Bundesligatrainer Streich über Fußball und Politik "Also muss ich reden"

Für die einen ist Christian Streich das gute Gewissen der Bundesliga - für andere ein Moralapostel. An der Uni Freiburg sprach der Trainer nun über Politik. Ein Auswärtsspiel, das nicht wie eines wirkte.

Christian Streich
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Christian Streich

Aus Freiburg berichtet


Die Veranstaltung im Audimax der Freiburger Universität ist ein paar Minuten alt, an einem langen Tisch sitzen bereits vier Männer mit Doktortitel vor knapp 800 Zuhörern und diskutieren, ob und inwieweit sich Vergleiche zwischen der Reichstagswahl 1932 und der Bundestagswahl 2017 ziehen lassen könnten, da darf auch endlich der Mann nach vorne, "auf den hier alle warten".

Christian Streich setzt sich unter großem Applaus. Die These ist nicht allzu mutig, dass vor allem der Trainer des SC Freiburg den Vorlesungssaal an diesem heißen Spätsommertag bis auf den letzten Platz gefüllt hat. Streich, der sich selbst einen "politischen Menschen" nennt, sagt die nicht wenigen Einladungen, die er zu ähnlichen Veranstaltungen bekommt, normalerweise ab. Doch hier sitzt er nun. Warum? "Weil hier gebildete Leute sitzen, die sich den ganzen Tag mit Geschichte und Politik beschäftigen. Ich denke nur darüber nach, wie wir Tore verhindern - und habe damit genug Probleme." Der erste Lacher gehört ihm. Und selbstverständlich ist es Koketterie, wenn er sich selbst so klein macht.

Der Mann aus der Kneipe

Zwei Historiker und zwei Politologen sitzen neben Streich, darunter der amtierende Oberbürgermeister Freiburgs, Dieter Salomon. Der Mann aus dem Fußball, der einst hier an der Uni Germanistik, Geschichte und Sport studierte, kann natürlich dennoch mitreden. Diese Tatsache ist für einen Bundesligatrainer ungewöhnlich. Doch Streichs Wirken im Fußballgeschäft ist genau das.

Seit fast sechs Jahren ist er Trainer des SC Freiburg und damit dienstältester Übungsleiter der Bundesliga. Seit 22 Jahren ist er im Verein und anfangs war vielen, darunter ihm selbst, nicht klar, ob dieser Job, der laut Streich "weit mehr im Fokus steht, als er es verdient hat", zu einem passt, der sich nächtelang bei selbstgedrehten Zigaretten in der Stammkneipe den Mund fusselig redet, wie sie in Südwestdeutschland sagen. In letzter Minute habe er nach langen Beratungen im Freundeskreis doch noch zugesagt. Es war eine enge Entscheidung. Nicht ohne Grund. Viele legten ihm zu Beginn Interviewschulungen ans Herz. Doch Streich, heute 52, blieb im Kern der Mann aus der Kneipe. Er machte die Rolle des Bundesligatrainers zu seiner eigenen - auch, weil es anders gar nicht möglich gewesen wäre.

Als er gegen die AfD wetterte, wurde er angegangen

Im kleinen Kreis nach der Veranstaltung im Audimax sagt er: "Wir Bundesligatrainer werden gehört. Also muss ich reden." Dass die meisten seiner 17 Kollegen nicht ganz so sehen, beschäftigt ihn vielleicht, er sagt es aber natürlich nicht. Die ortsansässige "Badische Zeitung" rief einst den "Streich der Woche" ins Leben, eine Videokolumne mit je einem dieser außerordentlichen Statements Streichs, der konsequent lieferte. Erst kürzlich drohte er: "Der Gott des Geldes wird immer größer. Und irgendwann verschlingt er alles."

Als er gegen die AfD wetterte und meinte, dass es darum gehe, "gegen diese unsägliche fremdenfeindliche- und gästefeindliche Politik einiger Parteien Stimmen zu sammeln", da wurde er aus einer Ecke heftig angegangen. Heute sagt er: "Genau das zeigt doch, dass es richtig war. Wenn ich dafür angefeindet werde, ist das der Beweis, dass wir unsere Stimme erheben müssen." An diesem Abend gibt es in Freiburg keine Widerworte. Alle reden gepflegt nacheinander, Streich wirkt entspannter als sonst, wenn er sich bisweilen in Rage redet und das Drumherum ausblendet.

"Wo bleibt da Zeit für Gedanken über Politik?"

Es dürfte ihm gut tun, hier nicht als "Moralapostel" abgestempelt zu werden. Das inzwischen immer auch kritische Stigma des moralisierenden Gutmenschen, das ihn in bestimmten Kreisen verfolgt - hier im gesellschaftlichen Biotop Freiburg macht es ihn zum Publikumsliebling. Dabei kann er naturgemäß weder über die Hintergründe des Aufstiegs von Adolf Hitler dozieren noch Vergleiche ins Jetzt ziehen. Dafür ist er für die Verbindung von Fußball und Politik zuständig. Er widerspricht dem früheren Bundestrainer Sepp Herberger, der von Politik nie etwas wissen wollte: "Fußball ist immer Ausdruck des gesellschaftlichen Status Quo." Und der Fakt, dass seine Mannschaft wie eigentlich alle von der Vielfalt lebe, sei allein schon ein politisches Bekenntnis.

