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Saisonrückblick auf St. Pauli: Gefangener der Sitzplatz-Polizei

St.-Pauli-Fan Mike Glindmeier erlebte eine deprimierende Saison am Millerntor. Doch nicht nur sportlich ist er von seinem Verein enttäuscht, auch das Verhalten einiger Stadionnachbarn war nur schwer zu ertragen. Am schlimmsten war Beate von der Sitzplatz-Polizei.

Absteiger FC St. Pauli: Eine Saison zum Weglaufen Fotos
DPA

Jaja, ich weiß. Sitzen ist für'n Arsch! Das gute alte Motto des Bündnisses aktiver Fußball-Fans (Baff) hätte ich mir vor 15 Jahren noch auf den Allerwertesten tätowieren lassen. Mittlerweile bin aber auch ich so weit, dass ich am Millerntor von der Gegengerade in die Nähe des Kuchenblocks gewechselt bin.

Mit im Gepäck habe ich all diese dusseligen Ausreden, wenn mich Freunde aus gemeinsamen Fanzine-Tagen komisch angucken, weil ich am Stadioneingang Richtung Haupttribüne abbiege. "Ist wegen der doofen Anstoßzeiten, du weißt ja, viel Arbeit", lautet die mit Abstand dümmste. "Ich hab keinen Bock mehr auf die Schlangen am Bierstand", ist dagegen mein Favorit. Da spürt man wenigstens noch ein bisschen Neid und Verachtung neben dem Mitleid.

Wenn es einen Fußballgott gibt, dann hat er mich in dieser Saison hart bestraft - mit Beate*.

Beate ist eine ältere Dame, mit grauen Haaren und einem veritablen Hüftschaden. Passend zu ihrem stets grimmigen Gesichtsausdruck hat Beate sich ihre grauen Haare zu einem Pagenschnitt trimmen lassen. Beate hat es zeitgleich mit mir in einen Block auf der neuen Haupttribüne verschlagen.

Angst vor dem fliegenden Schlüsselbund

Dort haben meine Freunde und ich fünf Plätze in einem der etwas günstigeren Seitenblöcke. Auf zwölf Uhr hinter uns sitzt Beate. Nein, Beate sitzt nicht, sie klebt förmlich an ihrer Plastikschale. Dafür hat sie ja schließlich auch bezahlt. Und dieses Sitzplatzrecht verteidigt Beate wenn nötig auch bis kurz vor den körperlichen Verweis. Man hat stets das Gefühl, dass sie einem gleich ein Schlüsselbund in bester Paukermanier an den Kopf wirft, sobald man aufsteht.

"Hinsetzen", zischt es von hinten, selbst dann, wenn man nur kurz das Becken hebt, um sein Feuerzeug aus der Hosentasche zu nesteln. "Das sind Sitzplätze hier", klärt Beate die wenigen Anhänger auf, die sich überhaupt noch trauen, während packender Spielszenen vor Begeisterung aufzuspringen. Ihr breites Hamburgisch lässt einen jedes Mal zucken: Sitzt da die Reinkarnation von Heidi Kabel? Nein, die hatte wesentlich mehr Stil.

"Hallo. Haaaaaaalloooooo, setz dich mal hin du Bratwurst, dann können wir alle was sehen", keift Beate - natürlich sitzend - durch den halben Block, weil rund 20 Plätze neben ihr ein Fan nach einer üblen Blutgrätsche aufgesprungen ist und sich nun lauthals über den Schiedsrichter beschwert. Nicht, dass er Beate im Sichtfeld steht, doch was, wenn aus dem einzelnen Aufständigen eine Kettenreaktion, eine Art Dominoeffekt wird? Dann stehen sie ganz schnell auch wieder direkt neben Beate. Das gilt es zu verhindern.

Beates Präventionstaktik hat zum Saisonende immer groteskerer Züge angenommen. Beim Abstiegsendspiel gegen Werder Bremen herrscht sie eine junge Frau an, die in ihrer Reihe drei Plätze weiter rechts sitzt. Diese hat es gewagt, sich leicht nach vorne zu beugen, um einen Eckball auf der von unserem Block nur schwer einsehbaren rechten Seite zu verfolgen.

