Sammer und der HSV: Top-Job für den Dauernörgler

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Tausche sichere Stelle gegen Schleudersitz - Matthias Sammer steht angeblich vor der Rückkehr in die Bundesliga. Beim HSV bekäme er das zurück, was ihm der DFB nicht mehr bieten kann: Verantwortung und vor allem Macht. Leidtragender wäre der aktuelle Sportchef Bastian Reinhardt.

Matthias Sammer: Alles für den Erfolg Fotos
dpa

Stellen Sie sich vor, Sie sind Küchenchef eines mittelgroßen Restaurants. Sie können kochen, organisieren, das Talent von anderen erkennen - doch viel zu sagen haben Sie nicht mehr. Dabei reden Sie doch so gerne und am liebsten überall mit. Und Ihre Hausmannskost hat noch jeden satt und zufrieden gemacht. Das Konzept der Küche bestimmt jedoch der Restaurantleiter. Er stellt die Nachwuchsköche ein. Er gibt vor, was auf der Karte steht.

Matthias Sammer ist so etwas wie der Küchenchef des Deutschen Fußball-Bund ( DFB). Seit 2006 trägt der 43-Jährige die Bezeichnung "DFB-Sportdirektor". Während seiner Amtszeit wurden die deutsche U19- und die U21-Nationalmannschaft Europameister. Trotzdem hat Sammer beim DFB nie die Wertschätzung erfahren, die er sich gewünscht hätte.

Stattdessen führte der ehemalige Meistertrainer von Borussia Dortmund einen Dauerstreit mit "Restaurantleiter" Joachim Löw über die Kompetenzverteilung bei der U21, den der Bundestrainer im vergangenen Jahr deutlich für sich entschied. Seitdem wirkt Sammer amtsmüde.

Da kommt das Interesse des Hamburger SV gerade recht. Dort hat Präsident Bernd Hoffmann seit dem Streit und dem damit verbundenen Abgang des ehemaligen Sportchefs Dietmar Beiersdorfer ein Problem. Nach Beiersdorfers Rückzug ging es für den HSV sportlich und personell fast nur noch bergab.

Reinhardt kommt nicht über die Rolle des Hilfskochs hinaus

Hoffmann und der Aufsichtsrat des Clubs gaben bei der Neubesetzung in den vergangenen beiden Jahren überhaupt kein gutes Bild ab. Erst blamierten sie sich gemeinsam, in dem sie über ein Jahr lang einen neuen Sportchef suchten. Als sie dann endlich mit DFB-Chefscout Urs Siegenthaler einen Nachfolger gefunden hatten, war dieser bereits vor seinem ersten Arbeitstag wieder weg.

Also wurde der damalige Praktikant der HSV-Pressestelle, Bastian Reinhardt, befördert. Hoffmann war zu diesem Zeitpunkt bekannt dafür, auf starke Persönlichkeit an seiner Seite verzichten zu können, um weiterhin im sportlichen Bereich mitzureden. Da passte Reinhardt bestens ins Profil. Der ehemalige Abwehrspieler ist denn auch über die Rolle des Küchenjungen bislang nicht hinausgekommen. Zugänge wie Abwehrspieler Dennis Diekmeier (zwei Millionen Euro Ablöse) oder Mittelfeldmann Gojko Kacar (Hertha/5,5 Millionen Euro) haben sich bislang noch nicht als Verstärkungen erwiesen.

Im Dezember sagte Aufsichtsratsmitglied Peter Becker sogar, dass Reinhardts Berufung ein Fehler war. Damals gab sich Clubboss Hoffmann wortkarg. Doch nachdem jüngst vier Hoffmann-Kritiker in den Aufsichtsrat gewählt wurden, ist ein Kurswechsel zu erkennen.

"Ich kann Sportmanagement, wir brauchen aber daneben dringend absolute Kompetenz im Sport", hatte Hoffmann nach der Aufsichtsratswahl gesagt. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" legte der 47-Jährige anschließend nach. "Der HSV braucht eine klare sportliche Strategie und entsprechendes Personal." Hoffmann weiß, dass ihm nur noch sportlicher Erfolg langfristig den Job sichern kann.

