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Polizei-Rückzug aus Stadion: Schweizer Modell ist Chance für Schalke

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Schalke-Fans in Blau, Ordner in Rot: Künftig ohne Polizei? Zur Großansicht
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Schalke-Fans in Blau, Ordner in Rot: Künftig ohne Polizei?

Ein Fußballstadion ohne Polizei, geht das überhaupt? Was Politiker, Fans und Fachleute in Deutschland heiß diskutieren, ist in der Schweiz Realität. Dort sind die Vereine für die Sicherheit in den Stadien verantwortlich - doch auch dort gibt es Probleme.

Die deutsche Fußball-Landschaft ist im Aufruhr. Die Ankündigung des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger, keine Polizei mehr ins Stadion des Bundesligisten Schalke 04 schicken zu wollen, hat der Debatte um Sicherheit im Fußball neuen Zündstoff verliehen.

Die Maßnahme wird von der Polizei stürmisch begrüßt, doch es gibt auch viele kritische Stimmen aus Bundesliga und Politik. Schalke selbst gab sich angesichts der Ankündigung verwundert. "Ich kann mir das nicht vorstellen", sagte Manager Horst Heldt. Rechtexperten beurteilen die Ankündigung höchst unterschiedlich.

"Diese Entscheidung ist in meinen Augen rechtswidrig. Dadurch wird im Stadion der rechtsfreie Raum geschaffen, der von der Politik sonst so oft als Schreckensszenario beim Fußball beklagt wurde", sagt der Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes der Westdeutschen Zeitung.

"Wer soll dann entscheiden?"

Anders sieht das Marco Noli von der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte, er begrüßt die Entscheidung Jägers. "Es ist richtig, dass die Polizei nicht mehr im Stadion ist", sagt Noli SPIEGEL ONLINE. Eigentlich gebe es keine Verpflichtung für die Beamten, im Block oder im Stadion zu sein, "sie muss sich bei Großveranstaltungen nur zur Verfügung halten", sagt der Anwalt. Eingreifen müsse die Polizei grundsätzlich nur, "wenn es eine durch Tatsachen begründete Gefahr gibt". Und erst bei einer konkreten Gefahrensituation, die das Ordnerpersonal des jeweiligen Fußballclubs nicht lösen kann.

Polizeiwissenschaftler Feltes glaubt hingegen nicht, dass ein solches Szenario reibungslos ablaufen kann: "Wer soll denn dann entscheiden, wann die Polizei gebraucht wird, wenn sie nicht im und am Stadion ist? Das alles an einen privaten Ordnungsdienst zu delegieren, tut der Polizei insgesamt und besonders der Polizei vor Ort nicht gut."

Ein Stadion ohne Polizei, wäre das überhaupt möglich? Es geht: In der Schweiz sind polizeifreie Fußballarenen völlig normal. Dort kümmern sich ausschließlich die Vereine selbst um die Sicherheit. "Im Stadion ist der Stadionbetreiber zuständig, die Polizei ist dort nicht anwesend. Der Betreiber kann den Sicherheitsdienst selbst bestimmen.", sagt Christian Wandeler, Fanbeauftragter des Schweizer Erstligisten FC Luzern: "Die Sicherheit wird durch private Dienste gewährleistet."

Probleme mit den privaten Sicherheitsdiensten

Private Sicherheitsdienste sind auch in Deutschland aktiv, neben der Polizei. Beide Parteien arbeiten meist unabhängig voneinander, es gibt aber Absprachen. In der Schweiz hingegen sind die Dienste allein für den Sicherheitsbereich zuständig, nur in äußersten Ausnahmefällen werden die Beamten gerufen. "Die Polizei wartet vor dem Stadion und kann hinzugezogen werden, wenn es zu größeren Ausschreitungen kommt", sagt Wandeler. Das ist auch das Szenario, das Innenminister Jäger bei einer genaueren Beschreibung seiner Pläne durchblicken ließ.

Das Auftreten der Polizei, in Deutschland häufig in der Kritik, ist in der Schweiz "von Kanton zu Kanton unterschiedlich", sagt Wandeler: "Einige setzen auf Diskussion und treten wirklich nur in brenzligen Fällen mit den uniformierten Einsatzkräften auf. Das ist die sogenannte 3-D-Taktik: Dialog, Dispositiv, durchgreifen." Allerdings gebe es auch Polizeikorps, die offensiv auftreten und wo man sich als Fan weniger leisten könne. "In den letzten Jahren haben scheinbar einige Polizeikorps ihre Taktik angepasst. Es gibt aber immer noch Fans, die die Polizeieinsätze zu aggressiv finden", sagt Luzerns Fanbeauftragter Wandeler.