Takyi beschimpft, Asamoah gemeint

Auch der Hinweis der jungen Frau, dass die Leute neben ihr ebenfalls nach vorne gebeugt die Eckbälle verfolgen, schützt sie nicht vor Strafe: "Wenn alle sich zurücklehnen, haben wir diese Probleme nicht", zischt Beate zurück und erhält verbalen Beifall von der Heizdeckenriege neben sich.

Spätestens jetzt weiß jeder, warum wir die Geronto-Gang "Sitzplatz-Polizei" nennen. Doch Beate kann noch mehr. Sie ist auch Meisterin im Schreien von politisch korrekten Schimpfwörtern wie "Du I-DI-OHHHT" oder "SPIIINNER" - wir fragen uns allerdings, warum sie diese in 95 Prozent gegen die eigenen Spieler einsetzt. Zugegeben, doll waren die sportlichen Darbietungen der Braun-Weißen in dieser Saison nicht, die Performance von Fans wie Beate war allerdings noch deutlich schlechter.

Was vielleicht auch daran liegt, dass Beate das Team eigentlich gar nicht so richtig kennt. "Mein Gott, spielt dieser Takyi wieder einen Scheiß", pöbelt Beate in einem Hinrunden-Spiel über die Tribüne. So lange, bis ein Fan vor ihr Erbarmen zeigte und den Block mit dem Satz: "Takyi ist suspendiert, das im Sturm ist Asamoah", erlöst. Die kann man schon mal verwechseln, sind ja schließlich von ähnlicher Statur.

Und die vielen Torwartwechsel haben Beate auch ganz schön verwirrt: Da wird dann schon mal ein Stellungsfehler von Benedikt Pliquett mit "Kessler, du Blinder!" quittiert.

Fans wie Beate sind die Schattenseiten des Aufstiegs. Sie kommen meist, wenn Bayern kommt, und gehen, wenn Paderborn wieder vor der Tür steht. Leider sind sie am Millerntor - im Gegensatz zu früher - keine Ausnahme mehr. Selten war der Spruch mit dem Sitzen und dem Arsch so wahr, wie in dieser Saison.

* Name geändert

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Selber Schuld....
peloquin 18.05.2011
... wenn du dir Sitzplatzkarten kaufst. Ich habe selten einen so überflüssigen Bericht im Spiegel(online) gelesen und einen so überflüssigen Kommentar geschrieben.
2.
c.PAF 18.05.2011
Aha. Lösungsvorschläge?
3. Sitzplätze allgemein
philipp12 18.05.2011
Die Sitzplatzpolizei ist aber nicht nur ein Problem von Sportveranstaltungen, die Toupeuniformiert wurden auch schon bei diversen Rockkonzerten in der O² Arena in Berlin zu Hundertschafften gesichtet. Der dortige Nachteil ist das die fürs Eishockey vlt noch brauchbaren Hardschalesitze sogar im Centerstage angebracht sind, und gar keine möglichkeit besteht einen Stehplatz zu buchen. Also bleibt einem nur eins, fröhlich weiternörgeln lassen, und gegebenenfalls zurückkeifen:"Wenn dus im Sitzen genießen willst koof dir doch die sch$%& DVD"
4. .
DJ Doena 18.05.2011
"auf 12 Uhr hinter uns". Sie sitzt also auf 6 Uhr. Nur so für die Statistik.
5. Wunderbarer Artikel
fridericus1 18.05.2011
Genauso isses. Nix is übler als Pseudofans, die es plötzlich ganz schick finden, im Stadion zu sitzen (am besten im gediegenen Freizeitlook) und rumpampen, wenn den Mitsitzern das Temperament durchgeht. Die selbst beim Einlauf den Mannschaften die Begrüßung im Stehen verweigern und rumquaken, wenn unsereiner beim Führungstreffer der eigenen Mannschaft aufspringt und laut wird. Noch übler sind die Insassen der VIP-Bereiche, die grundsätzlich zu spät aus der Halbzeitpause kommen (weil der Prosecco so lecker war) und vom Geschehen auf dem Rasen nun gar keine Ahnung haben. Aber leider, leider müssen die Vereine Einnahmen generieren und freuen sich über jeden, der sich eine Karte kauft ...
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