Russlands EM-Aus: "Es ist eine Schande"

Von , Moskau

Sie galten nach dem EM-Auftaktspiel als Favorit der Gruppe A - nun muss Russland schon nach der Vorrunde abreisen. Die älteste Turniermannschaft versagte in der entscheidenden Partie gegen Griechenland. Der Verbandschef übernimmt die Verantwortung, schließt jedoch persönliche Konsequenzen aus.

Russische Fans in Moskau: EM-Aus nach Pleite gegen Griechenland Zur Großansicht
AFP

Russische Fans in Moskau: EM-Aus nach Pleite gegen Griechenland

Am Ende bleibt ein uneingelöstes Versprechen: Russlands Team, das sich nach dem furiosen 4:1 im ersten EM-Gruppenspiel gegen Tschechien kurzzeitig den Status des Geheimfavoriten erspielt hatte, ist sang- und klanglos ausgeschieden. Die 0:1-Niederlage gegen Griechenland bedeutet das Aus. Am Morgen danach ist es das Massenblatt "Komsomolskaja Prawda", das die Stimmung in Russland am besten auf den Punkt bringt: "Sie haben es nicht geschafft. Schon wieder."

Russland trat mit dem im Durchschnitt ältesten Team der Europameisterschaft an. 28,4 Jahre waren es; die deutsche Mannschaft kommt auf 24,4 Jahre, sie ist die jüngste unter den Teilnehmern des Turniers in Polen und der Ukraine. Während Russland ausgeschieden ist, steht Deutschland so gut wie im Viertelfinale. Zwar haben Russland und Griechenland beide vier Punkte, Russland hat dabei sogar die bessere Tordifferenz, aber Griechenland hat den direkten Vergleich gewonnen - und dieses Kriterium ist in diesem Fall ausschlaggebend.

Trainer Dick Advocaat hoffte auf eine Wiederholung der Glanztaten, die Russlands Mannschaft in ähnlicher Besetzung bei der EM 2008 vollbracht hatte. Damals überrannte eine furiose "Sbornaja" um die Offensivspieler Andrej Arschawin und Jurij Schirkow den Turnierfavoriten Niederlande und siegte im Viertelfinale 3:1 nach Verlängerung. Erst im Halbfinale wurde der Lauf des Russen vom späteren Europameister Spanien gestoppt.

Fotostrecke

13  Bilder
Gruppe A: Russland fahrlässig, Karagounis sensationell
Doch nach der Pleite gegen Griechenland am Samstag in Warschau und dem Ausscheiden in der Vorrunde werden nicht Erinnerungen an 2008 wach, sondern an die WM 2002. Das Turnier in Südkorea und Japan war der Tiefpunkt der jüngeren Fußballgeschichte Russlands. Das Team musste aufgrund von Niederlagen gegen Japan (0:1) und Belgien (2:3) damals ebenfalls nach der Vorrunde nach Hause fahren.

Sergej Fursenko, Chef des russischen Fußballverbandes, versuchte sich nach dem jetzigen Ausscheiden in Beschwichtigung. "Das ist keine Katastrophe, Fußball ist eben Fußball", sagte der 58-Jährige und wollte sich mit seinen Worten wohl auch selbst trösten.

Medien und Spieler in Russland sprechen von einer Schande

Im Land sieht man das freilich etwas anders. Von einem "schwarzen Tag des russischen Fußballs" schreibt die Boulevardzeitung "Moskowskij Komsomolez", von einer "Schande" die angesehene Nachrichtenseite "Gaseta.ru".

Dass sich die Spieler der Tragweite der Niederlage, anders als Verbandspräsident Fursenko, durchaus bewusst sind, ließ Mittelfeldspieler Denis Gluschakow durchblicken, der für den angeschlagenen Konstantin Zyryanow in die Startelf gerutscht war. Mit welchen Gefühlen die Mannschaft die Heimreise antreten werde, wurde Gluschakow gefragt. "Mit welchen wohl? Es ist eine Schande: In der ersten Runde rausfliegen, wenn man eigentlich hätte weiterkommen müssen."