Auch in der Schweiz bleiben Konflikte natürlich nicht aus. Die privaten Sicherheitsunternehmen standen schon einige Male in der Kritik. So titelte der Schweizer Tagesanzeiger: "Die fragwürdigen Methoden der Delta-Brüder". Mitarbeiter der Firma Delta Security, die in vielen Stadien für die Sicherheit sorgen sollen, verprügelten 2009 in Zürich gemeinsam mit Hooligans einen Mann, der aus der linken Szene kommen soll. Vor einem Spiel des FC Basel in St. Gallen wurde ein Basel-Fan zusammengeschlagen.

Deutschland als Vorbild

In der Schweiz gab es immer wieder Diskussionen darüber, ob man nicht doch auf Polizeikräfte in den Stadien setzen solle, besonders nach einem Krawall-Derby zwischen den beiden Zürcher Clubs GC und FC vor zwei Jahren flammten die Forderungen auf. Doch nicht nur Fans sprachen sich dagegen aus, auch die Polizei selbst hielt davon nichts: Stadionsicherheit sei eine private Angelegenheit, zudem seien die finanziellen Mittel für solche Einsätze zu begrenzt, so waren die gängigen Argumente. "Die Polizeikosten sind überall knapp bemessen", bestätigt auch Wandeler.

Damals waren die Schweizer Politiker die größten Verfechter von Polizeieinsätzen in Stadien, in Deutschland ist es nun ausgerechnet Innenminister Jäger, der die Polizisten aus dem Schalke-Stadion holen will.

In der Schweizer Debatte um Polizeieinsätze in Stadien wurde übrigens immer wieder ein Positivbeispiel angeführt: Deutschland.

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1.
epic_fail 14.09.2013
Zitat von sysopGetty ImagesEin Fußballstadion ohne Polizei, geht das überhaupt? Was Politiker, Fans und Fachleute in Deutschland heiß diskutieren, ist in der Schweiz Realität. Dort sind die Vereine für die Sicherheit in den Stadien verantwortlich - doch auch dort gibt es Probleme. http://www.spiegel.de/sport/fussball/schalke-schweiz-liefert-modell-fuer-stadion-ohne-polizei-a-922144.html
Ich finde es mehr als nur sinnvoll! Wer einem 20jährigen mehrere Millionen Euro für´s Fussball spielen zahlt, kann auch für die Sicherheit der Zuschauer sorgen. Die Kosten für die Sicherheit dann auf die Öffentlichkeit abzuwälzen, ist völlig absurd. Die, die es sehen wollen, sollen auch für ihre Sicherheit zahlen.
2. Heldt als Verursacher
till2010 14.09.2013
Ja so ist es Herr Heldt, erst ordentlich auf die Pauke schlagen und sich jetzt über die Konsequenzen wundern. Vielleicht sollten sie bei zukünftigen Aussagen und Kritiken erst einmal das Gehirn einschalten.
3. Na und!?
till2010 14.09.2013
Bei jedem Musikkonzert werden hauptsächlich Ordnerdienste eingesetzt, weshalb sollte das denn in Fußballstadien nicht möglich sein. Familien und Fans die dennoch Sicherheitsbedenken haben können sich ja auch das Spiel zuhause im Fernsehen oder in einer Sportbar ansehen. ...dann sind die Atadien halt nicht ausverkauft.
4. Es wurde Zeit, das der Steuerzahler
badbanker 14.09.2013
nicht mehr fuer die Kosten der Fussballclubs aufkommt. Es kann ja absolut nicht sein, dass die Fussballspieler der Clubs Millionen verdienen, aber die Vereine vom Staat subventioniert werden. Fuer die Sicherheit bei einer Freizeitveranstaltung sollte der Veranstalter aufkommen!!! Die Polizei sollte nur bei einer Straftat einschreiten.... und fuer den Einsatz bitte die Klubs zur KAsse beten...danke
5. optional
DerNamenlose01 14.09.2013
im stadion passiert doch in den seltensten fällen wirklich etwas, warum sollte die polizei dann auch im stadion sein? wenn, dann gibt es ja vor und nach den spielen außerhalb des stadions reibereien
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