Schalkes Niederlage im Revierderby Königsblaue Tristesse

Elfmeter verschossen, Derby verloren: Schalke hadert nach der bitteren Pleite gegen den Rivalen aus Dortmund mit sich selbst. Mehr als der vierte Platz scheint in dieser Saison kaum möglich, gegen die Top-Teams kann die Elf von Trainer Jens Keller nicht mithalten.

DPA

Aus Gelsenkirchen berichten und


Ganz heimlich hat Roman Weidenfeller sich gefreut, als Kevin-Prince Boateng den Ball nach einer halben Stunde auf dem Elfmeterpunkt platzierte, der Torhüter ahnte, was nun kommen würde. Boateng und Weidenfeller haben vor fünf Jahren für einige Monate gemeinsam beim BVB gespielt, "wir haben damals das eine oder andere Mal Elfmeterschießen geübt", erzählte Weidenfeller später, und für Schützen sei es "sehr schwer, gegen einen Torwart anzutreten, mit dem man mal zusammengespielt hat".

Tatsächlich scheiterte Boateng mit seinem mäßig ausgeführten Strafstoß und schuf damit eine Szene, die die Schalker zum Schlüsselmoment des Nachmittags erklärten, als ihre 1:3-Niederlage im 143. Revierderby amtlich war.

Wenn diese Chance nicht verschwendet worden wäre, "kann das Spiel ganz anders ausgehen", sagte beispielsweise Dennis Aogo, Schalkes Manager Horst Heldt formulierte ganz ähnliche Überlegungen, was im Nachhinein natürlich niemand widerlegen kann. Der Konjunktiv ist ein beliebter Fluchtort für Verlierer.

Viel wahrscheinlicher ist, dass der BVB trotzdem gewonnen hätte. Dass die Mannschaft von Jürgen Klopp einfach das Tempo erhöht, und noch ein paar Tore mehr erzielt hätte. Der BVB ist eben einfach besser, als Summe von Einzelspielern, als Kollektiv, auf allen Ebenen. Der Sieg sei "völlig verdient, wir waren ganz klar besser" analysierte Kevin Großkreutz. Nur während einiger Minuten, als Schalkes Max Meyer ins Spiel gekommen war, wankten die Dortmunder kurz.

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"Der hat richtig Betrieb gemacht und sich superintelligent in den Räumen bewegt", sagte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp über den 18-Jährigen, der sogar zum zwischenzeitlichen 1:2 getroffen hatte. Aber nachdem Henrich Mchitarjan das dritte Dortmunder Tor mit einem Sprint über 60 Meter für Jakub Blaszczykowski aufgelegt hatte, war die Partie entschieden. Schalke war besiegt, die Schlussphase war "angenehm", sagte Großkreutz, "in den letzten Minuten kam es mir vor wie ein Heimspiel".

Schalke hat mächtig zu leiden an diesem Wochenende, auch weil nach drei glasklaren Heimniederlagen gegen den FC Bayern (0:4), den FC Chelsea (0:3) und nun den BVB auch die kühnsten Optimisten Gewissheit darüber haben, dass es ihrer Mannschaft an der Qualität mangelt, um auf diesem Niveau mithalten zu können. "Vielleicht fehlt uns noch ein Stückchen", sagte Benedikt Höwedes voller Widerwillen gegen diese unausweichliche Erkenntnis.

Inzwischen gibt es eine wachsende Anzahl Beobachter, die bemängeln, dass der FC Schalke sich fußballerisch nicht weiter entwickle. Dass kein klares spielerisches Konzept erkennbar sei. Dass ein strukturiertes Aufbauspiel fehle. "Eine Planung an sich wird ad absurdum geführt, wenn wichtige Spieler wegbrechen", lautete Heldts Erklärung für die Stagnation. Wobei die verletzten Stammkräfte Klaas-Jan Huntelaar und Jefferson Farfán zwar wichtig sind, aber keine Strategen, die dem Spiel Struktur verleihen.

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Schalke in der Einzelkritik: Königsblau am Boden, Boateng im Pech
Und im Moment kann nicht einmal Boateng seinem Team ernsthaft weiterhelfen. Höchstens 50, 60 Minuten kann er mithalten, danach gewinnt er kaum noch einen Zweikampf, die legendäre Präsenz wird zu einer fast schon hilflosen Machtlosigkeit. Der stolze Offensivspieler ist ein Sinnbild für die Schalker dieses Herbstes.

