Schalkes Triumph gegen Gladbach Der sagenhaft unverdiente Sieg

Da stolpern die Schalke-Spieler 90 Minuten lang orientierungslos über den Rasen, bringen exakt gar nichts zustande - und gewinnen am Ende trotzdem gegen Mönchengladbach. Das lag an einem Mann.

Von , Gelsenkirchen

Ralf Fährmann
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Ralf Fährmann


Das ganze Spiel über waren die Profis des FC Schalke 04 orientierungslos über den Rasen gestolpert. Sie waren regelrecht demontiert worden von einer entfesselt wirkenden Übermacht aus Mönchengladbach. Erst als der Abpfiff ertönte, wusste jeder Schalker ganz genau, was zu tun war. Sie rannten zu Ralf Fährmann. Der strahlende Held des Abends hatte mit einem halben Dutzend fulminanter Aktionen einen sagenhaft unverdienten 2:1-Sieg für die Gelsenkirchener möglich gemacht.

Das Publikum feierte Fährmann, die Gegenspieler gratulierten. Doch der Keeper zog sich erstmal zurück, kam um kurz vor Mitternacht als letzter Schalker Spieler aus der Kabine. Er habe "ein kaltes Bier unter der Dusche getrunken", um seinen großen Abend zu genießen.

Ein großer Abend, der auf einen enttäuschenden Tag gefolgt war. Denn der seit vielen Monaten überzeugend spielende Fährmann hofft schon lange auf eine Einladung zur Nationalmannschaft. Doch Bundestrainer Joachim Löw hat mit den Kollegen Manuel Neuer, Bernd Leno, Marc-André Ter Stegen und Kevin Trapp vier andere Torhüter für die anstehenden Länderspiele nominiert.

Es "wäre ein Traum gewesen, aber es ist kein Grund, aufzugeben", sagte Fährmann, "ich versuche meine Leistung zu zeigen, um irgendwann vielleicht doch auf den Zug aufzuspringen." Immerhin konnte er sich damit trösten, dass seine Mannschaft in den 90 Minuten zuvor von einer unglaublichen Glückssträhne profitierte.

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Sprung auf Platz vier: Schalker Glücksmomente
Eigentlich hat der ehemalige Schalker Manager Rudi Assauer nach der verpassten Meisterschaft von 2001 den Fußballgott zu einem nicht existierenden Erzeugnis der Fantasie erklärt. Diesen Sieg jedoch konnte sich Assauers Nachfolger Horst Heldt nicht ohne die Hilfe einer übernatürlichen Kraft erklären: "Ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass der Fußballgott in der Geschichte ganz besonders auf Schalke geschaut hat, und heute war so ein Tag, wo er sich hat bitten lassen."

Denn jenseits der teuflisch guten Torwartaktionen waren die Schalker mit einer denkwürdigen Mönchengladbacher Chancenverschwendung und mit zwei bizarren Glückstoren beschenkt worden. Der erste Treffer fiel nach einer Hereingabe von Leroy Sané, dessen Ball wie eine Flipperkugel von Martin Hintereggers Fuß, an das Bein von Andreas Christensen, zurück zu Hinteregger und von dort ins Tor hüpfte. Mehr Zufall geht nicht.

Und den zweiten Treffer erzielte Leon Goretzka, dessen harmloser Schuss erst gefährlich wurde, weil Granit Xhaka ihn mit seinem Rücken abfälschte. Der Schweizer Nationalspieler rang um Fassung. "Wir waren 95 Minuten lang die bessere Mannschaft. Schalke muss froh sein, dass die überhaupt zwei Chancen hatten. Die hatten eigentlich null Prozent Chancen, null Prozent Spielanteile", sagte Xhaka, ohne übertreiben zu müssen.

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Bundesliga-Analyse: Wie Gladbach Schalke drei Punkte schenkte
Nach den Eindrücken dieses Abends ist kaum vorstellbar, dass die wirren Schalker auch am Ende der Saison vor diesen brillant spielenden Gladbachern stehen. Aber im Moment sind sie tatsächlich zwei Punkte besser.

