SPIEGEL ONLINE: Herr Hiddink, der deutsche Fußball ist in Holland über viele Jahre hart kritisiert und teilweise sogar verspottet worden. Sie haben sich dabei auffallend zurückgehalten. Aus Höflichkeit?
Hiddink: Nein. Das liegt an meiner Abneigung gegen Generalisierungen. In der Vergangenheit war der deutsche Fußball vielleicht technisch nicht so versiert, sondern eher läuferisch stark. Wir in Holland hingegen haben unsere Spieler immer technisch und taktisch gut ausgebildet, aber das Athletische etwas unterbewertet. Wenn man den Unterschied beschreiben wollte, hat man vom Laufpensum gesprochen, was eines dieser phantastischen Wörter ist, die es nur in der deutschen Sprache gibt. Schaut man auf Spieler wie Beckenbauer, Netzer und Overath, waren sie aber technisch gut und sehr elegant.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch heute noch deutsche Spieler, die Sie als Fußballliebhaber gerne sehen?
Hiddink: Oh ja, Podolski macht immer viel Betrieb, und der junge Özil ist ein kreativer Spieler, wie man ihn gerne sieht. Auch Lahm ist sehr aktiv. Es gibt einige Schlüsselspieler in der deutschen Mannschaft, die wir am Samstag neutralisieren müssen. Vor allem aber müssen wir selbst initiativ werden.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben beim FC Chelsea mit dem deutschen Mannschaftskapitän Michael Ballack gearbeitet. Was für einen Spieler haben Sie dort kennengelernt?
Hiddink: Er ist eine große Persönlichkeit. Das habe ich nicht zuletzt gemerkt, als ich ihn ab und zu aus taktischen Gründen draußen lassen musste. Es gibt Jungs, die daraufhin im Training nicht mehr als nötig machen. Aber er hat sich nichts anmerken lassen und gearbeitet wie immer. Ich habe ihn übrigens neulich getroffen, als ich nach unserem Qualifikationsspiel in Wales nach London zu meinem alten Club gefahren bin. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Deutschland in Moskau das Unentschieden schaffen wird, das die Mannschaft braucht.
SPIEGEL ONLINE: Ist der Kunstrasen im Lushniki-Stadion ein Vorteil für Ihr Team?
Hiddink: Nein, oder zumindest kein großer Vorteil. Die russischen Spieler sind vielleicht etwas mehr daran gewöhnt, aber wenn die deutsche Mannschaft, wie sie es in Mainz in dieser Woche tut, eine Woche lang darauf trainiert hat, spielt das keine Rolle mehr. Der Unterschied zum Normalrasen ist sowieso nicht mehr groß. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, auf Kunstrasen zu spielen, weil es in Moskau manchmal schon im Oktober sehr viel regnen oder sogar schneien kann. Vor zwei Jahren haben wir gegen Kroatien zur gleichen Zeit auf Naturrasen gespielt und der Platz war so schlecht, dass man darauf keinen Pass spielen konnte. Das wollten wir vermeiden.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Nationalspieler Ivan Saenko, der früher in Nürnberg war, hat gesagt: "Hiddink hat uns das gegeben, was wir vorher von keinem russischen Trainer bekommen haben: Freiheit." Sind Sie antiautoritär?
Hiddink: Nein. Autorität ist nichts Schlechtes, sie darf nur nicht falsch angewandt werden. Als ich nach Südkorea kam, saßen die Nationalspieler mittags nach Alter geordnet an drei Tischen. Tisch zwei ist erst zum Buffet gegangen, wenn die Alten sich was geholt hatten, und die Jungen kamen zum Schluss dran. Also habe ich meine Autorität benutzt und die Sitzordnung durcheinandergebracht. Zwei Spieler der mittleren Gruppe sollten früher kommen und sich an Tisch eins setzen und zwei Junge an Tisch zwei. Als der Rest der Spieler zum Essen kam, haben sie sich gewundert. Aber ich habe signalisiert: Das ist schon in Ordnung.
SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen das mit großem Vergnügen.
Hiddink: Das stimmt, aber ich habe ihnen hinterher auch erklärt, was ich wollte. Mich hat gestört, dass auf dem Platz die jungen Spieler den Ball immer zu den alten weitergeleitet haben, auch wenn das nicht die beste Lösung war. Dadurch haben sie weniger gezeigt, als möglich gewesen wäre.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater ist nach dem Zweiten Weltkrieg ausgezeichnet worden, weil er abgeschossene Piloten der Alliierten versteckt und Juden vor der Deportation in Konzentrationslager bewahrt hat. Welche Rolle hat diese Erfahrung in Ihrer Familie gespielt?
Hiddink: Mein Vater wollte darüber nie wirklich sprechen, so wie die meisten seiner Generation. Es war einfach normal für ihn, sich damals so zu verhalten. Ich weiß, dass er Juden erst auf einem Bauernhof versteckt und dann in den Wald gebracht hat, wo sie andere aus dem Widerstand übernommen haben. Außerdem hat er Piloten hinter die Linien geschmuggelt. Einer saß sogar bei ihm am Tisch, als deutsche Soldaten hereinkamen, wurde aber nicht erkannt, weil er eine holländische Zeitung in der Hand hielt.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater hat sein Leben riskiert.
Hiddink: Ja, aber unsere Familie will das Thema nicht so großmachen, wie es in Wirklichkeit wohl war.
SPIEGEL ONLINE: Geht Ihnen das manchmal noch durch den Kopf, wenn Sie Deutsche treffen oder wie am Samstag in Moskau gegen deutsche Mannschaften spielen?
Hiddink: Nein, das sind die Erfahrungen einer anderen Generation. Für mich ist Deutschland ein ausgesprochen angenehmes Land. Bei der Weltmeisterschaft 2006 habe ich noch einmal erlebt, wie freundlich jeder empfangen wird.
Das Interview führten Christoph Biermann und Matthias Schepp
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