Angesichts der traditionell hohen Trainerfluktuation auf Schalke ist es bemerkenswert, dass Jens Keller noch nicht in den Fokus der Kritik geraten ist. Muss nicht die Arbeit des Trainers hinterfragt werden, wenn eine Mannschaft fußballerisch stagniert? "Wenn man das so sehen will, dann kann man dem wenig entgegensetzen", erwiderte Heldt auf diese Frage und wies darauf ihn, dass im Publikum "niemand gepfiffen" habe und auch keine "Keller Raus"-Rufe zu vernehmen waren.

Solange sie die Kleinen schlagen, und sich in der Nähe von Tabellenplatz Vier bewegen, können die Schalker neuerdings offenbar mit der Einsicht leben, dass es übermächtige Konkurrenten gibt. Auch wenn diese aus Dortmund kommen.

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louis1453 27.10.2013
1. Fehler
Der Rausschmiss Magaths war der Jahrhunderfehler, fuer den Schalke jetzt eine ganze Weile schmoren darf. Wenn Mut, Kreativitaet und der Blick aufs grosse Ganze nicht gewollt sind, muss man kleine Broetchen backen.
Freidenker10 27.10.2013
2. Anspruch und Wirklichkeit
Ich kann diese dauernden Ansprüche von Schalke auf Meisterschaft usw. micht nachvollziehen. Für mich steht Schalke auf einer Stufe mit Stuttgart, Wolfsburg und dem HSV, also irgendwo zwischen Platz 3 und 15...
dubfurter 27.10.2013
3. Wer im/mit Keller trainiert...
Kann nicht erwarten an der Spitze zu landen. Jens Keller ist einer Spitzenmannschaft unwürdig und rettet sich immer wieder im letzten Moment durch irgendein Schicksalsspiel. Der Mann hat Null Ausstrahlung oder Autorität. Wenn Heldt nicht so fixiert darauf wäre, seinen Buddy in Lohn und Brot zu halten, würde da schon ein anderer sitzen. Die Mannschaft hat an sich großes Potential welches an der Schlaftablette total verschenkt ist... Schade für Schalke und den deutschen Fußball
JolietJakeblues 27.10.2013
4.
Zitat von dubfurterKann nicht erwarten an der Spitze zu landen. Jens Keller ist einer Spitzenmannschaft unwürdig und rettet sich immer wieder im letzten Moment durch irgendein Schicksalsspiel. Der Mann hat Null Ausstrahlung oder Autorität. Wenn Heldt nicht so fixiert darauf wäre, seinen Buddy in Lohn und Brot zu halten, würde da schon ein anderer sitzen. Die Mannschaft hat an sich großes Potential welches an der Schlaftablette total verschenkt ist... Schade für Schalke und den deutschen Fußball
Gigantisches Wortspiel! Selber ausgedacht? Seine Autorität kannst du ganz sicher nicht einschätzen, aber wenn dir "Ausstrahlung"(wer oder was definiert denn diese "Strahlkraft"?) so wichtig ist, wie wäre es dann mit Maradona als Trainer? Schalkes aktuelles Potential ist ein Platz zwischen maximal 3. und 7. oder 8. Platz. Der Sturm ist zwar nominell top besetzt, das MF Dank Boateng auch recht gut, die Abwehr ist aber höchst mittelmäßig. Dieser Kader jagt keine Angst ein. Was Schade für "den deutschen Fußball" sein soll wenn Schalke verdientermaßen bei "best of the rest" mitspielt, erschließt sich mir nicht. Dieser notorische Schuldnerverein könnte gerne ein paar mal die CL verpassen um zu lernen wieder kleinere Brötchen zu backen.
Hank Hill 27.10.2013
5. Die Schalker
haben komplett zu hohe Ansprueche. Sie vergleichen sich mit Dortmund und sind Lichtjahre dahinter. Nur weil ein Club glaubt ein grosser Club zu sein, oder viele Mitglieder und Fans hat, entspricht die gefuehlte Groesse selten der Realitaet. Der 1.FC Koeln hat auch locker bei Heimspielen in der 2.Liga 40 oder 50.000 Zuschauer, trotzdem gehoeren sie nicht mehr zu den grossen Clubs. Wenn Schalke von der Meisterschaft redet, dann ist das so als wenn der FC in der 2.Liga von der Champions League traeumt.
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