Von Mike Glindmeier
Hamburg - Felix Magath wollte sich gar nicht mehr beruhigen. "Ich bin völlig unzufrieden mit dem, was die Mannschaft heute geboten hat", sagte der 57-Jährige nach der 1:2-Niederlage beim 1. FC Nürnberg, einer Partie, die Magath als "das schwächste Spiel" bezeichnete. Vier Punkte hat der FC Schalke in sieben Saisonspielen erst geholt. Nur weil der VfB Stuttgart daheim gegen Eintracht Frankfurt keinen Punkt geholt hat, ist Schalke nicht erneut auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht, sondern bleibt Vorletzter.
Zwar vermied Magath am Samstag nach der fünften Saisonniederlage das Wort Abstieg, doch seine Vorgabe für die kommenden Aufgaben ist mehr als deutlich. "Wir müssen jetzt sehen, dass wir punkten, damit wir da unten wegkommen", sagte der Fußballlehrer und nahm seine Profis offener als man es sonst von ihm hört in die Pflicht. "Es sind schwere Zeiten für Schalke. Nicht nur für den Trainer und Manager, auch für die Fans und hoffentlich auch die Spieler."
Müde und ausgebrannt nach dem Champions-League-Sieg gegen Benfica Lissabon wollte Schalke spielerisch den zweiten Saisonsieg schaffen. Einsatz, Leidenschaft und Wille, aber auch Disziplin und Konzentration blieben dabei auf der Strecke. "Wir haben insgesamt zu wenig investiert und nichts getan, um drei Punkte zu holen", so Magath.
Wieder einmal war es die von ihm selbst komplett umgebaute Abwehr, die in Nürnberg kollektiv versagte. "Hinten haben wir katastrophale und völlig unerklärliche Fehler gemacht. Ich denke, dass der eine oder andere Spieler in Gedanken schon bei seiner Nationalmannschaft war." Doch so einfach kann man diese Defensivschwäche nicht mehr erklären. Zumal die Schalker Abwehr derzeit nicht gerade inflationär mit Nationalspielern besetzt ist.
Magath wird nicht müde zu betonen, dass sich die neu formierte Abwehrreihe erst noch einspielen müsse. Eine andere Lesart ist, dass sein Radikalumbau der Schalker Hintermannschaft gescheitert ist. Doch auf Sätze wie "Es war ein Fehler, den Allrounder Heiko Westermann zu verkaufen" oder "Carlos Zambrano hätte in dieser Form bei uns sicher einen Stammplatz" werden die anspruchsvollen Anhänger auf Schalke vergeblich warten. Stattdessen wird der einstige Magier Magath immer mehr zum Masochisten und die Anhänger weiterhin mit einer Viererkette quälen, die ihren Namen nicht verdient hat.
"Wir haben uns dumm angestellt"
Immerhin sind die Spieler einsichtig. "Die Niederlage haben wir uns selbst zuzuschreiben", sagte Nationaltorwart Manuel Neuer zum zweiten Gegentreffer. "Das Tor darf unter keinen Umständen fallen. Wir haben uns dumm angestellt", ärgerte sich Verteidiger Benedikt Höwedes. "Uns ist bewusst, dass wir andere Ansprüche haben", gestand der eingewechselte Ivan Rakitic.
Doch nicht nur die Abwehr muss Magath Sorgen bereiten. 13-Millionen-Mittelfeldmann Jurado durfte sich in Nürnberg nach einer ganz schwachen Halbzeit den zweiten Durchgang von der Bank aus anschauen. Auch von gestandenen Spielern wie Jermaine Jones oder Jefferson Farfán darf man sicher mehr erwarten. Und Real-Legende Raúl wünscht man in diesen Tagen, dass er das Gespräch aus Gelsenkirchen nie entgegengenommen hätte.
Es gab Zeiten, da hat man Felix Magath sogar die Meisterschaft mit dem SC Freiburg zugetraut. 2009 holte er völlig überraschend mit dem VfL Wolfsburg die Schale, dann führte er auf Schalke eine Mischung aus Nachwuchskickern und Fußballegozentrikern auf einen überragenden zweiten Tabellenplatz und in die Champions League. Zumindest für die kommenden Wochen muss Magath nun auf Abstiegskampf umschalten, auch wenn er es noch nicht so recht wahrhaben will. So sei er nach wie vor davon überzeugt, "dass wir besser Fußball spielen können als letzte Saison. Das bedeutet aber nicht, dass wir erfolgreicher sind". Heißt: Vom Ziel, erneut in die Champions League einzuziehen, hat sich Magath verabschiedet - von der Europa League wohl noch nicht.
Die Länderspielpause will der Trainer daher nutzen, um "das Ganze zu verarbeiten". Danach warten auf Magath die Wochen der Wahrheit. Erst kommt mit dem VfB Stuttgart ein taumelnder Gegner in die Arena auf Schalke, der ebenso wie die Königsblauen bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Danach empfangen die Schalker in der Champions League mit Hapoel Tel Aviv den schwächsten Gegner in ihrer Gruppe. Sollte es in diesen beiden Spielen nicht zwei Siege geben, muss man sich wohl wirklich ernste Sorgen um Magath und den FC Schalke machen.
Mit Material der dpa
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