Überraschungsteam Paderborn Das ist derzeit Deutschlands beste Fußball-Mannschaft

Bundesliga-Erster nach vier Spieltagen - vor den Bayern, vor Dortmund, vor Leverkusen. Der SC Paderborn ist die ganz große Überraschung der bisherigen Saison. Was ist da los in Ostwestfalen?

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Paderborn führt die Tabelle nach vier Spieltagen an. Wie kann das denn passieren?

2:2 gegen Mainz, 3:0 in Hamburg, 0:0 gegen Köln, 2:0 gegen Hannover - der SC Paderborn hat alle in der Liga bisher überrascht. Wobei die Tabellenführung des SCP auch mit der Schwäche der Anderen zusammenhängt. Dortmund und die Bayern sind nach der WM noch nicht wieder in Schwung, die übrigen Top-Teams von Wolfsburg über Schalke bis Leverkusen nehmen sich gegenseitig die Punkte weg. Mit acht Punkten nach vier Spieltagen hätte Paderborn in der Vorsaison übrigens auf Platz sechs gelegen.

Wer ist für den Aufschwung verantwortlich?

Mehrere Faktoren. Am Anfang hat man den Klub aus der Provinz noch unterschätzt, man kann auch sagen: belächelt. Die Paderborner haben diesen Blick auf sie für sich genutzt, sie kokettieren sogar ganz kräftig mit dem Super-Underdog-Image. Der Kader selbst ist von dem findigen Manager Michael Born intelligent zusammengestellt, es ist eine Truppe von Spielern, die es der Bundesliga mal so richtig zeigen wollen - weil sie es entweder bei anderen Vereinen nicht geschafft haben oder überhaupt zum allerersten Male die Chance bekommen, ihre Qualitäten in der ersten Liga unter Beweis zu stellen. Der Spielplan war den Paderbornern zudem bisher auch sehr gnädig gesinnt.

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Welchen Anteil hat der Trainer?

André Breitenreiter wird derzeit als so etwas wie der neue Über-Konzepttrainer der Liga hochgejazzt. Dass ihm diese Rolle selbst gar nicht so behagt, hat man bei seinem Auftritt am Samstag im "Aktuellen Sportstudio" deutlich merken können, als er seine Nervosität vor dem großen TV-Auftritt mit leicht gestelzter Sprache à la Olaf Thon zu überdecken suchte. Breitenreiter genießt die Situation, aber er wird nicht müde zu betonen, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt. Es sind schon viele Aufsteiger furios in die Bundesliga gestartet und als Absteiger geendet (Rostock, Ulm, Düsseldorf). Breitenreiter vergisst das allen Schulterklopfern zum Trotz nicht, und das spricht für ihn.

Paderborns Stürmer Kachunga: Anderswo nur Ersatzspieler
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Paderborns Stürmer Kachunga: Anderswo nur Ersatzspieler

Wer sind die Stars in der Mannschaft?

Die gibt es nicht, und das macht sie wahrscheinlich derzeit so stark. Der bislang beste Torschütze Elias Kachunga ist in Mönchengladbach und bei Hertha BSC über das Reservistendasein nicht hinausgekommen, Mittelfeldspieler Suleyman Koc hat in seiner Zeit beim SV Babelsberg gar mal im Gefängnis gesessen, weil er sich in eine Banden-Geschichte verwickeln ließ. Und der neue 82,3-Meter-Rekord-Distanzschütze Moritz Stoppelkamp ist selbst trotz solcher Balken-Überschriften wie "Stoppelkamp: Feindbild, Königstransfer, Rekordhalter" (dpa am Wochenende) doch nur Moritz Stoppelkamp.

Wie reagiert die Öffentlichkeit?

Wie üblich. Völlig überhitzt. Breitenreiter wird fröhlich in "André Spitzenreiter" umgetauft. Routinier Daniel Brückner wird zum ehemals Obdachlosen stilisiert, weil er vor 17 Jahren mal von zu Hause abgehauen war und sich danach die Nächte organisieren musste. Kathrin Müller-Hohenstein mühte sich im "Sportstudio", Paderborn als das mindestens weltgrößte Sensationsaußenseiter-Team zu verkaufen, von Mythen umrankt. Ihre Frage an Breitenreiter: "Wie viel davon ist wahr, und wie viel ist Rock'n'Roll?" ist bereits dabei, Eingang in journalistische Lehrseminare zu finden. Paderborn und Rock'n'Roll - das ist mehr, als diese Stadt und ihr Verein je zu erträumen wagten.

