Schalke-Gegner Rosenborg Kalter Norden, heiße Fans

Schalke steht in der Champions League unter Druck. Heute darf es in Trondheim keine weitere Niederlage geben. Die norwegischen Gastgeber bauen auch auf ihre Fans. Die sind für ihren Enthusiasmus bekannt, wovon sich das Magazin "11 FREUNDE" vor Ort überzeugen konnte.

Von Christoph Ries, Trondheim


Noch heute schwärmen die "Trollkinder", wie die Trondheimer Fans genannt werden, von der Spielzeit 1999/2000. Damals begann die Rosenborg-Mania. Borussia Dortmund war zu Gast – in der Champions League, für die sich der norwegische Meister qualifiziert hatte. Die Schlachtrufe der einheimischen Zuschauer drangen vom unteren Rang der Gegentribüne auf das Spielfeld des Lerkendal-Stadions. Rhythmisches Klatschen begleitete das Wummern der Trommeln aus dem Fanblock. Auf dem Oberrang nahm ein zweites Spektakel seinen Lauf: Tausende kleiner Pappquadrate bildeten eine riesige diagonale Spirale in schwarz und weiß. Auf Höhe der Mittellinie wuchs aus der Menge das Symbol für ewige Vereinstreue: das purpurne Herz der "Kjernen", der aktivsten Ultra-Gruppierung. Schwarz-weiß-rote Euphorie, ganz Trondheim schien zu beben.

Rosenborg-Fans (beim Spiel in London): Großartige Unterstützung
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Rosenborg-Fans (beim Spiel in London): Großartige Unterstützung

Es war die Saison der großen Choreografien. Fast jeder Gegner, neben dem BVB auch Boavista Porto, Feyenoord Rotterdam, Dynamo Kiew, Real Madrid und der FC Bayern, wurde mit einer eigenen Kurvenshow bedacht. Wenn sich der Winter langsam in die Fjorde schleicht, kann es in Trondheim richtig kalt werden - so kalt, dass die CL-Spiele der Adventszeit eher einem 90-minütigen Überlebenstraining gleichen. "In diesen Momenten hat das Leben als Rosenborg-Fan fast schon etwas Existenzielles", sagt Thomas Selbekk. Der Rosenborg-Ultra gehört zur Kjernen-Crew, dem harten Kern der Trondheimer Fanszene.

Beim Gedanken an die bevorstehenden Heimspiele – heute gastiert Schalke (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), später Chelsea und Valencia - schwingt in seinen Erzählungen ein ordentliches Pfund Pathos mit: "Es gibt nichts Besseres im Leben eines 'Trønder' als einen kalten norwegischen Winterabend, wenn das Flutlicht angeht, die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinkt und die Giganten des europäischen Fußballs zu Besuch kommen." Bayern, Real, Arsenal und Inter – gegen fast alle großen Fangruppen haben sie hier im Lerkendal schon angesungen. Jeder Abend war ein Genuss für sich, weil die Spiele in der europäischen Meisterklasse eine willkommene Abwechslung zum eher grauen Alltag in der norwegischen Tippeligaen darstellten.

Für die Kjernen-Crew bedeuteten die spektakulären Kurvenshows von 1999 ein Ende und einen Anfang zugleich. Noch im selben Jahr entschieden sie sich für einen Umzug innerhalb des Stadions. Vom ursprünglichen Domizil auf der Gegentribüne wanderten die Fans in den wesentlich kleineren, aber nicht minder feinen Stehblock auf der Hintertortribüne. "Es klingt verrückt", sagt ein Mitglied, "aber dort hatten wir wesentlich mehr Möglichkeiten zu expandieren." Der Plan ging auf. Innerhalb weniger Spielzeiten wuchs die Trondheimer Ultraszene rasant: Von anfangs 100 auf weit über 2000 Mitglieder.

