Von Daniel Theweleit
Ralf Rangnick hatte den wichtigsten Moment dieser Partie bereits vergessen, als er gegen Mitternacht mit der Analyse seines Kollegen Sir Alex Ferguson konfrontiert wurde. "Welches Abseitstor?", fragte der Schalker Trainer verwundert. Zuvor hatte ihm ein Journalist Fergusons eigenwillige These erklärt. Demnach sei ein irregulärer Treffer von Javier Hernández das entscheidende Erlebnis beim 2:0-Sieg von Manchester United im Halbfinal-Hinspiel der Champions League in der Schalker Arena gewesen. Natürlich zählte das Tor aus der 51. Minute nicht. "Das war der Moment, in dem meine Spieler gesehen haben, dass Manuel Neuer überwunden werden kann", erklärte Ferguson den Sachverhalt.
Bei Manchester war nämlich der Eindruck entstanden, dass dieser teuflische Schalker zwischen den Pfosten ganz alleine in der Lage sein könnte, den Engländern ihren hoch verdienten Sieg zu verwehren. "Ich habe noch nie so eine gute Torwartleistung gesehen", schwärmte Ferguson, der immerhin seit 25 Jahren als Trainer bei einem der besten Clubs der Welt arbeitet und von der Queen wegen seiner Erfolge zum Ritter geschlagen wurde.
Bis zu jenem Abseitstor war Neuer tatsächlich umgeben von einer Aura der Unbesiegbarkeit. Er warf seinen Körper in flache, hohe und halbhohe Schüsse. Im Schalker Abwehrchaos war er die einzige Konstante an diesem Abend. Als er später gefragt wurde, ob er schon einmal so viele Schüsse in so kurzer Zeit habe halten müssen, erwiderte er trocken: "Ja, im Torschusstraining."
Ein Alptraum für den Stürmer
Ein wirklich unhaltbarer Ball war zwar nicht dabei, aber die Magie des 25-Jährigen besteht längst aus mehr als nur bemerkenswerten Paraden und fabelhaften fußballerischen Fähigkeiten. Seine Sicherheit, seine Autorität und seine Ausstrahlung flößen den Stürmern Respekt, ja Furcht ein. Er besitzt diese seltene Fähigkeit, seinen Gegnern das Selbstvertrauen zu rauben. Deshalb fand Ferguson das Abseitstor so wichtig. Es war der dringend erforderliche Beweis, dass Neuer doch kein Übermensch ist.
Da wollten sich auch die Schalker nicht zurückhalten. Der beste Torhüter der Welt sei Neuer, sagten Rangnick und Schalkes Manager Horst Heldt in jedes Mikrophon. Dahinter freilich steckte auch kaufmännisches Kalkül. Spätestens seit diesem Abend sollte diese Erkenntnis auch in den hinteren Winkeln der internationalen Fußballwelt angekommen sein. Fans des FC Bayern, die diesen unglaublichen Fußballspieler nicht in München haben möchten, müssen verrückt sein. "Wir haben schon gewusst, wie gut er ist. Jetzt hat es ein Millionenpublikum in der ganzen Welt gesehen", sagte Heldt.
Auch das ist natürlich alles Teil des Feilschens, denn Neuer selbst hat intern den Wunsch geäußert, Schalke im Sommer verlassen zu dürfen. Später sagte Heldt noch, er könne nicht abschließend sagen, dass Neuer unverkäuflich sei, "nachher kommt jemand und bietet 100 Millionen, dann kann ich vielleicht nicht halten, was ich verspreche". Das Signal nach München ist klar: Schalke will richtig viel Geld für seinen Torhüter, möglicherweise deutlich mehr als die zuletzt im Raum stehenden 20 Millionen Euro. Und dieser Abend hat seinen Wert noch gesteigert.
In München haben sie sich bereits auf einen harten Preispoker eingestellt. "Wir wollen Manuel. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Schalker dürfen jetzt bloß keine Mondpreise aufrufen", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß der Münchner "tz". Man habe bisher keine Verhandlungen geführt, "das wird jetzt angegangen".
Der Gefeierte selbst mochte all die Lobeshymnen nicht so recht an sich heranlassen, "dafür kann ich mir auch nichts kaufen", sagte Neuer. Er hätte sich gewünscht, dass die Mitspieler sich von seiner Weltklasseform inspirieren lassen. "Gut gehaltene Bälle können auch eine Reaktion der eigenen Mannschaft hervorrufen, das ist heute leider nicht passiert", sagte er. Aber es gibt ja noch ein Rückspiel in Manchester, und dort ist definitiv eine Menge Magie nötig, um doch noch ins Finale zu kommen.
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