DFB-Präsident Zwanziger gesprächsbereit

Deshalb ist er jetzt sogar bereit, mit Sammer einen starken Mann neben sich zu dulden. Reinhardt wird das gar nicht gefallen. Ihm droht eine ähnliche Situation, wie sie Matthias Sammer beim DFB erlebt hat. Solidarität oder gar Mitleid darf der 35-Jährige allerdings nicht erwarten. Sammer gilt als extrem ehrgeizig und wenig diplomatisch. Sollte er beim HSV übernehmen, könnte Reinhardts Karriere als Sportchef ganz schnell vorbei sein.

Vieles spricht für eine Verpflichtung Sammers. Das weiß auch Reinhardt: "Ich habe aus dem Aufsichtsrat von diesen Gedanken gehört", sagte er am Wochenende. Am Dienstag trifft sich das Kontrollgremium erstmals in seiner neuen Zusammensetzung, das Thema Sammer wird dabei auf den Tisch kommen.

Auch Theo Zwanziger signalisierte seine Gesprächsbereitschaft. "Wenn Matthias das Gefühl hat, sich beruflich verändern zu wollen, kommt er direkt auf mich zu", sagte der DFB-Präsident der "Bild"-Zeitung. Außerdem könnte dem HSV bei möglichen Verhandlungen mit dem DFB zugutekommen, dass er nach der überraschenden Siegenthaler-Absage im Sommer nicht auf den Vertrag pochte oder öffentlich nachtrat.

Sammer versuchte am Montag, ein wenig Fahrt aus der Angelegenheit zu nehmen: "Derzeit habe ich nicht vor, um eine Freigabe zu bitten. Aber was in den kommenden Tagen passiert, ist reine Spekulation. Ich bin mit dem Hamburger SV immer im Austausch gewesen, mal mehr, mal weniger", sagte der ehemalige Nationalspieler.

Egal, ob Sammer jetzt oder erst im Sommer den Schritt an die Elbe macht: Am Ende könnten fast alle Geschmack an einem Wechsel finden. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung soll der neue HSV-Küchenchef sogar noch einen Spitzenkoch vom DFB mitbringen, der sich um das junge Gemüse kümmert: Nachwuchstrainer Horst Hrubesch. Mit der HSV-Legende gewann Sammer immerhin beide Europameistertitel seiner Amtszeit.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Der Autor scheint sich richtig auszukennen.
labalex 17.01.2011
Wer ist eigentlich Peter Becker? Ich kenne nur Horst Becker...
2. Sammer
christoph. 17.01.2011
Sammer ist mir einer der Liebsten im Fussball-Business. Ich mag das, wie er in Interviews den eigenen Worten hinterherlauscht, den Blick in die Ferne gerichtet, im ständigen Bewußtsein der epochalen Bedeutung des eben von ihm selber Gesagten. Ich mag den richtig gern, den Sammer.
3. für den DFB ein Verlust - für den HSV ein Gewinn
UweKarl 17.01.2011
H.Sammer hat dass womit Löw nicht dienen kann: "Internationale Titel" aber beim DFB gilt: mehr Schein alsSein"
4. Was ist ein Nögler?
Südfeld 17.01.2011
Bitte um Entschuldigung, ich kann und will mich an solche durch Hektik bzw. Unachtsamkeit entstehenden Flüchtigkeitsfehler nicht gewöhnen und empfinde sie - zumal im Titel - als sehr störend. Oder handelt es sich um eine beabsichtigte, mir bislang unbekannte neologistische Verschmelzung von "nörgeln" und "nölen"?
5. Aha...
rewerb 17.01.2011
jetzt soll es also der Sammer richten. Wird ja immer besser. Als Trainer hat er nicht viel gerissen ausser dem Titel 2001 der mit viel Geld (und anschließendem Beinahe-Ruin) erkauft wurde. Und besonders tollen Fussball hat er nie spielen lassen, auch nicht beim VfB. Und als Sportdirektor hat er wohl v.a von Leuten wie Horst Hrubesch profitiert. Aber OK, was solls.
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Wäre Sammer der richtige Sportchef für den HSV


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