Freiburg-Trainer Christian Streich: Der Ball-Besessene
Christian Streich ist ein ungewöhnlicher Trainer. Und das hat nichts damit zu tun, dass er mit dem Fahrrad zum Training fährt. Mit ihm ist der SC Freiburg von einem Abstiegs- auf einen Europapokalplatz gerückt. Dabei hatte man einst auf ihn als Chef verzichtet - aus Furcht vor negativen Schlagzeilen.
Sonntag, bald kommt der "Tatort". Auf dem Stadionparkplatz ist kaum noch ein Auto zu sehen, der Mannschaftsbus der Stuttgarter ist nach der 0:3-Klatsche in Freiburg längst auf dem Weg ins Schwäbische. Doch mitten in Dunkelheit und Nieselregen leuchtet im Stadionbau ein helles Rechteck: Im Trainerzimmer herrscht noch reges Treiben. Zwei Stunden nach Abpfiff. Der Mann, der da so eindringlich mit den Armen rudert und offenbar eine Spielsituation nachstellt, ist Christian Streich. Der SC-Trainer hat Besseres zu tun, als Feierabend zu machen. Schließlich sitzen hier noch ein paar Fußballfachleute.
Der 47-Jährige ist ein Ball-Besessener, einer, der sich 90 Minuten lang völlig vergessen kann. Es braucht dann nicht viel, um ihn auf die Palme zu bringen: Ein Schiedsrichterpfiff, dumme Parolen von den Rängen, ein Spieler, der irgendwelche T-Shirt-Liebeserklärungen in die Kamera hält, anstatt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Dann kann Streich zur Furie werden. Wer das auf die hohe Nervenbelastung in der Bundesliga schiebt, war noch nie im Möslestadion, in dem die SC-Nachwuchsmannschaften ihre Heimspiele austragen: Der Mann war schon als A-Jugendtrainer so.
Allerdings findet man in der Freiburger "Fußballschule" niemanden, der sich negativ über Streich äußert. Man hört dort viele Anekdoten, die einen warmherzigen, herzlichen und sensiblen Menschen porträtieren, der über eine im Fußball-Business rare Gabe verfügt: Die, die sich zurücknehmen, um sich auch einmal von außen zu sehen.
"Ich bin meist in der Position des Erzählenden"
Am Montag wurde er gefragt, was sich an seinem Leben geändert habe, seit aus "dem Christian" der Bundesliga-Trainer geworden ist. Seine Antwort: der Medienhype. Und: Er erfahre kaum noch etwas von anderen Menschen. Egal, ob er sich zum Kochen verabrede oder zum Fußball-Gucken, mögen die Berufe der Freunde noch so spannend sein - meist stellt man ihm eine Frage, bevor er selbst eine stellen kann. "Ich bin meist in der Position des Erzählenden. Früher habe ich mehr über andere erfahren. Schade." Man kommt spontan nicht auf viele Trainerkollegen, die so antworten würden.
Streich ist ein Trainer, der ernsthaft darunter leidet, dass er Spieler, die er mag, auf die Tribüne setzen muss, der Rassisten verachtet ("Was sind das für Menschen"?) und Zyniker sowieso. Also alle, die sich über andere erheben. Streich, der Metzgerssohn aus Weil am Rhein, verfügt über viel Empathie. Und als studierter Germanist weiß er sogar, was das ist.
Als es im Sommer vergangenen Jahres darum ging, wer die Nachfolge von Robin Dutt antreten sollte, war Streich in der engeren Auswahl. Cheftrainer wurde er aber nicht. Nicht weil man ihm das fachlich nicht zugetraut hätte, sondern weil man Angst hatte, er könne zu cholerisch sein und damit negative Schlagzeilen produzieren.
Freiburg ist ein Idyll, das sich gerne auch mal ohne Grund bedroht fühlt
Diese Fehleinschätzung ist in Freiburg nicht ohne innere Logik: Nachdem ein Journalist beim vorletzten Heimspiel mitgehört hatte, wie ein leitender Angestellter im Kabinengang über den Schiedsrichter schimpfte, standen die Journalisten beim Stuttgart-Spiel fünf Minuten lang vor verschlossenen Türen zur Interviewzone. Freiburg ist ein Idyll, das sich gerne auch mal ohne Grund bedroht fühlt.
Erst als Marcus Sorg, der glücklose Ex-Coach gehen musste, schlug Streichs Stunde. Mit ihm kam der Erfolg: In der Rückrundentabelle belegte der SC Rang sieben, vor dem Bayern-Spiel (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) rangiert man auf Platz neun.
Und selbst Streich, der bei Fragen nach einer Korrektur des Saisonziels dreinblickt, als entsteige der Fragende gerade einem Ufo, gibt zu: "Wir haben die Punkte nicht gestohlen. Es läuft ganz gut." Frankfurts Sebastian Jung ("Freiburg ist die erste Mannschaft, die verstanden hat, wie wir spielen") und Hannovers Mirko Slomka ("super taktische Einstellung") sind nicht die einzigen, die glauben, dass das etwas mit dem Trainer zu tun haben könnte.
"Einer von uns", sagen sie an der Dreisam und meinen dabei nicht primär Streichs schon oft beschriebenen Dialekt. Offensiver Fußball, junge, selbst ausgebildete Spieler - in Freiburg gibt es tatsächlich noch Zuschauer, die lieber verlieren, als auf die seit Volker Finkes Zeiten gewachsene Identität zu verzichten.
Streich ist einer, der zur Stadt Freiburg passt. Man muss schon von sehr weit zugereist sein, um aus der Tatsache, dass Streich mit dem Fahrrad zum Training fährt, die Headline "Deutschlands verrücktester Trainer" zu schmieden. In Freiburg ist Fahrradfahren in etwa so exotisch wie eine Ameise im Ameisenhaufen.
Kein Wunder, dass Streich nichts dagegen hat, dass die Streich-Geschichten seit einigen Monaten wieder realistischer ausfallen. Mancher Journalist will sogar schon beobachtet haben, der Mann sei ruhiger, gelassener geworden. "Herr Streich, sind Sie entspannter als früher?" "Weiß nicht." Ein ziemlich langes Zögern. "Mir ist die Anspannung hoch genug."
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