Saison der Trugschlüsse Felix und der Folterhügel

Ohne Magath verfällt der VfL Wolfsburg? Die Vorherrschaft der Bayern ist gebrochen? Die Spielzeit 2008/2009 steckt voller vermeintlicher Lehren, glaubt Christoph Biermann - und entlarvt zehn Bundesliga-Mythen.


Die abgelaufene Bundesliga-Saison war einmal mehr ein Beweis dafür, dass der deutsche Fußball Jahr für Jahr für einige Überraschungen gut ist. Wer glaubte, die Vormachtstellung des FC Bayern werde unter Klinsmann weiter ausgebaut, wusste spätestens in der Winterpause, dass der Weg des Rekordmeisters eher in die entgegengesetzte Richtung geht. Doch damit könnte es ganz schnell wieder vorbei sein - ausgerechnet dank des Erfolgs der Konkurrenz.

Trainer Magath: Kein Spitzenplatz mit Schalke?
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Trainer Magath: Kein Spitzenplatz mit Schalke?

Ein weiteres Paradoxon dieser Saison: Die "Innovation Klinsmann" wurde von der "Tradition Heynckes" abgelöst. In Gladbach rettete Trainer-Oldie Hans Meyer die Borussia. Man könnte also meinen, dass der Trend wieder in Richtung Altbewährtes geht.

Und das sind nur zwei von zehn Trugschlüssen, die bei der Betrachtung der Bundesliga-Spielzeit 2008/2009 drohen.

1. Ohne Felix Magath wird der VfL Wolfsburg ins Mittelmaß zurückfallen.

Felix Magath hat seine Meistermannschaft auf beeindruckende Weise ins Ziel gebracht, doch der Titelgewinn basiert auf der großen Qualität seiner Spieler. Und die nimmt nicht gleich ab, nur weil mit Armin Veh ein neuer Trainer kommt. Außerdem will der Volkswagenkonzern keinen der wichtigen Mitarbeiter seiner kickenden Abteilung gehen lassen. Die Mannschaft soll für die Champions League sogar noch verstärkt werden und wird auch in der kommenden Saison wieder in der Spitzengruppe auftauchen.

2. Die Vorherrschaft des FC Bayern ist gebrochen.

Sechs Mannschaften rangen bis wenige Spieltage vor Schluss um den Titel, vor der letzten Partie waren es immer noch drei. Das sorgte für den Eindruck, als sei die Konkurrenz für die Bayern größer geworden. Doch schon in der kommenden Saison wird sich das wieder anders darstellen. Wolfsburg und vielleicht auch Stuttgart werden unter der Zusatzbelastung Champions League ächzen, und die Münchner ihre Möglichkeiten wieder ausschöpfen. Dann könnte es ganz schnell passieren, dass wir wieder ihre Übermacht beklagen.

3. Die Basis für Erfolge wird in der Defensive gelegt.

Natürlich muss immer noch die Abwehr richtig stehen, sonst geht nichts, das gilt in der Bundesliga wie in der Bezirksklasse. Für überdurchschnittlichen Erfolg reicht das inzwischen aber nicht mehr, wie das Team mit den wenigsten Gegentoren bewies: Schalke 04. Für den Sprung nach ganz vorne braucht man überragende Stürmer. Dzeko und Grafite zeigten das in Wolfsburg, Gomez in Stuttgart und Hoffenheim in der Hinserie mit Ibisevic. Die Bayern scheiterten auch daran, dass Toni, Klose und Podolski verletzt waren oder unter ihren Möglichkeiten blieben.

4. In der kommenden Spielzeit wird man wieder die wahren Werderaner aus Bremen erleben.

Werder steht nach schönen Zeiten mit Champions League und Meisterschaft vor dem Ende der fetten Jahre. Das spielerische Potential ohne Diego und vielleicht auch Pizarro ist nur noch dünn, weil die Transfers der letzten Zeit insgesamt eher mittelmäßig waren. Sollte auch noch das Pokalfinale verlorengehen, wäre der Club für Spitzenprofis weniger attraktiv und der Aufbau einer neuen Mannschaft, die wieder Anschluss an die guten Zeiten schaffen kann, noch schwieriger.

5. Borussia Dortmund und Hertha BSC sind auf der Zielgeraden gescheitert.

Wenn man in der letzten Minute der Saison die Qualifikation für den internationalen Fußball verpasst, ist das eine bodenlose Enttäuschung. Doch Borussia Dortmund hat in dieser Saison mehr geschafft als verpasst. Die Mannschaft spielt wieder strukturierten, an guten Tagen auch attraktiven Fußball und hat das Publikum wieder auf seine Seite gebracht. Wenn man mit nur noch einem Punkt aus den letzten zwei Spielen Meisterschaft und Champions League verpasst, sieht das wie Scheitern aus. Doch in Wirklichkeit ist es eine der Sensationen der Saison, dass Hertha sich für die neue Europa League qualifiziert hat. Lucien Favre und seine Mannschaften haben verblüffend lange fast alles aus den Möglichkeiten herausgeholt. Die noch größere Sensation: Berlin liebt endlich Hertha BSC. Scheitern sieht anders aus.

6. Mit Felix Magath wird Schalke 04 umgehend in die Spitzengruppe zurückkehren.

Der FC Schalke 04 hat diese Saison bewiesen, dass der Kader komplett saniert werden muss. Allein die Errichtung eines Folterhügels zur königsblauen Totalfitmachung wird daher nach Magaths Ankunft nicht reichen. Weil Schalke angeblich auch noch zu sparen hat, gilt nun die Formel: mehr aus weniger. Für Spitzenplätze wird das kaum reichen.

7. Wir werden Jürgen Klinsmann schon bald wieder in der Bundesliga sehen.

Vielleicht wäre Klinsmann wirklich Meister mit den Bayern geworden oder hätte zumindest den zweiten Platz erreicht. Es ist ihm jedenfalls ungenommen, das zu behaupten. Aber die Spielweise der Mannschaft unter seiner Führung war so wenig zusammengefügt, wie es bei Trainern passiert, die keinen Fußball lehren können. Bevor Klinsmann diesen Lernschritt nicht bei einem ausländischen Club nachweist, wird ihn in Deutschland kein Club verpflichten.

8. Auf den Trainerbänken setzen sich die Alten durch.

Der kürzeste Trend der Saison, die Rückkehr der Super-Rentner, wurde durch Jupp Heynckes und Jörg Berger (beide 64) ausgelöst. So überraschend er kam, sind sie auch schon wieder weg. Und nicht mehr ausgeschlossen ist es auch, dass es mit den Alten bald ganz vorüber ist, wenn sich Hans Meyer, 66, von Borussia Mönchengladbach endgültig in den Ruhestand verabschiedet.

9. Es ist trostlos, dass Energie Cottbus sich mit nur 30 Punkten vor dem Abstieg retten könnte.

Es ist erfreulich, dass sich mit Energie Cottbus eine Mannschaft auf den Relegationsplatz gerettet hat, die sich trotz aller Standortnachteile im Abstiegskampf nicht durch bleierne Defensive sondern mit dem Versuch von konstruktivem Fußball die letzte Chance erarbeitet hat. Dass dazu 30 Punkte reichen, ist der Mannschaft nicht vorzuwerfen.

10. Hannover 96, der 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt haben an der abgelaufenen Saison teilgenommen

Unbestreitbar haben diese drei Clubs jeweils 34 Spiele absolviert, nehmen brav die Plätze 11 bis 13 ein. Aber Dabeisein ist nicht alles, vielleicht machen sie beim nächsten Mal dann doch mal mit. Und sei es im Abstiegskampf.

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