Die Freude darüber teilt ganz sicher auch Christian Heidel, der zwar noch als Manager bei Mainz 05 tätig ist, aber einen ersten Arbeitstag auf Schalke absolvierte. Bei einem Treffen mit Aufsichtsratschef Clemens Tönnies und Heldt, wurde die neue Führungskraft darüber informiert, "was in der nächsten Zeit als Sportvorstand auf ihn zukommt", berichtete Heldt. Künftig werden viele wichtige Entscheidungen mit Heidel abgestimmt, auch Gespräche mit Trainer André Breitenreiter über die Kaderplanung stehen an. Dass diese Verabredung mit einem Machtverlust für Heldt verbunden ist, ist klar, dennoch befürwortet er dieses Vorgehen. "Es geht nicht darum, wer die längere Nase hat, oder Eitelkeiten in den Vordergrund zu stellen, es geht darum, es so zu machen, dass man einen guten Übergang hat, weil es einfach im Interesse von Schalke 04 Sinn macht", sagte Heldt.

Es wird spannend, wie Heidel sich mit dem viel kritisierten Breitenreiter arrangiert. Dessen Experimente mit einer Fünferkette und einer Manndeckungsstrategie waren an diesem Abend auf jeden Fall ziemlich schief gegangen. Gleich mehrfach modifizierte Breitenreiter die Grundordnung seines Teams. Von einer Art 5-1-3-1 auf ein klassisches 4-4-2, über ein 4-2-3-1 bis hin zu einem 5-4-1, mit dem die Mannschaft den knappen Vorsprung in der Schlussphase verteidigte.

So flexibel war Schalke noch nie, aber in Wahrheit funktionierte nichts von alldem. Außer Fährmann und der bemerkenswerte Deal mit dem Fußballgott.



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fusselsieb 19.03.2016
1. Konsterniert
Wirklich fassungslos saß ich da, gestern abend. Wie konnte das passieren? "Glück Auf Schalke" kann man da nur sagen. Aber einen schönen Zug hat Schalke auch gehabt. Sie haben auf Geis verzichtet. Fand ich hoch anständig. Nunja, in der Rückrunde hatte Gladbach nur einen Gegner bisher, der den Sieg sich wirklich verdient hatte. Und das war der BVB. Wäre echt schade, wenn Gladbach diesmal nicht in der CL oder gar EL ppielt.
Ultras 19.03.2016
2. Falsch!
Dieses Spiel beweist, dass Assauer recht hatte! Gäbe es einen Fußballgott, er hätte Schalke hier nicht einmal einen Punkt gewährt, sondern dabei zugesehen, wie eine überragende Gladbacher Mannschaft eine desaströs auftretende Schalker Gurkentruppe mit 0:4 vom Platz fegt. In ganz Gelsenkirchen gibt es nicht genug Bier, das Fährmanns Vorderleute ihm für diese sensationelle Leistung spendieren könnten.
rapetepap 19.03.2016
3.
Eigentlich geht es hier um ausgleichende Gerechtigkeit: Natürlich, der Sieg für Schalke war unverdient, ja schon unverschämt. Aber wer erinnert sich noch an das Pokalspiel, als Schalke eigentlich 4, 5:0 hätte führen müssen, und Gladbach mit dem ersten Angriff das 1:0 erzielte.... So brutal ist Fußball. Leider. Aber auch manchmal zum Glück: Denn sonst würden die Bayern alle Spiele gewinnen.
der_wolff 19.03.2016
4. Es gibt sehrwohl einen Fußballgott
Es gibt sehrwohl einen Fußballgott dieser hat seinen Fehler, vom 28.10.15 DFB Spiel, S04 gegen Gladbach wo Gladbach völling unverdient gewonnen hat, wieder korrigiert!
mikkomz 19.03.2016
5. Trotzdem verdient
Gladbach hat ein eigentlich überragendes Auswärtsspiel gemacht, hat Schalke 95 Minuten an die Wand gespielt und trotzdem verdient verloren! Verdient deshalb, weil man es sich selbst zuzuschreiben hat nicht wenigstens 2-3 Tore geschossen zu haben! Ja, Fährmann war außerirdisch, aber trotzdem hätte der eine oder andere Schuss platzierter sitzen können. Unverdient wäre es erst dann gewesen, wenn das Endergebnis gestern durch Fehlentscheidungen des Schiris zustande gekommen wäre. Das war aber nicht der Fall, deshalb selbst Schuld. Ändert nichts daran, dass ich mich unbändig darüber ärgere, wie schon über das Wolfsburg-Spiel.
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