Russland steht nun ein deutlicher Umbau des überalterten Teams bevor. 2018 trägt das Land die Weltmeisterschaft aus. Coach Advocaat wird die Leitung der Mannschaft abgeben. Der 64-jährige Niederländer hatte bereits vor der EM erklärt, in sein Heimatland zurückzukehren, um dort das Traineramt beim Spitzenclub PSV Eindhoven zu übernehmen.

Einen Nachfolger will Verbandschef Fursenko noch bis zum Ende der EM präsentieren. Er stellt sich schon einmal auf heftige Kritik ein. "Schuld bin ich, ich habe den ganzen Prozess verantwortet", so Fursenko. An Rücktritt denke er aber nicht. Den Druck wolle er "mit zusammengebissenen Zähnen" aushalten.

Griechenland - Russland 1:0 (1:0)
1:0 Karagounis (45.+2)
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas - Katsouranis, Maniatis - Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras - Gekas (64. Holebas)
Russland: Malafejew - Anjukow (81. Ismailow), A. Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denissow, Gluschakow (72. Pogrebnjak) - Dsagojew, Arschawin - Kerschakow (46. Pawljutschenko)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer (in Warschau): 55.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Karagounis (2), Holebas (2) / Anjukow, Schirkow, Dsagojew (2), Pogrebnjak

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schande als Synonym für Torereignis
neanderspezi 17.06.2012
Da verliert eine Turniermannschaft in einem Europameisterschaftsspiel in der Vorrunde gegen eine andere Mannschaft knapp mit einem Tor Unterschied, hat dadurch ein Weiterkommen in die nächste Runde nur knapp verfehlt und schon wird eine Stigmatisierung des Ereignisses mit dem Begriff "Schande" belegt. Bei minimal ausgeprägter Objektivität stellt sich die Frage, für wen dieses Resultat eine "Schande" darstellt, für die Spieler, für den Trainer, für das Land oder gar für die Zuschauer, die ihre akustischen Fähigkeiten zur Mannschaftsunterstützung nicht ausreichend eingesetzt haben? Da geht ein runder Ball durch Kontakt mit dem Fuß oder einem sonst zur Spielanwendung erlaubten Körperteil eines gegnerischen Spielers ins eigene Tor und schon bricht eine landesweite Depression über dieses Großereignis aus. Das Tor als Hort der Schande, die Spieler als Versagerteam, hätten sie doch den "Sieg" durch Beinarbeit herbeiführen können, der Trainer, der den falschen Spieler zur falschen Zeit ins Spiel brachte, das Land, das in sportlicher Hinsicht abgebaut hat oder die Fans, deren flankierende Begeisterung nicht ausreichend war und die nun im Kollektiv Trauer praktizieren. Wenn je die Relationen verschiedener Ereignisse zueinander in totales Ungleichgewicht gebracht wurden, dann ist es hiermit exemplarisch geschehen.
2. optional
shalom-71 17.06.2012
> ... Während Russland ausgeschieden ist, steht > Deutschland so gut wie im Viertelfinale... Ein dummer Satz im Artikel. Fakt ist: Auch Deutschland hat eine nicht so kleine Chance, auszuscheiden. Es reicht z.B: 0-1-Niederlage gegen Dänemark und 0-1-Niederlage von NL gegen Portugal.
3. lernresistent.:-)
Emil Peisker 17.06.2012
Zitat von sysopDie älteste Turniermannschaft versagte in der entscheidenden Partie gegen Griechenland. Russland ist geschockt nach EM-Aus gegen Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839342,00.html)
Die älteste Turniermannschaft ist Griechenland. Die Meldung, dass Russland die älteste EU2012-Mannschaft sei, wurde von fast allen Sendern schon vor dem Spiel groß und breit korrigiert. Spon ist da lernresistent.:-)
4. Na haben doch Russen mehr Gemeinsamkeinten
blaudistel 17.06.2012
als man denkt :)
5. Na da haben doch Polen und Russen
blaudistel 17.06.2012
mehr Gemeinsamkeiten als man denkt
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Fußball-EM 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
  • Zur Startseite
Fußball-EM 2012

Fotostrecke
Entscheidendes Gruppenspiel: Griechenland jubelt sich ins Viertelfinale