SC Freiburg unter Trainer Streich Lauf dich glücklich

Laufen, kämpfen, pressen: Niemand betreibt mehr Aufwand als die Mannschaft von Christian Streich. Das Pensum hat sie auch nötig.

Getty Images

Von


Christian Streich sagt über sich selbst, er sei kein Freund von Statistiken. Einen Wert bringt Freiburgs Trainer dann doch immer wieder zur Sprache, wenn es um Fußballspiele seiner Mannschaft geht: die Laufleistung.

Der SC Freiburg, das steht seit Mitte der Neunzigerjahre für ästhetischen Offensivfußball, für schnelle Kombinationen, flache Pässe, Torchancen. Dabei taugt das Team unter Streich auch als Vorbild in Sachen Malocherfußball. Das Team kommt vor allem über Zweikämpfe und Laufarbeit ins Spiel. In 24 von 26 Begegnungen lief das Team mehr als sein Gegner - Platz eins im Kilometerranking der Liga.

Es klingt nach Kreisliga-Romantik: Wenn wir nur mehr ackern als die anderen, können wir selbst den größten Favoriten schlagen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht.

Zunächst mal läuft Freiburg viel, vor allem laufen die Spieler aber oft richtig. Die Mannschaft zeigt einstudierte Abläufe im Pressing, die sie vermutlich auch dann noch abspulen könnte, wenn man sie nachts aus dem Bett auf den Fußballplatz zerren würde.

Streichs Konzept im Spiel gegen den Ball:

  • Zwei dicht beieinander stehende Stürmer, die Pässe ins Mittelfeldzentrum verhindern. Sie haben das Ziel, Pässe auf den gegnerischen Außenverteidiger zu provozieren.
  • Sobald dieser Pass kommt, schaltet sich der äußere Mittelfeldspieler auf der Ballseite ein. Er sprintet auf den Außenverteidiger zu und versucht, einen Ballverlust zu provozieren.
  • Das kann nur gelingen, wenn dem Außenverteidiger alle Optionen verstellt sind. Die eigenen Stürmer decken etwa die gegnerischen Verteidiger. Macht ein Freiburger nicht mit, weil er sich kurz ausruht, geht das Pressing ins Leere und dem Gegner öffnen sich Lücken zum Angriff.

All das haben Sie womöglich schon einmal gelesen. Denn in der Bundesliga können die meisten Mannschaften ordentlich bis gut pressen. In Freiburg aber tun sie das noch unermüdlicher. Der SC geht voll auf in der Rolle des Außenseiters, der mehr macht als sein Gegner.

Fotostrecke

23  Bilder
SC Freiburg: Ära an der Seitenlinie, Abstiegsangst im Nacken

Entscheidend ist dabei, dass Freiburg nicht nur in solchen Spielen den Mehraufwand betreibt, in die man als vermeintlicher Außenseiter geht. Streichs Kunststück ist es, sein Team gegen Darmstadt so zu motivieren wie gegen die Bayern. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Darmstadts dieser Welt im Gegensatz zum FC Bayern nicht in der Lage sind, das Freiburger Pressing zu überspielen.

Es ist kein Zufall, dass der SC gegen die spielstarken Teams der Liga schlecht aussieht, gegen die spielschwachen dagegen konstant punktet. Gegen die Mannschaften, die auf den vier Champions-League-Rängen stehen, holte Freiburg einen von 18 möglichen Punkten; gegen die drei Teams auf den Abstiegsrängen waren es zehn von zwölf.

So kommt es, dass der Aufsteiger bislang eine von Abstiegssorgen befreite Saison spielt. Das ging in der Monate andauernden Hysterie um den Erfolg des zweiten Aufsteigers, RB Leipzig, ein wenig unter, ist aber keineswegs selbstverständlich. Zumal der SC zwar auf Platz acht steht, aber längst nicht den achtbesten Kader der Bundesliga hat.

Fotostrecke

10  Bilder
SC Freiburg: Die Intensiv-Station der Liga

Defensives Mittelfeld und Abwehr sind bestenfalls mäßig besetzt, im Kader tummeln sich neben talentierten, aber inkonstanten Profis auch solche, die schon einen guten Tag brauchen, um in der Bundesliga mitzuhalten. Die 47 Gegentore, zweitschwächster Wert der Liga, kommen nicht von ungefähr. Seinen Intensivfußball hat der SC bitter nötig.

Trotzdem wäre es verkürzt, die Freiburger als reine Kampftruppe darzustellen. In Ballbesitz verhält sich das Team taktisch klug. Das Ziel ist dabei, die Schlüsselspieler Vincenzo Grifo und Maximilian Philipp in Szene zu setzen, damit sie das Pensum der Mannschaft veredeln.

Spieler wie Grifo und Philipp waren in den vergangenen Jahren Säulen des Freiburger Konzepts. Grifo konnte sich in Hoffenheim nicht durchsetzen, beim SC avancierte er zum Schlüsselspieler. Philipp schaffte den Weg aus der U19 des Klubs in die Stammelf der Profis.

Grifo hat derzeit die drittmeisten Torschussvorlagen aller Spieler abgegeben. Nicht beim SC Freiburg, sondern in der gesamten Bundesliga. Philipp gelangen in der laufenden Saison schon Tore, die man eher einem Marco Reus zutrauen würde. Gemeinsam waren sie an 27 von 34 Treffern direkt beteiligt. Willkommen beim SC Freiburg, dem unausgeglichensten Team der Bundesliga.

Sei's drum, werden sie in Freiburg sagen. Denn mit dem Abstieg wird der SC in dieser Spielzeit wohl auch weiterhin nichts zu tun haben. Der eigentlich Kampf beginnt dann nach der Saison, wenn es darum geht, Spieler wie Grifo und Philipp zu halten, oder im Falle eines Abgangs anderen Talenten zum Durchbruch zu verhelfen. Sollte das nicht gelingen, wird auch der erste Platz in der Lauftabelle nichts nützen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
axelmueller1976 05.04.2017
1. Warum können andere BL-Vereine nicht so glücklich sein
Und deshalb nicht so viele Lauf-Km abslovieren wie Uni Freiburg. Was machen andere Trainer falsch ,daß Ihre Spieler nicht so viel laufen können. Ist es vielleicht die Höhenluft von Freiburg.
mbak19 05.04.2017
2.
Das, was Freiburg macht, ist in meinen Augen höher zu bewerten als die Sache von RB. Die sind zwar auch sehr gut, bedenkt man aber, welche finanziellen Mittel in Freiburg zur Verfügung stehen, kann man nur den Hut ziehen.
762c1be8 06.04.2017
3. Kleiner Verein mal ganz groß bei SPON
Lieber Herr Montazeri, es ist sehr erfreulich, wenn auch die Kleinen der Bundesliga mal gewürdigt werden. Weiter sol!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.