Vor Revierderby gegen Dortmund Die vier Geheimnisse des Schalker Erfolgs

Erstmals seit zweieinhalb Jahren steht Schalke wieder vor dem BVB. Was hat Trainer Domenico Tedesco mit dem Klub gemacht? Ein paar Anpassungen genügten.

Schalker Jubel beim 2:0 gegen Hamburg
AFP

Schalker Jubel beim 2:0 gegen Hamburg


Sie haben alles versucht, aber Domenico Tedesco wollte einfach nicht mitspielen. Nur ein einziges emotionales Statement wünschten sich die Journalisten auf der Pressekonferenz vor dem 151. Revierderby (Samstag, 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vom Schalke-Trainer. So ein Match, das könne ihn doch unmöglich kalt lassen, er sei doch Italiener, Süditaliener gar. Tedesco aber, der als Zweijähriger nach Deutschland kam, nickte nur bedächtig, die Arme vor dem Körper verschränkt. Immerhin gestand er zu, das Derby sei "eine nette Sache", mehr aber auch nicht.

Keine Kampfansagen, kein Übermut. So nüchtern war Schalke 04 lange nicht mehr - und wohl auch genau deshalb ist Schalke 04 derzeit so erfolgreich wie lange nicht mehr. Erstmals seit zweieinhalb Jahren gehen die Gelsenkirchener wieder als der ranghöhere Klub in das Duell mit dem BVB. Das hatte es in 14 Duellen zuvor überhaupt nur zweimal gegeben.

Schalke hat zuletzt 13 von 15 möglichen Bundesliga Punkten geholt, steht nach zwölf Spieltagen auf dem zweiten Tabellenplatz. Das ist eine kleine Sensation. Stolz erklärte Sportvorstand Christian Heidel noch einmal, was genau das bedeutet: dass "nur eine andere Mannschaft es bislang besser gemacht" habe. Dieser Klub, der in den vergangenen Jahren stets im Spannungsverhältnis zwischen großen Ambitionen und enttäuschenden Leistungen gelebt hat, hat plötzlich ein funktionierendes Team.

Wie genau konnte das passieren?

Kommunikation: Bereits im Sommer hatte Heidel im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt: "Der wichtigste Mann in einem Klub ist der Trainer." Wer sich auf die Suche nach Erklärungen für den aktuellen Höhenflug macht, kommt an Tedesco nicht vorbei. Während Vorgänger Markus Weinzierl im Vorjahr nach Spielende noch oft genug erklären musste, seine Spieler hätten den ursprünglichen Plan nicht umgesetzt, scheint Tedesco keine Vermittlungsprobleme zu haben.

Auch wegen seiner Kommunikationsstärke haben sie ihn verpflichtet, hieß es immer wieder. Darin versteckt schwang natürlich auch Kritik am manchmal etwas wortkargen Niederbayern Weinzierl mit; die Begeisterung, mit der Heidel berichtete, wie anschaulich ihm Tedesco beim ersten Treffen am Laptop den Schalker Fußball seziert hatte, unterstreicht aber die Überzeugungsstärke des erst 32 Jahre alten Trainers.

Personalentscheidungen: Tedesco redete nicht nur, er handelte auch. Er sortierte aus und er sortierte um, genau das war beim x-ten Schalker Neuaufbau auch sein Auftrag. Publikumsliebling Benedikt Höwedes musste gehen, auch Coke, immerhin dreifacher Europa-League-Sieger mit Sevilla, spielt aktuell keine Rolle. Stattdessen hat der erst 21-jährige Thilo Kehrer bislang alle Spiele von der ersten bis zur letzten Sekunde absolviert, der noch einmal zwei Jahre jüngere Weston McKennie drängte zuletzt ebenfalls ins Team.

Tedescos größte Leistung aber ist es, die optimalen Rollen für seine Spieler auf dem Feld zu finden: Max Meyer, für den seit Jahren eine passende Offensivposition gesucht wurde, zog Tedesco vor die Abwehr zurück. Der Trainer erkannte, dass Meyer für das angestrebte Schalker Umschaltspiel die Geschwindigkeit fehlt. Auf der Sechserposition glänzt Meyer nun dank seiner Technik und Ballsicherheit. Auch der lange belächelte Franco di Santo ist in neuer Funktion wieder da: als unermüdlicher Anläufer. Der Argentinier dürfte sich inzwischen mehr als erster Verteidiger denn als zweiter Stürmer fühlen. Und auch auf die Idee, Benjamin Stambouli in der Abwehrkette einzusetzen, musste erst einmal jemand kommen.

Kontrolle und Balance: So beherrscht Tedescos Auftritte in der Öffentlichkeit sind, so kühl agiert auch mittlerweile seine Mannschaft. 26 Tore (16:10) sind in den bisherigen Spielen mit Schalker Beteiligung gefallen, nur in den Begegnungen mit Werder Bremen ging es noch torärmer zu (22 Tore, 8:14). Tedesco hat dem Schalker-Taktikblog Halbfeldflanke in einem Interview einen spannenden Einblick in seine Spielphilosophie gegeben: Auch im eigenen Ballbesitz gehe es immer darum, den möglichen Ballverlust schon mitzudenken, das Team so schnell und so geordnet wie möglich wieder hinter den Ball zu bekommen. "In meinem Kopf habe ich das Bild einer Waage, es geht immer um die Balance."

Max Meyer im Zweikampf
DPA

Max Meyer im Zweikampf

Die neue Kompaktheit im Schalker Spiel lässt sich auch in der Statistik ablesen. Weniger Torschüsse pro Spiel als im Vorjahr, weniger Ballbesitz, mehr Fouls. Die Zahl der zugelassenen Torschüsse ist dazu deutlich gesunken: In der Vorsaison kamen die Schalker Gegner auf durchschnittlich 11,7 Abschlüsse pro Spiel, in der aktuellen sind es nur 10,1 (der drittbeste Wert hinter dem FC Bayern und dem BVB).

Standardstärke: Schalke hat zudem einen Fokus auf Situationen, die man perfekt trainieren kann. Nur sechs der 16 Treffer fielen aus dem laufenden Spiel heraus, alle anderen (inklusive des Eigentors von Bremens Milos Veljkovic) fielen nach ruhenden Bällen. Hier haben Tedescos Schalker also sogar noch viel Potenzial.

Deutet also alles auf den ersten Schalker-Derbysieg seit mehr als drei Jahren hin? "Im Derby ist man nie Favorit", sagte Schalkes Max Meyer. Keine Kampfansagen, kein Übermut. Das Team funktioniert.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
joe.micoud 25.11.2017
1.
Naldo, alter Freund! Geiles Ding in der 94.
ex_Kamikaze 25.11.2017
2. Das heutige
"Erfolgsgeheimnis" war eher, das Aytekin keinen der in der ersten Halbzeit indiskutabel unfairen Schalker vom Platz stellte.
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