Gibt es auch etwas zu meckern?

Allerdings. Die Dauerkarten für die 15.000 Zuschauer fassende Arena gehören zu den teuersten der Bundesliga. Und dass die Eintrittspreise für Behinderte zu Beginn der Saison ebenfalls kräftig angehoben wurden, hat viele Fans erbost. Die Argumentation des Vereins, zur Gleichberechtigung zähle eben auch, dass alle gleich viel zu zahlen hätten, kann man jetzt schon zu den Skurrilitäten der Saison zählen.

Paderborner Fans: Begeisterung ist in Euphorie umgeschlagen
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Paderborner Fans: Begeisterung ist in Euphorie umgeschlagen

Geht der Höhenflug weiter?

Das wird schon die nächste Partie entscheiden. Am Dienstag geht es als Tabellenführer zum FC Bayern München, und wenn der SCP auch dort einen oder drei Punkte entführen sollte, dann dürften die Biervorräte auf der Wies'n für das bekannt durstige ostwestfälische Publikum knapp werden. Es kann aber auch genauso gut ein 5:0 für den Rekordmeister geben, der bemüht sein dürfte, die Hackordnung in der Liga wieder herzustellen. Und dann herrscht erstmal wieder Ruhe an der Hype-Front.

Was ist in dieser Spielzeit noch drin?

Hängt davon ab, ob den Paderbornern ihr frischer Ruhm zu Kopf steigt oder nicht. Wenn sie weiter so ehrlich arbeiten wie bisher und ab und zu ein Tor aus der eigenen Hälfte erzielen, könnte das mit dem Klassenerhalt sogar klappen. Alles andere ist Hybris. Aber acht Punkte, die kann ihnen schon niemand mehr wegnehmen.

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ge1234 22.09.2014
1. Unsinn!
Paderborn ist bis dato die erfolgreichste Mannschaft der Liga, Deutschlands beste Mannschaft ist sie noch lange nicht.
laberbacke08/15 22.09.2014
2. Erster gegen Vierter
klare Sache :)
schmusel 22.09.2014
3. Oje-Ahrens!
Was ist wohl los? Ein gutes Team verschiesst sein Pulver gleich zu Beginn der Saison während andere Vereine noch mit Nachwirkungen der letzten Saison mit Dreifachbelastung, reihenweise Verletzten und der WM und somit einer suboptimalen Vorbereitung plagen - wie wir es schon oft gesehen haben. Und spätestens in der Rückrunde ist die Luft raus und Paderborn purzelt Richtung zweite Hälfte der Tabelle. Das ist los, Herr Ahrens.
buerger2013 22.09.2014
4. Es ist
doch in fast jeder Saison so, dass die Aufsteiger durch die Euphorie sich in den ersten Spielen die Kondition der ganzen Saison aus dem Hals rennen. Gepaart mit der Unterschätzung auch durch grosse Vereine ( HSV ) kommt es dann zu solchen Tabellensituationen. Dann erfolgt nach und nach die reale Eingruppierung.
ach_du_lieber_gott 22.09.2014
5.
Mal noch eine Anmerkung zu Breitenreiter und dem Etat. Management und Trainer haben es in der letzten Saison geschaft eine Mannschaft zusammen zu stellen, die auch nach 2. Liga Vorgaben "Low Budget" war, wenn ich recht erinnere der zweitniedrigste Etat der Liga und der Trainer hat die Mannschaft nach einem ziemlich verkorksten Saisonstart in die Aufstiegsränge geführt. Ich kann mich noch gut an Gespräche derart erinnern : Anfang Saison...............die steigen ab, sieht man doch Mitte Saison.................Aufstieg das Schaffen die nie Ende Saison.................Ich glaubs nicht, gib mir nen Bier Und selbst wenn es dem SCP ergehen sollte wie Ulm oder anderen schön wars trotzdem und Spaß hat es gemacht.
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