der Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen standen die Zeichen auf Sanktionen und Importsubstitution. In dieser Situation einen teuren Ausländer anzustellen, wäre der Gipfel der Heuchelei gewesen. Seit dieser Zeit wurde die Sbornaja nur noch von Russen trainiert, bislang jedoch ohne Erfolg.

Leonid Sluzki: "Wir sind scheiße"
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Leonid Sluzki: "Wir sind scheiße"

Die Blamage bei der EM 2016 nahm man in Russland stoisch auf. Die Russen zeigten sich voll und ganz einverstanden mit der Selbstkritik des Trainers Leonid Sluzki, der mutig erklärt hatte: "Nach dem Turnier waren wir mit den Spielern einer Meinung: Wir sind scheiße."

In diesen schwierigen Zeiten hat ein russischer Trainer mit einer sehr europäischen Mentalität die Mannschaft übernommen: Stanislaw Tschertschessow hat in Deutschland für Dynamo Dresden gespielt, seine Karriere beim FC Tirol Innsbruck beendet und dieses Team danach trainiert. Unter Tschertschessow fiel die Sbornaja 2017 auf Platz 65 in der Fifa-Rangliste. Dabei stand man neun Jahre zuvor noch auf dem achten Platz.

Am wichtigsten Ereignis in der Geschichte des russischen Fußballs wird die am wenigsten talentierte Generation der russischen Spieler teilnehmen. Wieder machen die Fans ihre Witzchen und haben eigentlich keine Erwartungen an ihre Fußballer. Was bleibt? Auf ein Wunder zu hoffen. Eben auf das "Awos", so wie 2007.

  • Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Doppelpass mit Russland".

    Der Reiseführer in die russische Fußballkultur erzählt und erklärt die Austragungsorte der WM, wirft einen Blick auf den Frauenfußball, auf die Fanszenen oder auf den Hinterhoffußball in Russland.

    Er wurde herausgegeben von der DFB-Kulturstiftung. Konzipiert und redaktionell umgesetzt wurde das Buch vom Journalistennetzwerk n-ost und dem Fußballprojekt Fankurve Ost. Das Buch ist innerhalb Deutschlands kostenfrei bestellbar. Alle Infos unter Doppelpass-mit-Russland.de


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