Donezk-Trainer Lucescu Der Zusammenschweißer

Mit Bayern-Gegner Schachtjor Donezk gewann Mircea Lucescu achtmal die ukrainische Meisterschaft, Jupp Heynckes nennt den Rumänen "einen großen Trainer". Dabei hat dessen größte Stärke mit Fußball nichts zu tun.

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Aus Lwiw berichtet


Die Winter verbringt Mircea Lucescu am liebsten in Brasilien. Nicht nur, weil es dort dann Sommer und schön warm ist und die Fußballplätze nicht hartgefroren sind wie in der Ukraine. Lucescu, 69, geht es um die Familie. Der Trainer des ukrainischen Klubs Schachtjor Donezk sorgt sich um das seelische Wohl seiner Fußballer, und von denen kommen sehr viele aus Südamerika.

Derzeit sind es 13 Brasilianer, fast die Hälfte des Kaders. Weil der Familienmensch Lucescu weiß, wie wichtig es ist, ab und an seine Lieben um sich zu haben, fährt er mit seiner Mannschaft zum Wintertraining nach Rio de Janeiro. Es ist ein weiter Weg bis an die Copacabana, doch für Lucescu lohnt er sich; seine Fußballer sind glücklich.

Es ist die wohl kniffligste Aufgabe des Rumänen: Spieler aus so gegensätzlichen Kulturen nicht nur zufrieden zu stellen, sondern aus ihnen ein Kollektiv zu machen. Ein Team. Es gelingt Lucescu erstaunlich gut. Er selbst sagte einmal über sich, als Fußballtrainer verstehe er sich auch immer ein bisschen als Integrationsbeauftragter.

Henrich Mchitarjan spielt seit Sommer 2013 bei Borussia Dortmund, er kam von Schachtjor Donezk. Von seinem einstigen Trainer ist Mchitarjan noch immer beeindruckt, er sagt: "Lucescu ist einer der besten Coaches! Er ist ein toller Mensch, er hilft seinen Spielern sehr dabei, erwachsen zu werden und sich zu verbessern." Vor allem aber schaffe er es, aus Einzelspielern eine Mannschaft zu formen, und diese auf jeden Gegner individuell einzustellen, sagt der Armenier.

Schachtjor hat Kiew als ukrainische Fußballmacht abgelöst

Seit er 2004 das Traineramt vom wenig erfolgreichen Bernd Schuster übernahm, gewann Lucescu mit Donezk achtmal die ukrainische Meisterschaft und fünfmal den ukrainischen Pokal, er zog ins Viertelfinale der Champions League ein und gewann 2009 die Europa League. Sein Klub hat Dynamo Kiew als nationale Fußballmacht abgelöst, ganz so, wie es sich der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow ausgedacht hatte. Achmetow, um den sich die für Oligarchen so typischen halbseidenen Geschichten ranken, hatte die Vision, aus dem aufstrebenden Industrie- und Bergbauverein eine Unterhaltungsmaschine zu machen. Auch deshalb investiert der Kohle- und Strommagnat seit mehr als einem Jahrzehnt Millionen in brasilianische Spieler.

Sie sollen, so die Idee, mit ihrem schönen, leichtfüßigen Zauberfußball Glanz in die ukrainischen Fußballstadien bringen. Lucescu hat mit dieser Vorgabe kein Problem, im Gegenteil. Er setzte den Wunsch Achmetows von Beginn an um, und der lässt ihm in fast allen Belangen freie Hand. Das Konstrukt funktioniert, es ist erfolgreich. Über seine Ästhetik streiten sich die Fußballliebhaber dennoch.

Denn Lucescu, der in seiner Trainerlaufbahn in Rumänien, Italien und in der Türkei arbeitete und die Vielfalt des Fußballs kennenlernte, hat nicht viel Raum für Kreativität oder Alternativen. Das Donezk-Konzept beruht auf einer Zweiteilung der Mannschaft: Den Kern der Defensive bilden einheimische Spieler, großgewachsene und robuste Ukrainer, Türstehertypen, die dem Gegner den Weg verstellen sollen. Davor wirbeln die Brasilianer rund um Alex Teixeira und Luiz Adriano, der mit neun Treffern die Torschützenliste in der Champions League anführt.

"Für die Brasilianer ist alles Show"

Als Vermittler zwischen den Welten fungiert Kapitän Darijo Srna, 33, und seit zwölf Jahren im Verein. Der Kroate weiß genau, was sein Trainer will: größtmögliche Harmonie zwischen den Mannschaftsteilen. Stößt wieder einmal ein junger Brasilianer zum Team, kümmert Srna sich, sie geben sich alle große Mühe. "Europäische Klubs nehmen nur selten ganz junge brasilianische Spieler auf. Das Risiko, sie zu integrieren, ist viel zu hoch", sagt Lucescu. Bei einem sei es schon schwierig, eine ganze Gruppe sei "ein echtes Problem - für sie ist alles Show".

Womöglich hat Lucescu als Trainer nicht so viel Erfolg, weil er herausragenden Fußball lehrt. Sondern weil er ein Menschenkenner und -versteher ist. So brachte er es Anfang des Jahrtausends fertig, erst mit Galatasaray und ein Jahr später mit Besiktas Istanbul Meister zu werden, obwohl beide Klubs heftig verfeindet sind und für völlig unterschiedliche Philosophien stehen. Er liebe es, stetig etwas Neues aufzubauen, "bei Null anzufangen und aus jungen Spielern erfahrene Spieler zu machen", sagt Lucescu.

Jupp Heynckes beschrieb seinen Kollegen einmal so: "Mircea Lucescu ist für mich ein großer Trainer, der erfolgreichen Fußball spielen lässt." Der Rumäne bringe das mit, was die besten seines Faches ausmache: Fachwissen und soziale Kompetenz.

Seinen Spielern redete Lucescu vor dem Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Bayern München (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) ins Gewissen, dass sie keine Angst vor dem deutschen Rekordmeister haben dürften. "Natürlich ist Bayern der Favorit, aber im Fußball ist alles möglich", sagte er. Er hat es in den vergangenen zehn Jahren mehr als einmal erlebt.



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