Auch die Choreografien der Fans wurden immer professioneller. "Nordens Stolthet" ("Der Stolz des Nordens") prangte bei einem Heimspiel im Jahr 2004 auf einer Flut aus Papierbahnen vom Unterrang, gleichzeitig bildeten weiter oben viele Pappquadrate die drei magischen Buchstaben von Trondheim: "RBK – Rosenborg Ballklub". Die neue Heimat war schnell zur Kultstätte geworden, mit der sich die 1996 gegründete Kjernen-Crew europaweit einen Namen machte und alsbald Ableger nach sich zog. 2005 riefen die Fans "Tifo Trondheim" ins Leben. Eine Gruppe, die sich hauptamtlich um die Fortführung der Rosenborger Choreografie-Tradition kümmern sollte und die Ausführung derselben zur Perfektion brachte.

Doch je stimmungsvoller die Atmosphäre hinter dem Tor und je ausgefallener die Darbietungen der Fans wurden, desto mehr Konflikte traten auf. Das lag auch an den Architekten, die 1995 den Neubau des Lerkendal-Stadions zu verantworten hatten. Statt die Ehrenlogen wie sonst üblich unter dem Dach anzubringen, platzierten die Planer die zahlungskräftige Kundschaft direkt zwischen Ober- und Unterrang. Die Banner der Fans versperrten den VIPs oftmals die Sicht auf das Spielfeld. Immer wieder zerstörten deshalb beleidigte Besucher der Ehrenloge Teile der Choreografien, wurden herunterhängende Papierbahnen abgerissen.

Doch die Krawattenträger sind nicht die einzige negative Strömung, mit der die Kjernen zurechtkommen müssen. In der anderen Ecke des Stadions, wo eigentlich die Gästefans untergebracht sind, hat sich ein weiterer Fanclub aus Trondheim etabliert. Seine Mitglieder tragen Pink, einerseits weil dies den größtmöglichen Kontrast zur Kjernen-Kurve garantiert, andererseits weil keine andere Fanszene in Norwegen diese Farbe vertritt. Bei der Namensgebung waren die Rosaroten weniger neutral: "Heia Bortelaget!" ("Auf geht's, Auswärtsteam!").

Sie verachten RBK und halten zu der Mannschaft, die sich gerade aufmacht, die "Trollkinder" zu schlagen. In gewisser Weise ist "Heia Bortelaget" ein Spiegelbild Norwegens, wo Rosenborg zwar in jeder gesellschaftlichen Schicht Anhänger besitzt, insgesamt aber von den meisten anderen Vereinen für seine Meisterschaften gehasst wird. Die Erfolgsserie des Clubs endete erst in der Saison 2004/2005, als Rosenborg zum ersten Mal seit 14 Jahren die Meisterschaft und damit auch die Champions League verpasste (den Titel holte Vålerenga Oslo).

Für die Kjernen muss es ein seltsames Gefühl gewesen sein, als im Winter die Temperatur unter den Gefrierpunkt sank und plötzlich keine Giganten aus Europa das Lerkendal besuchten. "Aldri mer 1991" ("Nie mehr 1991"), das jahrelange Motto der Fans, die sich nur zu gerne mit der Vormachtstellung ihres Vereins brüsten, war hinfällig geworden. In diesem Jahr wird aber wieder alles seinen gewohnten Gang gehen: Die großen Clubs schauen bei den heißen Fans im kalten Norden vorbei.

Trondheim – Schalke Heute, 20.45 Uhr
(voraussichtliche Aufstellungen)
Trondheim: Hirschfeld - Strand, Basma, Koppinen, Dorsin - Tettey, Riseth, Sapara - Iversen, Kone, Traore
Schalke: Neuer - Rafinha, Westermann, Bordon, Höwedes - Ernst - Jones, Bajramovic - Rakitic - Asamoah (Lövenkrands), Kuranyi
Schiedsrichter: Gilewski (Polen)



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