Sachverständiger im Wettskandal "Bis zu hundert manipulierte Spiele in den vergangenen fünf Monaten"

Neue Einblicke im Fußball-Wettskandal: Ein Sachverständiger hat die gewaltigen Dimensionen der kriminellen Machenschaften verdeutlicht. Die Manipulationen finden weltweit statt, besonders lukrativ sei der asiatische Markt - dort platzierten auch die Angeklagten Ante Sapina und Mario C. ihre Wetten. 

Landgericht Bochum: "Manipulationen nehmen zu"
dpa

Landgericht Bochum: "Manipulationen nehmen zu"


Hamburg - Die Drahtzieher im größten Wettskandal im europäischen Fußball müssen sich vor Gericht verantworten, doch es wird weltweit fleißig weiter manipuliert. In 24 Ländern sollen bereits Spiele verschoben worden sein, allein in den vergangenen fünf Monaten wurden bis zu hundert Partien als manipuliert gemeldet.

Diese Zahlen nannte Carsten Koerl, Geschäftsführer der Wettüberwachungsfirma Sportradar, die unter anderem für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Europäische Fußball-Union Uefa ein Frühwarnsystem entwickelt hat.

"Manipulationen nehmen zu", sagte Koerl, der am Mittwoch als Sachverständiger und Zeuge im Prozess um den Wettskandal vor dem Bochumer Landgericht aussagte. "Die Entwicklung ist ganz klar. In den vergangenen fünf Monaten gab es 70 bis 100 Spiele in Europa, von denen wir ausgehen, dass sie manipuliert waren", sagte der 46-Jährige, "zu über 90 Prozent konnte ich voraussagen, wie das Spiel ausgeht."

Die steigende Tendenz habe auch mit der deutlich gewachsenen Vielfalt der Wettmöglichkeiten zu tun. "Da spielt es eine große Rolle, dass es heute viel mehr Möglichkeiten gibt, damit Geld zu verdienen", sagte Koerl.

Das Sportradar-Frühwarnsystem, das auch der Weltverband Fifa nutzt, stütze sich vor allem auf die Bewegungen im Wettmarkt. 70 bis 80 Prozent der Wettanbieter werden mit ihren Quoten erfasst. Zudem sind freie Mitarbeiter in 80 Ländern im Einsatz, um alle möglichen Informationen über Spiele zu bekommen.

Asiatische Buchmacher sind besonders lukrativ

Dennoch waren Sportradar die Partien nicht aufgefallen, die durch die Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft 2009 unter Manipulationsverdacht gerieten. Im Zuge dieser Ermittlungen sind mittlerweile allein in Deutschland 69 Spiele verdächtig. Den mutmaßlichen Haupttätern Ante Sapina und Marijo C., die seit November 2009 in Untersuchungshaft sitzen und sich ab dem 21. März vor Gericht verantworten müssen, werden Bestechungen in 47 Fällen vorgeworfen.

Im laufenden Prozess geht es um 32 Partien, davon 17 in Deutschland. "Wir können nur die Daten auswerten, die wir haben", sagte Koerl, "wir können keinen Stempel geben und sagen: Wir haben 100 Prozent getroffen".

450 Millionen Datensätze pro Tag von 300 Wettanbietern mit 4000 Spielen würden verarbeitet. Spieler und Schiedsrichter würden erfasst, eventuelle Verbindungen untereinander festgestellt. Die Zahl der als manipuliert gemeldeten Partien bewege sich aber "im Promillebereich", sagte Koerl, im Jahr würden 33.000 Spiele beobachtet.

Auf dem deutschen Wettmarkt würden allein vier Milliarden Euro umgesetzt, der staatliche Anbieter Oddset erreiche bei sinkendem Volumen nur noch einen fünf- bis zehnprozentigen Anteil. Die rund 4000 Wettshops hätten dagegen 80 Prozent Marktanteil.

Für Zocker, die mit Sportwetten ihren Lebensunterhalt verdienten, seien besonders asiatische Buchmacher interessant, weil sie zum einen hohe Einsätze zuließen und zum anderen selbst nur eine Gewinnspanne von einem bis 1,5 Prozent haben. Staatliche Anbieter und Monopolisten behielten dagegen bis zu 50 Prozent als Gewinn ein. Ante Sapina und Marijo C. hatten als Zeugen des laufenden Prozesses erklärt, dass sie vor allem auf dem asiatischen Markt hohe Beträge auf manipulierte Spiele gewettet hätten.

luk/sid

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RaMaDa 09.02.2011
1. Geld regiert die Welt...
....und das macht beim Sport ganz gewiß nicht halt.
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