Aus Gelsenkirchen berichtet Rafael Buschmann
Endlich einmal musste sich Kevin Großkreutz in Gelsenkirchen nicht gnadenlos auspfeifen lassen. Der Ur-Dortmunder gilt beim FC Schalke 04 als das Feindbild schlechthin und wird mit entsprechenden Schmähungen bedacht. Bei der 1:2-Niederlage von Borussia Dortmund auf Schalke blieb Großkreutz bei seinem 45-minütigen Einsatz von einem größeren Pfeifkonzert jedoch verschont.
Hat das Schalker Publikum seinen Frieden mit dem BVB-Profi gemacht? Nicht wirklich, aber die Zuschauer hatten kaum eine Möglichkeit, um den 24-Jährigen auszupfeifen. Großkreutz war fast nie am Ball. Was auch damit zusammenhing, dass er viel zu häufig dort stand, wo er nicht hingehörte. Insbesondere Jefferson Farfán und Atsuto Uchida nutzten die Schwächen des im linken Mittelfeld eingesetzten Großkreutz aus. Eine Flanke nach der anderen segelte von dort in den Dortmunder Strafraum, wo Julian Draxler und Klaas-Jan Huntelaar zwei dieser Hereingaben zu Toren nutzten.
Nun wäre es zu einfach, Großkreutz als Sündenbock für die Niederlage herauszupicken. Denn auch die beiden Dortmunder Innenverteidiger Neven Subotic und insbesondere Mats Hummels wirkten überfordert. Und der in den vergangenen Wochen teilweise genial agierende Ilkay Gündogan schaffte es zu keinem Zeitpunkt, Ruhe und eine klare Strategie in das BVB-Spiel zu bringen.
"Wir haben Dortmund heute keine Luft zum Atmen gelassen", sagte Draxler. Schalkes Sportvorstand Horst Heldt erkannte sogar "eine der besten ersten Halbzeiten, die ich jemals gesehen habe". Selbst der sonst eher bescheidene Kapitän Benedikt Höwedes, dessen Vertragsverlängerung bis 2017 vor dem Spiel offiziell verkündet wurde, sagte: "Das war ein perfektes Spiel von uns."
Im Umfeld der Gelsenkirchener ist von Zufriedenheit aber kaum etwas zu spüren. Trotz des Derby-Sieges beschäftigte sich jede zweite Reporterfrage mit Trainer Jens Keller. Der 42-Jährige wurde in den Boulevardmedien bereits wenige Tage nach seiner Vertragsunterschrift zum "Gesicht der Krise" erklärt. Dabei liest sich die Bundesligabilanz Kellers nach dem Sieg über Dortmund recht positiv: Vier mal war sein Team erfolgreich, dazu gab es zwei Unentschieden und zwei Niederlagen.
"Ich habe immer gesagt, dass der Umgang mit Jens unfair ist. Er ist ein guter Trainer und passt zu Schalke", sagte der Vorsitzende des Schalker Aufsichtsrates, Clemens Tönnies. Mit Kopfschütteln quittierte der 56-Jährige nun Fragen zu einer etwaigen Vertragsverlängerung Kellers: "Vor vier Wochen wurde er von allen kritisiert, nun wird er stürmisch gefeiert. Wir wollen diese emotionalen Achterbahnen nicht mitmachen. Zur Trainerfrage werden wir uns deshalb einfach nicht mehr äußern."
Womöglich ist dies tatsächlich die einzige sinnvolle Entscheidung, die Tönnies derzeit bei diesem Thema treffen kann. Denn trotz der guten Bilanz Kellers samt des Derbysieges und den guten Chancen auf das Erreichen des Champions-League-Viertelfinals sollte die Arbeit Kellers noch nicht abschließend bewertet werden. Dafür spielt Schalke nach wie vor zu unkonstant, lässt viel zu viele Torchancen zu. Das Spiel gegen schwache Dortmunder hätte auch 6:4 ausgehen können. Eine Defensivordnung ist unter Keller im Schalker Spiel bislang nicht wirklich zu erkennen, die beiden Außenangreifer Michel Bastos und Farfán verweigern die Abwehrarbeit beinahe komplett.
Mit oder ohne Keller in die neue Saison? Damit wollte sich auch Heldt nicht beschäftigen: "Jetzt lassen wir erstmal heute und morgen die Seele baumeln. Der Sieg tut gerade einfach gut." Sollte Schalke gegen Galatasaray ausscheiden, ist die Krisenstimmung aber wohl wieder ganz schnell zurück, das weiß auch Keller: "Ich habe mich damit abgefunden: Ruhe gibt es hier selten."
Schalke 04 - Borussia Dortmund 2:1 (2:0)
1:0 Draxler (12.)
2:0 Huntelaar (35.)
2:1 Lewandowski (59.)
Schalke: Hildebrand - Uchida, Höwedes, Matip, Kolasinac - Höger, Neustädter (73. Christian Fuchs) - Farfán, Draxler (82. Raffael), Bastos - Huntelaar (54. Pukki)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels (46. Sahin), Schmelzer - Gündogan (76. Leitner), Sven Bender - Blaszczykowski, Götze, Großkreutz (46. Reus) - Lewandowski
Schiedsrichter: Gagelmann
Zuschauer: 61.673 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Huntelaar (3), Kolasinac, Höger (3) / -
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