Gleichzeitig, so sagt Streich nach der Veranstaltung auf Nachfrage, beobachte er die "konstruktive Entpolitisierung durch den Fußball. Man hat drei Decoder zuhause, der Spielplan ist aufgefächert, das Wochenende ist voll verplant. Wo bleibt da Zeit für Gedanken über Politik?"

Der Fußballtrainer und die Fluchtmöglichkeiten aus dem Alltag - normalerweise gehen sie zusammen, der Sport und die zerstreuende Unterhaltung. Streich sieht die Verbindung kritisch.

Am Ausgang des Vorlesungssaals hat ein Mitveranstalter des Podiumgesprächs einen Aufsteller platziert. In großen Lettern steht dort: "SC Freiburg - mehr als Fußball." Streich steht noch lange davor und diskutiert mit Gästen. Es geht um Politik. Irgendwann wünscht ihm jemand Glück für das nächste Spiel gegen Dortmund. Streich braucht kurz, dann bedankt er sich. Es wirkt, als hätte er das Sportliche in diesem Moment komplett ausgeblendet.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Karbonator 31.08.2017
1.
"Wir Bundesligatrainer werden gehört. Also muss ich reden." Da hat nicht recht, wie ich finde. Denn er "muss" nicht, er will. Das ist sein gutes Recht, und einiges von dem, was er sagt, ist auch ganz OK. Was mich aber stört, ist die Überhöhung von Streich in den Medien und durch einen Teil der Fan-schaft. Nur weil sich jemand zu mehr äußerst als zu Sport, wird er nicht gleich ein Super-Mensch. Statt Streich zu überhöhen, wäre es meines Erachtens angebrachter, anderer Trainer noch kritischer zu betrachten - denn während Streich quasi das "Normale" darstellt (jeder Mensch ist mehr als nur das, was er arbeitet), gibt es auch Leute im Sport, die über die Maßen unter diesem Normalen bleiben.
lalito 31.08.2017
2. Die Medienmeute
Hungrig, ja fast schon gierig nach den Wort- und Satzstreichen eines Herrn Fußballlehrers Streich. Hab ihn neulich mal mit MP Kretschmann im Dialog auf moderierter Bühne erlebt. Als Lehrer und Trainer kann er eben auch Systemrelevanz, lammfromm, nur jedes Wochenende vor der Meute, da liefert er einfach nur Erwartetes wie Erwartbares. Warum auch nicht, Streich ist Marke, bleibt aber clevererweise diffus.
kastenmeier 31.08.2017
3.
Zitat von Karbonator"Wir Bundesligatrainer werden gehört. Also muss ich reden." Da hat nicht recht, wie ich finde. Denn er "muss" nicht, er will. Das ist sein gutes Recht, und einiges von dem, was er sagt, ist auch ganz OK. Was mich aber stört, ist die Überhöhung von Streich in den Medien und durch einen Teil der Fan-schaft. Nur weil sich jemand zu mehr äußerst als zu Sport, wird er nicht gleich ein Super-Mensch. Statt Streich zu überhöhen, wäre es meines Erachtens angebrachter, anderer Trainer noch kritischer zu betrachten - denn während Streich quasi das "Normale" darstellt (jeder Mensch ist mehr als nur das, was er arbeitet), gibt es auch Leute im Sport, die über die Maßen unter diesem Normalen bleiben.
Dass Streich als "Super-Mensch" dargestellt wird, kann ich nicht teilen. An dem Rest Ihres Beitrages ist viel Wahres dran; Herr Streich würde das vermutlich selbst ähnlich sehen. Dass hier das "Normalsein" von Herrn Streich so herausgestellt wird, liegt vermutlich daran, dass eben dies in den Kreisen, in denen er sich beruflich bewegt, nicht normal ist. Es ist außergewöhnilch (leider).
fairgame 31.08.2017
4. Kontrapunkt
Ich finde Streichs Einlassungen immer sehr erfrischend. Immerhin eine Stimme der Vernunft im wild gewordenen Profifußballgeschäft. Da kann es nicht schaden, wenn ein Insider wie Streich auch mal den Finger in die Wunde legt und den Blick über den sportlichen Tellerrand richtet.
hegauloewe 31.08.2017
5. Er hat völlig recht
Er wird gehört, er muss reden. Gut wenn ein Prominenter klare Kante in der Politik bezieht, in einer Zeit in der zuviel Fussball Wichtigers überlagert. Das sagt der Fußballfan in mir und der auch weiss, Fussball ist schön, aber längst nicht alles und viel Wichtigeres zu überlagern droht. Ich mag seine Statements, weil er einen gesunden Menschenverstand besitzt.
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